[Rezension] Ahava, Selja: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm

Details:
Originaltitel: Ekysneen muistikirja | Autorin: Selja Ahava| übersetzt von: Stefan Moster | Genre: Gegenwartsliteratur, Romane & Erzählungen | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Mare Verlag ( 2014 ) | Medium: Hardcover | Seiten: 224

Der Tag, an dem ein Wal durch London schwammAnna sieht die Welt durch andere Augen. Sie lebt in einer stationären Einrichtung, sie ist alt und ihr Gedächtnis spielt ihr immer wieder einen Streich. Doch diese Streiche begleiten sie schon ihr ganzes Leben lang, als sie noch im hohen Norden in ihrer Heimat lebte, auf einer Insel mit ihrem geliebten Antti. Oder als sie nach London zog und mit Thomas in einer kleinen Wohnung zusammenwohnte. Anna und ihre sechs Kinder, die aus Teig gebacken oder unter dem Sofa hervorgekrochen sind, leben in einem anderen Zeit-Raum-Verhältnis als der Rest der Menschen, die sie umgeben.

Die Durchbrechung von dem was ist, was war und was sein könnte

Selja Ahava durchbricht mit der Hilfe ihrer Protagonistin die Realität ihrer fiktiven Londoner Welt. Sie wechselt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, spielt mit dem visuellen, greifbaren Dasein ihrer Hauptfigur, indem diese – von einem Moment zum anderen – aus der Zeit herausfällt und davonfliegt. Anna ist eine leise und zurückhaltende Persönlichkeit, die ihre Trauer um ihren verlorenen Antti, den Schmerz von Fehlgeburten und Kinderlosigkeit durch ihren Geist kompensiert. Sie übergeht die Grenzen des materiellen Daseins und schafft sich ihre eigenen Kinder. Für Sie ist die Realität, die sie lebt, weit wirklicher als die, die alle anderen um sie herum erleben. Sie lebt zwischen dem Hier und Jetzt und ihrer Vergangenheit, zwischen dem Nie-dagewesenen und dem Verlorenen.

Ein wohlklingender Genuss für die Seele

Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm ist ein leiser Roman über die Erinnerung, über das Leben, geprägt von Verlust und Schmerz, aber auch von der eigenen Erfüllung fernab der Gesellschaft. Es ist ein Bericht darüber, nicht mit dem eigenen Leben zurechtzukommen und der Flucht in eine Phantasiewelt, die den Platz der Realität einnimmt. Anna begegnet Gott, der doch nicht Gott ist, sie lebt von außen betrachtet ein trauriges und verwirrtes Leben. Von ihrer Perspektive aber ein Leben, das sich mit den Widrigkeiten der Vergangenheit arrangiert. Selja Ahava hat einen Roman verfasst, der ein leiser und wohlklingender Genuss für die Seele ist und der trotz seiner Traurigkeit und dem Mitgefühl, das beim Lesen entsteht, auch die Schönheit des Lebens und vor allem die wunderbare Entfaltung der Sprache nachzeichnet – fernab von Grenzen, die nur in unseren Köpfen bestehen.

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