Rezension | Melville, Herman: Moby Dick

Details:

Originaltitel: Moby-Dick oder The Whale
Genre: Klassiker der Weltliteratur
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: Manesse ( 2004 )
Seiten: 913

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Vor unglaublich langer Zeit zu Weihnachten bekommen *g* Nachdem der SuB-Abbau ja nie schnell genug vonstatten gehen kann, haben Holly und ich beschlossen uns gegenseitig zu unterstützen. Jede durfte aus dem SuB der anderen eine Zahl nennen (natürlich blind) und Holly hat sich für die Nr. 56 entschieden,  weshalb ich nun dran war Moby Dick zu lesen… das wohl dickste (und auch kleinste) Buch, das auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegt. Da kann ich nur sagen: Volltreffer! :p

Inhalt und Aufbau: „Moby Dick“ ist wohl Melvilles bekanntestes Werk überhaupt. Die Geschichte beginnt mit Ismael, einem jungen Mann, der eigentlich aus einer reichen Familie stammt, sich aber – durch einen inneren Drang – zur See hingezogen fühlt. Er hat bereits als Matrose auf mehreren Schiffen das Meer befahren und will nun auf einem Walfänger anheuern. Auf seinem Weg dorthin kommt er in einer Herberge unter, in der er dem Harpunier Quequeg, welcher ein Wilder und Kannibale ist, begegnet.

Anfangs voller Angst und Abscheu diesem gegenüber, entwickelt sich zwischen den beiden aber schnell eine enge Freundschaft und gemeinsam begeben sie sich auf das Abenteuer Walfang. Womit sich nicht gerechnet haben ist Kapitän Ahab, dem ein riesiger weißer Pottwal auf seiner letzten Fahrt ein Bein abgebissen hat und ihn damit beinahe das Leben gekostet hätte. Die Suche nach dem weißen Wal stellt sich als weit schwieriger heraus als erwartet. Von überall her hört man Geschichten über den legendären Wal, der allgegenwärtig sein soll und so schippert die Pequod mit ihrer Besatzung durch die Meere mit dem einzigen Ziel diesen einen Wal ausfindig zu machen.

Meine Meinung:

Jeder kennt Moby Dick von Herman Melville, der die Geschichte von Kapitän Ahab berichtet, der zwanghaft jahrelang hinter einem Wal her ist, um ihn zu töten. Aber wer hat dieses umfangreiche Werk schon gelesen? Wer weiß, dass alles mit Ismael, dem Ich-Erzähler, beginnt, der eines Tages auf der Pequod anheuert?

Ich lese sehr gerne Klassiker der Weltliteratur, wurde aber auch schon häufig enttäuscht und nach Beenden eines Buches dachte ich mir: Warum ist das Buch so berühmt? Warum Moby Dick berühmt ist, stelle ich aber nicht in Frage. Melville schreibt durchaus in einer Form, die sich gut lesen lässt. Man „kämpft“ sich als Leser recht leicht von Kapitel zu Kapitel, da sich deren Umfang durchaus in Grenzen hält.

Zwar gibt es den ein oder anderen Abschnitt, der durchaus kürzer hätte ausfallen können, aber dann wäre es eben auch nicht mehr so ein umfangreiches Werk, das sich nicht nur um einen Wal und einen Mann auf hoher See (vergleichend hierzu Hemingways: Der alte Mann und das Meer) dreht, sondern umfasst, v.a. am Anfang, die Liebe zum Meer, der Drang nach Freiheit und die Erfüllung seiner innersten Wünsche. Auch scheut sich Melville nicht, viele Details und Erklärungen zur Seefahrt, dem Walfang und den verschiedenen Walfischarten einzubringen – die sicher aus heutiger Sicht veraltet sind, dennoch aber einfach dazugehören. Außerdem beinhaltet das Buch eine Anleitung über die Physiognomie des Wales und wie man ihn am besten am Bug eines Schiffes zerlegt – dies zieht sich durchaus über hundert Seiten hin.

Vielmehr ist Moby Dick eine Geschichte, zusammengesetzt aus vielen verschiedenen Geschichten, Fakten und Mythen. Es finden sich dort Sachgeschichten zu Medizin und Naturwissenschaften, Kunst und Kultur, Seemannsgespinst, Tiergeschichten, Erlebnisse und auch „biographische Geschichten“ der Charaktere. Teilweise verliert sich die Geschichte um Moby Dick, dem weißen Wal, und seinem Verfolger Kapitän Ahab darin.

Alle Figuren werden einige Zeilen, mehrere Abschnitte oder ganze Kapitel gewidmet. Auch wenn man verhältnismäßig wenig über den Ich-Erzähler weiß empfindet man das beim Lesen nicht als störend, denn zwischen den Zeilen liest man seine Gedanken und Empfindungen und bildet sich dadurch ein gewisses Bild von ihm.

Manche Beschreibungen und Dialoge haben sich für mich sehr satirisch gelesen. So z.B. die strikte Ordnung und Ranghierarchie an Bord des Schiffes: Bei Tisch, an dem Ahab sitzt – der fast immer schweigt – wird kein Sterbenswörtchen gesprochen und jeder heischt nach seinem Stückchen Fleisch. Das Buch besteht leider größtenteils aus Beschreibungen und Beobachtungen des Ich-Erzählers Ismael, was doch manchmal eher ermüdend sein kann.

Metaphorisch ist dieses Werk ein berauschendes Erlebnis:

„Während das Schiff unaufhaltsam voranbrauste, schien es gewissermaßen vom Widerstreit zweier sich bekämpfender Mächte bewegt, einem himmelwärts strebenden Drang und der Gier nach einem wasserpaß vorausliegenden Ziel.“ (S.394)

Noch ein kleines Manko ganz unabhängig vom Inhalt: Diese Ausgabe kann ich nicht weiterempfehlen, da sie vom Format her sehr klein ist, deshalb auch die über 900 Seiten und je weiter man liest, desto schwerer sind die innersten Buchstaben des Buches zu lesen, worunter die Handlichkeit sehr leidet. Daher 3 ½ von 5 möglichen Sternen.

4 Kommentare

  1. Bewundernswerterweise hast DU es durch dein Buch geschafft… ich quäl mich immernoch. Obwohl quälen ja übertrieben ist, aber diese eeeewigen politischen Grundsatzdiskussionen *gähn* Ich sollte Kapitel mit der Überschrift: Nathanael einfach auslassen ^^

  2. Ave,
    ich habe Moby Dick vor einiger Zeit auf Englisch gelesen und kann dir nur zustimmen: Die Ausschweifungen in die verschiedenen Bereiche erschaffen ein tieferes Gesamtbild als eine simple Erzählung der Haupthandlung hätte erzeugen können. Allerdings ist die daraus resultierende Langatmigkeit gewiss nicht jedermanns Sache.

    Ich persönlich habe zudem immer wieder Walarten in die Google-Bildersuche eingetippt, weil mein englisches Vokabular einerseits nicht so umfangreich auf dem Fachgebiet ist, und ich von manchen Arten andererseits auch so kein Bild in meinem Kopf hätte erzeugen können.

    Liebe Grüße
    Seitenetzer

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