Rezension | Davidson, Andrew: Gargoyle

Details:

Originaltitel: Gargoyle
Genre: Erzählung
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: Bloomsbury Berlin ( 2009 )
Seiten: 574

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Nachdem ich inzwischen Stammgast bei Daydreaming and Dreaming geworden bin und jede  Rezension von Stefanie gespannt verfolge, konnte ich bei diesem Buch nicht widerstehen. Es hat mich sofort angesprochen.

Klappentext: Ein Mann erleidet bei einem Autounfall schwerste Verbrennungen und hat in den Wochen der Rekonvaleszenz nur einen Gedanken: wie er nach seiner Entlassung Selbstmord begehen kann. Bis eines Tages eine mysteriöse Frau an seinem Krankenbett auftaucht, die behauptet, sie seien einst Liebende gewesen – vor siebenhundert Jahren in Deutschland, als sie eine Nonne war und er ein Söldner auf der Flucht.

Inhalt und Aufbau: Protagonist, dessen Name nie genannt wird, ist erfolgreicher Pornodarsteller und –produzent. Er erleidet einen schweren Autounfall, bei dem beinahe sein ganzer Körper schwerste Verbrennungen erleidet – doch er überlebt. Im Krankenhaus liegt er einige Monate im künstlichen Koma, während die Ärzte versuchen seine Haut mit necrophiler Haut wiederherzustellen. Als er gesundheitlich soweit stabil ist, wacht er auf und hat unheimliche Schmerzen. Er ist entstellt, hat einige Finger und Zehen verloren und sogar seinen Penis.

Seinen Beruf wir er nie wieder ausführen können und auch in die Gesellschaft wird er nie wieder ein integriertes Mitglied sein – auch wenn die Ärzte ihm das vorgaukeln, ein Monster, wie er eines geworden ist, will niemand sehen.

Deshalb plant er einen bis ins kleinste Detail geplanten Selbstmord, den er nach Entlassung aus dem Krankenhaus begehen will. Doch bevor es soweit kommt, begegnet er einer Frau: Marianne Engel. Sie steht eines Tages in seinem Krankenzimmer und erzählt ihm, dass sie ihn bereits aus früheren Leben kennt und 1300 geboren wurde. Schnell stellt sich heraus, dass Marianne sich zum Zeitpunkt ihres Besuches in der psychiatrischen Abteilung als Patientin befindet.

Wenig später aber wird sie aus dieser entlassen und besucht unseren Protagonisten. Das Geheimnis, das diese Frau umgibt fasziniert ihn ungemein. Er beginnt mit seiner Ärztin Dr. Edwards Deals auszuhandeln: Er strengt sich bei seinem Genesungsprozess an und dafür erhält er psychologische Bücher, um sich ein Bild der möglichen Krankheit von Marianne zu machen.

Immer mehr beschäftigt er sich mit dieser seltsamen Frau, die verrückte Klamotten anzieht, unzählige Tätowierung auf ihrem Körper hat und manchmal in anderen Welten zu schweben scheint und vergisst darüber hinaus seine Selbstmordgedanken. Er lebt nur noch für Marianne Engel und genest dabei von Tag zu Tag immer mehr.

Meine Meinung:

Ein Protagonist der anderen Art. Er ist kein Sunnyboy, bzw. war einer und wurde durch einen Schicksalsschlag zum Krüppel, zum Opfer und zum Gezeichneten. Er ist weder sympathisch noch will man sich so wirklich mit ihm identifizieren. Dennoch fühlt man als Leser seine Gedanken nach – oder versucht es zumindest. Sein Zynismus ist unterhaltsam und dieser Schicksalsschlag macht einen anderen Menschen aus ihm.

Andrew Davidson begeistert selbst in der Übersetzung durch seine tolle Sprache: »Es war ein Karfreitag, und die Sterne zerflossen langsam in der Morgendämmerung«. (S.7) Dieser und ähnliche Sätze lassen mein Leserherz höher schlagen.

Aber der Autor sorgt nicht nur dafür, dass das Herz höher schlägt, sondern dass einem die Haare an den Armen zu Berge stehen. Sehr plastisch schildert er den Unfall des Protagonisten und seine Zeit im Krankenhaus. Dieses Buch besteht aber nicht nur aus der Krankenhausgeschichte eines Mannes, sondern bietet weit mehr. Es erzählt die schwere Kindheit eines Jungen, der bei seiner Tante und seinem Onkel aufwächst, die das Geld, das sie für seine Erziehung erhalten lieber in Drogen investieren. Es erzählt die vergangenen Leben der Marianne Engel und deren Geschichten von Menschen, die einst gelebt haben, es erzählt von Legenden über die unendliche Liebe.

Außerdem kommen auch die Nebenfiguren im Buch nicht zu kurz. Neue Menschen, die nun im Leben des Protagonisten eine große Rolle spielen, wie die japanische Physiotherapeutin Sayuri oder der Psychiater Gregor finden ihren Platz in diesem Buch voller unterschiedlicher Geschichten.

Dieses Buch zieht den Leser ab einen gewissen Punkt in seinen Bann, denn man kann nicht vorausahnen, was als nächstes geschieht. Man weiß nicht, ob Marianne die Wahrheit spricht und schon seit 700 Jahren auf der Erde lebt oder ob sie einfach nur einen riesigen Dachschaden hat. Ihre Erzählungen sind wunderschön und bleiben auch nachhaltig im Gedächtnis, aber noch viel spannender ist die Geschichte um sie und den Protagonisten im 14. Jahrhundert, die sie hin und wieder ein Stückchen weitererzählt und immer an genau den richtigen Stellen aufhört, sodass der Leser gespannt bleibt, wie es weitergeht. Gargoyle ist ein Buch über das Schicksal, über Glauben und Vertrauen und nicht zuletzt über die Liebe. Daher 5 von 5 möglichen Sternen.

6 Kommentare

  1. Oh, tolle Rezi! Hach, jetzt habe ich grad richtig Lust auf das Buch…aber leider wird es noch ein klein bissi warten müssen *seufz*

    Dein Header sieht ja anders aus, oder täusche ich mich?! Wenn ja, dann sieht es echt klasse aus! Wenn nein, besorge ich mir besser neue Kontaktlinsen *rotwerd*

  2. @ Feenfeuer: Da hast du ganz richtig getippt. Die Pornogeschichte steht wirklich nur ganz am Rande des Buches und nimmt nicht viel Platz ein. Sie spielt – meiner Meinung nach – nur so viel eine Rolle, dass es den krassen Gegensatz symbolisiert, den der Protagonist durchmachen muss, nachdem er den Autounfall hatte. Vorher ein wunderschöner, begehrter Mann und Pornostar, danach ein hässliches, verbranntes „Monster“ ohne Geschlecht. Ich kann das Buch wirklich nur weiterempfehlen!

    @ Katha: Ja ich hab einen neuen Header 😉 Die Kontaktlinsen sind also noch voll intakt ^^ Danke *gg*

  3. Wow, was für eine tolle Rezension!
    Ich bin / war etwas unsicher was das Buch angeht, besonders wegen dieser Pornogeschichte um die Hauptfigur. Ich habe einfach nicht so viel Lust mir sein Leben als Pornodarsteller durchzulesen, aber scheinbar nimmt dieser Teil kaum Platz in dem Buch, bzw. es wird nicht so wirklich auf seine Arbeitstätigkeit eingegangen. Oder täusche ich mich?

    Beste Grüsse

  4. Pingback: El tragalibros – Der Bücherwurm

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