#littripFR17 | Verlagsinterview mit Suhrkamp: Gastland Frankreich

#littripFR17 Eine Reise nach Frankreich Gastland-Projekt

Das Gastland-Projekt veranstalte ich dieses Jahr gemeinsam mit Ramona vom Blog Kielfeder! In insgesamt 2 Wochen gibt es auf unterschiedlichen Blogs buchige und köstliche Themen. Mit meinem Beitrag befinden wir uns schon auf der Zielgeraden: nur noch 4 weitere Beiträge zum #littripFR17 wird es geben (inklusive unseres Abschlussbeitrags, in welchem wir Revue passieren lassen).

Den kompletten Zeitplan unserer Aktion finden ihr >hier<.

Auch für Verlage ist das Gastland ein Thema. Deshalb habe ich beim Suhrkamp & Insel Verlag einmal genauer nachgefragt und Lektorin Sabine Erbrich hat uns geantwortet:


1. Welche Unterschiede gibt es Ihrer Meinung nach bei den Lesevorlieben zwischen Deutschland und Frankreich?

Obwohl die Buchmärkte von Frankreich und Deutschland auf den ersten Blick ziemlich ähnlich erscheinen, sind die Vorlieben ihrer jeweiligen Leserinnen und Leser und Verlage doch sehr verschieden. Das beginnt schon bei der Covergestaltung: In Frankreich gibt es seit jeher eine Tendenz zu motivlosen, klassischen, einfarbigen Umschlägen. In Deutschland hingegen findet man eine derart reduzierte Ästhetik fast nur bei Klassikerreihen oder Lyrikbänden.

Auch ein Blick auf die französischen Bestsellerlisten lässt schnell erkennen, dass dort anspruchsvolle Literatur in höherem Maße gelesen wird als in Deutschland, wo unter den meistverkauften Titeln eher die Unterhaltungsliteratur dominiert. In Deutschland gibt es hingegen eine größere Nachfrage nach übersetzter Literatur als in Frankreich. Im hiesigen Verlagswesen kursiert jedenfalls das Credo, dass der französische Markt ein unberechenbarer sei und nach ganz eigenen Regeln funktioniere …

2. Gibt es in französischen Texten etwas ganz Bestimmtes – eine Redewendung oder bestimmte (Satz-)Konstruktionen – die sich von der deutschen Sprachen unterscheidet? Und eben für die franz. Sprache besonders ist?

Diese Frage könnten sicherlich unsere Übersetzerinnen und Übersetzer sehr viel kompetenter und anschaulicher beantworten als ich. In jedem Fall nimmt das Deutsche mehr Platz ein als das Französische, es macht sich in vielerlei Hinsicht breiter. Die Satzkonstruktionen sind im Deutschen meist länger und oftmals vertrackter als im Französischen, häufig muss man sich mit Relativsätzen behelfen, wo im Französischen ein einfaches Partizip ausreicht.

3. Wie viel Beachtung schenken Sie in der Regel dem Gastland der Buchmesse bei der Programmplanung? Nach welchen Kriterien entscheiden Sie?

Mit dem Gastland beschäftigen wir uns in der Regel bereits zwei Jahre vor der jeweiligen Buchmesse. Das ist der Zeitpunkt, um sich die literarischen Produktionen des Landes genauer anzusehen und sich ein Programm für den Buchmessenherbst zu überlegen.

Zweifellos gibt es Unterschiede in der Gewichtung: Frankreich spielt in den Programmen von Suhrkamp und Insel traditionell eine besondere Rolle, hier wird unsere Offerte zur Buchmesse – von Neuauflagen von Klassikern bis hin zu literarischen und Sachbuchnovitäten – sehr viel facettenreicher und umfangreicher sein als beispielsweise zu den Gastlandauftritten von Island oder Indonesien.

Die Kriterien sind im Grunde keine anderen als sonst auch: Qualität des Textes, seine Originalität, die Begeisterung im Verlag, die Ideen für eine ansprechende und erfolgreiche Publikation … Am Ende wollen wir den Leserinnen und Lesern eine attraktive Mischung aus Neuentdeckungen und Wiederentdeckungen anbieten können.

4. Gibt es in Ihrem Programm Bücher franz. AutorInnen, die sich thematisch wiederholen? Auf welche Themen haben Sie Ihren Fokus gesetzt?

Bei über fünfhundert aus dem Französischen übersetzen (lieferbaren) Titeln keine ganz einfache Frage … Etwas generalisierend lässt sich aber sagen, dass es bestimmte Hochphasen und Vorlieben gibt, wie z. B. die Publikation von Philosophen wie Jacques Derrida, Michel Foucault und Roland Barthes, von Sozialwissenschaftlern und Ethnologen wie Claude Lévi-Strauss und Pierre Bourdieu, im literarischen Bereich die Begeisterung für Surrealisten wie André Breton und Louis Aragon, die VertreterInnen des Nouveau Roman wie z. B. Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet oder Oulipo-Literaten wie Raymond Queneau.

Heute finden sich Übersetzungen aus dem Französischen in all unseren Segmenten, vom Sachbuch über die modernen Klassiker der Bibliothek Suhrkamp bis hin zur leichtfüßigeren Literatur im insel taschenbuch. Ein aktueller Schwerpunkt lässt sich vielleicht mit AutorInnen wie Didier Eribon, Geoffroy de Lagasnerie und Annie Ernaux ausmachen, die sich u. a. mit Fragen der sozialen Herkunft, der (Geschlechter-)Identität und der politischen Sichtbarkeit beschäftigen.

5. Haben Sie einen persönlichen Gastland-Buchtipp aus Ihrem Verlag?

Gern auch mehrere! Mein Favorit aus dem suhrkamp taschenbuch ist die betörende Geschichte einer jeunesse dorée in den Sechzigerjahren, Die goldenen Tage von Monica Sabolo. In der edition suhrkamp werden wir einen neuen Titel des Soziologen Didier Eribon publizieren, Gesellschaft als Urteil. Das Sachbuchlektorat empfiehlt Emmanuelle Loyers monumentale Biographie von Claude Lévi-Strauss, und in der Bibliothek Suhrkamp wird Annie Ernaux mit Die Jahre den Frankreichschwerpunkt abbilden.


Suhrkamp & Frankreich:

Wenn ihr mehr zum Suhrkamp Verlag und dem Gastland der Buchmesse 2017 Frankreich erfahren wollt, dann könnt ihr auf der Suhrkamp-Frankreich-Seite mehr erfahren.


Der nächste Beitrag zum #littripFR17:

Morgen geht es weiter bei Ramona auf ihrem Blog Kielfeder!

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.