Rezension | Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

Rosemary Harper ist bereit für ein Abenteuer. Ihren Heimatplaneten, den Mars, musste sie aus Gründen, die sie geheim hält, fluchtartig verlassen. Um unentdeckt zu bleiben, heuert sie auf einem Raumschiff, der Wayfarer, einem Tunnelerschiff, an. Die Crew, die Rosemary dort Willkommen heißt, ist ein bunt gemischter Haufen der unterschiedlichsten Spezies, was Rosemary vor eine große Herausforderung stellt. Denn auf dem Mars ist sie in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen und nun muss sie nicht nur mit fremden Spezies zurecht kommen, sondern sich auch nicht anmerken lassen, dass sie ein absoluter Neuling im weiten Weltraum ist.

Die Wayfarer und ihre Crew

Captain der Wayfarer ist der Spacer Ashby Santoso, der sich ein Leben außerhalb seines Raumschiffes gar nicht mehr vorstellen kann. Er liebt die Geräusche des Schiffes, das „Atmen“ der Technik, das ein funktionierendes System bedeutet. Die Pilotin des Tunnelerschiffes ist die Aandriskfrau Sissix, die einer kaltblütigen Echsenspezies angehört, weshalb das Cockpit immer deutlich aufgeheizt ist. Für die Verpflegung ist der plumpe mehrarmige Dr. Koch verantwortlich. Er gehört der Spezies der Grum an, vergleichbar mit einer Kreuzung aus Otter und Gecko, die im Verlauf ihres Lebens mehrmals das biologische Geschlecht wechseln. Um die technische Ausstattung des Schiffes kümmert sich der Mechtech Kizzy und der kleinwüchsige Comtech Jenks.

Für den Treibstoff des Schiffes ist der begabte aber unfreundliche Außenseiter Artis Corbin verantwortlich. Ein Exodaner mit rosafarbener Haut. Die Navigation des Schiffes übernimmt Ohan, ein Sianatpaar, die über den geistigen Horizont aller anderen Spezies hinausgehen können und die lieber für sich bleiben. Von der Crew will das Paar relativ wenig wissen.

Eine kunterbunte, interspeziäre Mannschaft bevölkert die Wayfarer auf ihrem Flug durch das Weltall. Und mitten hinein gerät die liebenswerte aber völlig unwissende Rosemary. Gemeinsam mit ihr entdeckt der Leser die Eigenheiten von Spezies, Planeten und den Beziehungen unter jenen.

Der neue Auftrag der Wayfarer

Kaum befindet sich Rosemary an Bord, erhält die Wayfarer auch schon einen ganz speziellen Auftrag, der für die gesamte Crew einen Aufstieg bedeuten könnte und damit verbunden zu besser bezahlten Jobs führt. Denn bisher ist die Wayfarer ein ordentliches Tunnelerschiff, aber mit begrenzten Möglichkeiten. Aber was tun solche Schiffe eigentlich? Tunnelerschiffe brechen Tunnel in das Universum und verbinden einen Punkt A mit einem weit entfernen Punkt B. Gerade deshalb ist das Sianatpaar Ohan so bedeutend, denn sie denken anders als alle anderen Spezies und können durch einen Tunneler-Sprung hindurchführen, ohne Verluste zu erleiden. Denn den Weg zwischen A und B ohne Tunnel zu durchqueren ist ein gefährliches Unterfangen. Der außergewöhnliche Auftrag birgt Gefahren und eine bis wenig bekannte Spezies, die aber bereits für ihre Aggressivität und Rachsucht bekannt ist.

Um was es eigentlich geht in:
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

Aber eigentlich geht es in Becky Chambers wunderbaren Sci-Fi-Roman überhaupt nicht um den gefährlichen Auftrag der Wayfarer, sondern vielmehr um einen Ausflug durchs Universum und das Entdecken von Spezies, Planeten, anderen Lebensmodellen und den Beziehungen der einzelnen Spezies untereinander. Mich hat die Autorin mit ihrer Geschichte absolut verzaubert. Was bei anderen Lesern auf Langeweile stieß – denn die Vorstellung der einzelnen Spezies, ihrer Heimatplaneten, der geschichtlichen Vergangenheit (Kriege), familiäre Verwicklungen sowie biologische Eigenheiten werden ausführlich geschildert – hat mir eine Welt eröffnet, die kunterbunt und aufregend ist.

