Rezension | Keller, Gottfried: Kleider machen Leute

Details:

Originaltitel: Kleider machen Leute
Genre: Erzählung
Reihe: –
Gattung: Novelle
Verlag: Reclam ( 1996 )
Seiten: 72

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Lektüre für ein Seminar an der Uni.

Klappentext: Das literarische Motiv des Hochstaplers, die Verdeckung des Seins durch den schönen Schein – dies dient Keller zum Grundstoff seiner berühmten Erzählung, in der er den Umschlag vom romantisch-haltlosen Schein zu einer lebensgerechteren Humanität vorführt.

Inhalt und Aufbau: Der Schneider Wenzel Strapinski ist arm und besitzt gerade mal das, was er am Leibe trägt, aber das versucht er gut zu pflegen. Als er eines Tages auf den Weg nach Goldach ist, nimmt ihn ein Kutscher eines Herzogs in der leeren Kutsche mit, da dieser Mitleid mit dem armen Mann hat und ihn nicht durch den Regen wandern lassen möchte.

An einem Gasthof hält die Kutsche und alle Bewohner stürzen sich sofort auf den vermeintlichen Grafen. Der arme Schneider ist sehr schüchtern und traut sich kaum etwas zu sagen oder sich zu wehren und wird daher im Gasthaus einquartiert. Alle Gesten der Zurückhaltung oder der Schüchternheit werden vom Wirt und den Besuchern des Gasthofes als besonders vornehm aufgefasst, womit die Überzeugung, dass der Schneider tatsächlich ein Graf ist.

Der beleidigte Kutscher, der glaubt der Schneider hat diesen Wirrwarr absichtlich verursacht ohne sich für seine Nettigkeit zu bedanken tut sein übriges und erzählt dem Wirt, dass es sich tatsächlich um einen Grafen handelt.

Im Verlauf der Erzählung besucht der Schneider das Landgut des Amtsrates, in dem er bewirtet wird und mit den anderen Gästen plaudert. Dabei wird auch endlich der Schneider aktiv und bringt alle Anekdoten an, die er jemals von vornehmen Leuten gehört hat und wird auch weiterhin als Graf akzeptiert – wenn auch mit schlechtem Gewissen.

Strapinski erlebt Dinge, die er in all den Jahren als armer schüchterner Mann nie erlebt hat. Er ist beliebt bei den Menschen, da er auf jeden freundlich eingeht. Das alles hatte er nur der Wahl seiner Kleider zu verdanken, die keinem armen Schneider gleich waren, sondern mehr vermuten ließen und ihn in Verbindung mit der herzoglichen Kutsche zu jemand anderen haben werden lassen. Durch viel Glück gelangt er auch noch an Geld und versucht das durch Glücksspiel (Lose) zu vermehren, um seine Schulden, die er sozusagen als Graf gemacht hat, obwohl die meisten Gefälligkeiten ihm regelrecht aufgedrängt worden sind, zu bereinigen, denn der Schneider hat eine ehrliche Seele.

Als Graf verliebt sich Strapinski dann auch noch in die Tochter des Amtsrates und das Schicksal nimmt seinen Lauf, denn Lügen haben bekanntlich kurze Beine.

Meine Meinung:

Kellers Kleider machen Leute ist eine unterhaltsame Verwechslungskomödie, die zeigt, was Vermutungen anhand des Äußeren alles verursachen können. Ein armer schüchterner Schneider wird dadurch zum Grafen erhoben, mit Essen, Trinken und allem was dazugehört verwöhnt und auf’s äußerste gelobt. Jede seiner Handlungen, die unter normalen Umständen als schüchtern und zurückhalten interpretiert worden wären, werden jetzt als besonders vornehm und von gutem Anstand zeugend angesehen.

Der Schneider sagt – seinem Charakter entsprechend – nichts, trägt aber auch nichts zur Aufklärung des Missverständnisses bei. Vielmehr werden ihm durch die Grafenposition Möglichkeiten eröffnet, von denen er vorher nicht einmal träumen konnte. Er steht im Mittelpunkt, ist bei allen beliebt und wird gemocht. Er kann mit seinem wenigen Geld spekulieren und, durch Glück, Gewinne erzielen. Er verliebt sich sogar in die Tochter des Amtsmeisters und will sie heiraten.

All das hält ihn davon ab, die Wahrheit ans Licht zu bringen, obwohl ihn sein schlechtes Gewissen gegenüber den anderen plagt, denn er hat sich nicht mutwillig in diese Situation gebracht. Eine schöne und auch sehr kurze Novelle über den Schein des Äußeren. Daher 5 von 5 möglichen Sternen.

2 Kommentare

  1. Pingback: El tragalibros – Der Bücherwurm

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.