Rezension | Alessandro Baricco: Die junge Braut

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Es ist ein seltsamer Schauplatz mit einer seltsamen Familie, von der italienische Autor (und mein Lieblingsschriftsteller!) Alessandro Baricco in „Die junge Braut“ erzählt und allein diese Tatsache zeugt schon am Anfang des Buches davon: hier hat der Leser wieder einen „echten“ Baricco vor sich. Dieses Buch wirkt nicht nur durch seinen Erzählstil, sondern auch durch die Geschichte und ihre Ebenen, die Erstaunen und Erkenntnis hervorrufen.

Die Familie – wie aus einer anderen Welt

Der Vater mit dem gläsernen Herzen, die schöne Mutter, die hinkende Tochter und der dauerschlafende Onkel sowie der abwesende Sohn. Das ist die Familie ansässig in einem Gutshaus haben sie ein gemeinsames Ziel: Sie wollen einen einzigen langen Tag leben und so haben sie ihre Rituale, wie den luxuriösen Frühstückstisch, das Zurückziehen am Nachmittag und die Angst vor der Nacht: denn in der Nacht sind bisher alle Verwandten gestorben und so ist der erwachende Tag die Rettung vor dem Tod.

Vier Regeln gibt es im familiären Gutshaus:

  1. Die Nacht wird gefürchtet
  2. Unglück ist nicht erwünscht
  3. Bücher sind Ablenkung, man muss nur dem Leben zuhören und lernen
  4. Notwendige Ruhe für den Vater mit Herzleiden

Und hier noch eine Besonderheit: Denn die gesamte Familie besitzt keine Namen. Sie werden alle nur mit ihren familiären Rollen benannt. Was sich dahinter verbirgt?

Die junge Braut: Das Spiel mit dem Ich

In dieses Schauspiel tritt die junge Braut ein, die mit 18 Jahren aus Argentinien zurückkehrt, wohin ihre Familie in ihrem Kindesalter ausgewandert ist. Eine Vergangenheit im Gepäck, über die sie schweigt und ein Ziel im Kopf: den Sohn der Familie heiraten und somit das Versprechen einlösen, das vor vielen Jahren gegeben wurde. Doch der Sohn ist in England, um sich die Textilbranche genauer anzuschauen und von dort niemals zurückgekehrt. Er scheint spurlos verschwunden.

Die Erzählerin der Geschichte scheint die junge Braut zu sein – so vermutet man auf den ersten Blick. Denn Alessandro Baricco spielt mit den Perspektiven und jongliert mit dem Erzähler ebenso wie mit den Figuren und den Perspektiven, wie mit Bällen. Dieser Wechsel des „Ichs“, das immer wieder einer anderen Figur zugehörig ist und der Wechsel zur Erzähler(in) ist ein Verwirrspiel, das an manchen Stellen ein genaues Lesen erfordert. Seinem Text verleiht dies aber eine wunderbare Tiefgründigkeit, die so typisch für Baricco ist. Ein vorsichtiges Lesen ist das Lesen von „Die junge Braut„, wenn das Ich plötzlich die Stimme einer anderen Figur der Geschichte übernimmt. Der Autor lässt es sich nicht nehmen in seine besondere Familiengeschichte auch die Welt des Schreibens aufzunehmen und zu hinterfragen.

Die junge Braut: Die Vergangenheit jedes Einzelnen

Und während nun die Familie samt der jungen Braut, die ins Haus aufgenommen wurde, auf die Ankunft des Sohnes wartet, von dem fast täglich irgendwelche Gegenstände aus England via Spedition angeliefert werden, berichtet Alessandro Baricco vom Konstrukt dieser Familie, den Hintergründen und dem Grund, weshalb sie so ist wie sie ist.

Die junge Braut“ ist eine Familiengeschichte der anderen Art. Jedes einzelne Familienmitglied hat eine Vergangenheit, die zum Teil nicht schön, sondern erschreckend ist. Und nach und nach werden diese Vergangenheiten entschlüsselt, die auch unglaublich viel mit der Gegenwart zu tun haben. Baricco erzählt von sexueller Freizügigkeit, von klassischen Familienrollen und dem Durchbrechen dieser. Er erzählt vom anstrengenden Kampf, den eigenen Weg zu gehen und übt dabei – versteckt zwischen den Zeilen – auch Kritik an der Gesellschaft und der Gewalt sowie Unterdrückung von Frauen.

Wie aus der Zeit gefallen scheint diese Familie, die eine eigene Lebensweise hat und die sich so unterscheidet von den normal sterblichen Menschen um sie herum. Selbst der alte Modesto, der 95-jährige Diener der Familie ist mit seinen Kehlkopfbotschaften ein Unikat. Er unterstützt die junge Braut, sich in der Welt der Familie zurecht zu finden.

Die vielen Geschichten

Die junge Braut“ ist ein Zerren und Ziehen unterschiedlichster Geschichten, die an die Hauptgeschichte gehängt sind. Dort wird das gläserne Herz des Vaters beschrieben, die außergewöhnliche Schönheit der Mutter, die Schlafkrankheit des Onkels oder die Persönlichkeit der Braut, die im Kern ein Versprechen gegenüber der Großmutter ist, der einst schlimme Gewalt widerfahren ist. Aber auch die Metaeben der Erzähler(in) lässt Alessandro Baricco in seinem Buch nicht aus. Das schon erwähnte Verwirrspiel des Ichs und der Perspektiven thematisiert er konkret und rettet damit den Leser ein Stückchen – diese Verwirrung ist vollkommene Absicht!

Nachdem ich von „Mr. Gwyn“ ein wenig enttäuscht war, mich „Smith & Wesson“ wieder an die hohe Kunst von Alessandro Baricco denken ließ, ist „Die junge Braut“ wieder ein ganz großartiges Werk sowohl im sprachlichen als auch inhaltlichen Sinne. Baricco ist ein Meister darin zwischen den Zeilen noch so viel Bedeutungsvolles zu platzieren und den Leser am Ende dann doch wieder beinahe sprachlos zurückzulassen.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Alessandro Baricco | Originaltitel: La Sposa Giovane | übersetzt von: Annette Kopetzki | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Hoffmann und Campe ( 2017 ) | Medium: Hardcover | Seiten: 207

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