Rezension | Zwischen zwei Sternen von Becky Chambers

Zwischen zwei Sternen von Becky Chambers

Zwischen zwei Sternen“ von Becky Chambers ist ein neuer Roman aus dem Wayfarer-Universum. Der zweite Band schließt direkt an die Ereignisse von „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ an und spielt zugleich auf einer weiteren Zeitebene, nämlich 20 Jahre zuvor.

Zwischen zwei Sternen – Sidras Geschichte

Planet Coriol: Lovey ist nicht mehr die, die sie einmal war. Sie steckt nun ohne Vergangenheit in einem menschlichen Kit und muss sich auf einem ihr fremden Planeten zurechtfinden. An ihrer Seite steht Pepper, die sich der KI angenommen hat, und weiß, wenn sie beide erwischt werden, droht nicht nur Lovey die vollständige Abschaltung. Auch Pepper als Mensch würde hart bestraft werden, denn eine Schiffs-KI hat nach geltendem Recht keinen Anspruch darauf in einem Kit „leben“ zu dürfen.

Lovey fühlt sich keineswegs wohl in ihrer neuen Haut. Ihr fehlt die vielschichtige Perspektive, die sie im Schiff durch all die Kameras hatte, und ebenso der ständige Zugriff auf Wissens-Datenbanken. Die Einzelperspektive aus dem Kit heraus, irritiert sie, denn sie weiß nie, was hinter ihr geschieht. Was sie dagegen weiß ist, dass dieses Kit der Wunsch der KI war, die sie einmal war; die Lovelace, die nicht mehr existiert. Da sie auf der Wayfarer keine Zukunft mehr hatte – denn die gesamte Crew machte ihre Anwesenheit unendlich traurig – blieb Lovey nur diese Option.

Es ist ein Neubeginn und mit diesem Neubeginn gibt sie sich auch einen neuen Namen: Sidra. Mit ihrer braunen Haut, den braunen Augen und den schwarzen Haaren sieht sie einem Menschen zum Verwechseln ähnlich – nur ihr das immer noch aktive Wahrheitsprogramm könnte ihr zum Verhängnis werden.

Zwischen zwei Sternen“ erzählt die Geschichte, wie Sidra zu ihrer eigenen Identität zwischen menschlich Sein und maschinell hergestellt, findet. Der zweite Band aus dem Wayfarer-Universum berichtet aber noch von einer weiteren Geschichte über Familie, Identität und Freiheit.

Zwischen zwei Sternen – Peppers Geschichte

Peppers Geschichte setzt 20 Jahre vor den aktuellen Ereignissen ein. Sie ist damals noch ein kleines Mädchen und heißt Jane 23. Schon damals hatte sie eine blassrosa Haut und einen haarlosen Kopf. Sie war nur eine von vielen Janes, die in einer Fabrik aufwuchsen, arbeiteten und unterrichtet wurden. Ihre Partnerin war Jane 64, die im selben Bett wie sie schlief und der sie auch ansonsten vertrauen konnte. Neben den Janes gab es auch noch andere Mädchen, durchnummeriert und ihrem Alter entsprechend anderen Aufgaben zugeteilt. Jane war 10 Jahre alt, als sie die Fabrik und die Mütter, die dort auf die Mädchen acht gaben notgedrungen verlassen musste.

Zu bleiben, hätte ihren Tod bedeutet, denn Jane 23 hat durch Zufall entdeckt, dass es etwas außerhalb der Fabrik gibt. Und es ist eine ganz außergewöhnliche Begegnung, die ihr auf einem lebensfeindlichen Planeten das Leben rettet: die Begegnung mit einer Schiffs-KI.

Pepper weiß seit jener Zeit vor 20 Jahren, dass eine KI mehr ist als nur eine Maschine oder ein von Menschenhand geschriebenes Programm. Eine KI ist eine Person, die sich sorgt, die einen Charakter hat und die eigene Entscheidungen treffen kann. Ihre Vergangenheit und die Zukunft von Sidra sind eng miteinander verwoben, auch wenn die beiden dies bei der Landung auf Coriol noch nicht ahnen.

Zwischen zwei Sternen –
nicht nur eine gelungene Fortsetzung

Becky Chambers hat des geschafft einen qualitativ ebenso guten zweiten Band zu schreiben. „Zwischen zwei Sternen“ ist keine einfache Fortsetzung, also ein Abenteuer im Weltraum, sondern dieser Band hat eine ganz eigene Stimme. Chambers baut ihren zweiten Roman nämlich ganz anders auf als ihren ersten Wayfarer-Roman. Sie zieht das unendliche Universum enger zusammen und erzählt die Geschichten zweier ganz besonderer Frauen: Eine von ihnen wurde als Mensch niederer Klasse konzipiert, die andere überhaupt nicht als Mensch angelegt.

In „Zwischen zwei Sternen“ konzentriert sich die Autorin auf die Suche nach der eigenen Identität und schnappt sich dabei zwei ganz unterschiedliche Charaktere, die beide aber eine umso spannendere Geschichte zu erzählen haben. Sidra steht am Anfang und Pepper hat den Großteil ihres Kampfes um die eigene Existenz bereits hinter sich.

Was mir an den Büchern von Becky Chambers so gefällt ist ihre Art der Geschichten: sie sind unaufgeregt, haben immer die Figuren im Fokus und berichten doch von einem unendlichen Universum. Es geht um Freiheit, Toleranz und Miteinander. Wer bin ich? Wer will ich sein? Und wo ist mein Platz in dieser Welt? Beim Lesen von Chambers Romanen denkt man automatisch immer über die eigene Existenz nach und wie sich die (menschliche) Gesellschaft entwickelt.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Becky Chambers | Originaltitel: A Closed and Common Orbit | übersetzt von: Karin Will | Genre: Science Fiction | Reihe: Wayfarer-Universum | Band innerhalb der Reihe: 2 | Gattung: Roman | Verlag: Fischer TOR ( 2018 ) | Medium: Taschebuch | Seiten: 461

Meine Rezension zu Band 1 „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“.

Weitere Rezensionen zu „Zwischen zwei Sternen“:

Weltenwanderer | Tasmetu

3 Kommentare

  1. Hi Ramona,

    eine schöne Rezension! Den ersten Wayfarer-Roman habe ich Anfang des Jahres gelesen und war absolut begeistert. Deshalb war ich auch ein wenig skeptisch, ob der zweite Band der Reihe da mithalten kann und habe ihn noch nicht gelesen. Aber nach deiner Rezension will ich ihn doch unbedingt lesen. Genau die Punkte, die mir im ersten Band so gut gefallen haben, finden sich deiner Beschreibung nach auch im zweiten wieder. Die Art, wie Becky Chambers ihre Geschichten erzählt, finde ich einfach toll.

    Liebe Grüße
    Anka

    1. Liebe Anka,

      ja bitte, lies ihn auf jeden Fall. Er ist anders als Band 1 und gerade deshalb einfach genauso gut! Ich hatte die gleiche Befürchtung, weil man kennt das ja leider nur zu oft bei Reihen, dass die von der Qualität her mit jedem Band abnehmen. Bei Becky Chambers trifft das bisher nicht zu!

      Viele Grüße, Ramona

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