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ ist ein ruhiger Roman, der den Leser durch das Weltall führt und auf diesem Weg lernt er nicht nur die Crew der Wayfarer genauer kennen, sondern auch andere Spezies. Und dieses interspeziäre Miteinander über die Eigenheiten jeder Spezies hinweg, ist richtig spannend zu verfolgen.

Becky Chambers hat mit ihrem Science-Fiction-Roman nämlich nicht nur die Tür zu einer unbekannten Welt aufgeschlossen, sondern erzählt viel über Kommunikation miteinander. Sie zeigt auf, dass es unterschiedliche Lebensmodelle geben kann, die allesamt ihre Berechtigung haben, dass es kein richtig und kein falsch in dieser Sache gibt. Jede Spezies verfolgt durch ihre eigentümlichen Charaktere und biologischen Gegebenheiten ihren Bedürfnissen. Becky Chambers gibt einem ganz klassischen und ebenso brandaktuellen Thema – nämlich dem kulturellen Miteinander/Gegeneinander – einen anderen Rahmen: den Weltraum und der unglaublichen Vielfalt von „außerirdischem Leben“. Dabei geht sie auf die sexuelle Interaktion, auf die emotionale Berg- und Talfahrt der Liebe ebenso ein, wie auf gesellschaftliche Werte und biologische Gegebenheiten jeder Spezies ein.

Die KI – Künstliche Intelligenz

Unerwähnt blieb bisher eine weitere wichtige Instanz der Wayfarer: die KI des Schiffes, Lovelace. Sie ist die gute Seele des Tunnelerschiffes. Im Geheimen möchte sie aber nur eines: eine körperlich Gestalt erhalten, um endlich eine richtige Beziehung mit Jenks, dem Comtech, eingehen zu können. Doch bisher ist es verboten, einer KI einen Körper zu geben. KI haben nämlich bisher keine Rechte, wie alle anderen Wesen und Spezies, die zur  Galaktischen Union gehören. Die FVD (Organisation Freunde der vernunftbegabten Digitalwesen) fordern diese Rechte für alle KI.

Das Für und Wider der Anerkennung von Künstlichen Intelligenz als „echte, lebende“ Spezies, empfand ich als besonders spannend. Denn wer von uns kennt nicht die Filme „Terminator“ oder „Matrix„, in welchen künstliche Intelligenz zur Zerstörung der Welt und beinahe dem vollständigen Untergang der Menschheit geführt hat. In Becky Chambers Roman hat man als Leser aber gleich eine sehr große Sympathie für Lovey, die für ihren Jenks alles tun würde – selbst den illegalen Weg, einen eigenen Körper zu erhalten, um ihn richtig umarmen zu können.

Ein großartiges Abenteuer:
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ ist ein komplexes Buch über unterschiedliche Spezies im Weltall. Dabei verliert Becky Chambers den Leser aber nie aus den Augen, sondern führt ihn auf eine außergewöhnliche Reise durchs All. Die Autorin erschafft eine ganz großartige Welt, die es zu entdecken gilt und die Themen aufgreifen die aktueller nicht sein könnten: das friedliche Miteinander, alternative Lebensmodelle oder der Umgang mit technologischen Errungenschaften. Dabei ist mir die Crew der Wayfarer so sehr ans Herz gewachsen, dass ich auch liebend gern an Bord kommen würde, um von einem Planeten zum anderen zu fliegen und Neues zu entdecken.

Dieser Science-Fiction-Roman erzählt von Toleranz und Freundschaft.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Becky Chambers | Originaltitel: The Long Way to a Small Angry Planet | übersetzt von: Karin Will | Genre: Science Fiction | Reihe: Wayfarer-Universum | Band innerhalb der Reihe: 1 | Gattung: Roman | Verlag: Fischer TOR ( 2016 ) | Seiten: 543

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