[Rezension] Alessandro Baricco: Mr. Gwyn

Details:
Autor: Alessandro Baricco | Originaltitel: Mr. Gwyn (+ die Erzählung: „Tre volte all’alba“) | übersetzt von: Annette Kopetzki | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Hoffmann und Campe ( 2016 ) | Seiten: 317

Mr. Gwyn von Alessandro BariccoJasper Gwyn ist 43 Jahre und fest entschlossen, nie wieder ein Buch zu schreiben. Deshalb verfasst der Schriftsteller einen Artikel für den Guardian mit insgesamt 52 Dingen, die er von nun an nie wieder tun möchte; darunter „sich mit der Hand am Kinn in nachdenklicher Pose fotografieren zu lassen“ und „höflich zu Kollegen zu sein, die er in Wirklichkeit verachtete“. Der Artikel erscheint und Jasper Gwyn ist verschwunden. Auf der Flucht vor Rechtfertigung zieht es ihn nach Granada. Doch der große Aufschrei bleibt aus und selbst sein Freund und Literaturagent Tom nimmt ihn nicht ernst – einen Schriftsteller, der nicht schreibt, das gibt es doch gar nicht. Doch Mr. Gwyn ist sich seiner Sache sicher, trotz der neu gewonnenen Leere, die sein Leben nun erfüllt, sucht er weiter, nach dem Etwas, das ihm neue Inspiration verleiht.

Ein Treiben, ein Wandeln, ein Suchen

Zeit vergeht und Jasper Gwyn lässt sich treiben. Er schreibt nicht, doch er sucht oder sucht auch nicht. Er lässt sich vom Leben davontragen, aber die Unruhe, die ihn zu seinem endgültigen Schritt veranlasst hat, bleibt. Nur zu seinem einzigen Freund Tom hält er lose Kontakt, durch dessen (dicke) Assistentin Rebecca, die ihm ein Telefon in den Waschsalon liefert. Trotz ihrer Fülle ist Japser Gwyn fasziniert von dieser Frau, die nicht seinem Frauenbild zu entsprechen scheint. Er will sie wiedersehen. Und noch eine Person möchte er wiedersehen: die alte Frau mit dem Regenschirm, die ihn auf eine außerordentliche Idee bringt: Porträts zu schreiben.

Aber das Leben hat anderes im Sinn und so wird die Personifikation der alten Dame zu Jasper Gwyns Gedanken, zu seinem Gewissen, seinem Leitfaden: Jasper Gwyn wird Porträts schreiben. Er sucht ein Atelier nach seinen Vorstellungen, groß, aber gleichzeitig heruntergekommen, mit außergewöhnlichen Glühbirnen, die von der Decke hängen und nach einer gewissen Zeit, nämlich zweiundreißig Tagen, von allein erlöschen; eine Birne nach der anderen, bis sich das Atelier in völlige Dunkelheit hüllt. Sein erstes Objekt des Porträtschreibens soll Rebecca werden, die sich tatsächlich zu diesem Unterfangen bereit erklärt, wohl wissend, dass sie täglich ins Atelier kommen und sich komplett ausziehen muss, während Jasper Gwyn sie beobachtet und versucht ein Gefühl für ihre Person zu bekommen.

Weiß wie Papier

Eine völlig verrückte, absurde und seltsame Szenerie errichtet Alessandro Baricco mit seinem Porträts schreibenden Protagonisten Mr. Gwyn. Der Einfall ist großartig und auch die Umsetzung hat ihren Charme, auch wenn ich das Typische, das ich an diesem italienischen Autor liebe, erst bei der Kurzgeschichte „Dreimal im Morgengrauen“, wiederentdeckt habe. Die Szenen von „Mr. Gwyn“ sind meist recht nüchtern verfasst und setzen sich ganz leicht zu einem Bild zusammen und auch an die eigentümliche Art des Porträtschreibens gewöhnt man sich als Leser schnell. Mit Rebecca wird ausführlich geschildert, wie dieser Prozess abläuft, wie emotional dieses Gegenspiel von Beobachter und Beobachteter funktioniert. Und genau hier trifft Baricco voll ins Schwarze, denn der Sog, der Drang, zu schreiben und der Kampf zwischen körperlichem Verlangen und psychischer Kreativität ist an diesem Ort, seinem Atelier, spürbar; durch Worte, durch Bilder und durch Schweigen.

Aber trotz dieses Blickes in die menschliche Seele, die Mr. Gwyn bei seinen Porträtierten vornimmt, bleibt er selbst dem Leser unentschlüsselt. Er ist ein weißes Blatt Papier, dessen Beweggründe unerklärt bleiben. Man kann sein Verhalten nicht nachvollziehen, er verfällt in Krisen, verschwindet, kehrt wieder und in dieser Zeit wechselt auch die Perspektive zu Rebecca, sodass der Leser noch weniger nachvollziehen kann, was gerade dann mit der Hauptfigur geschehen ist, die emotionale Beweggründe haben muss, die sie dazu verleitet haben, ihr Leben auf den Kopf zu stellen. Stattdessen handelt Mr. Gwyn und der Leser liest das Geschehen, aber ohne je eine Verbindung herstellen oder einen Ansatzpunkt finden zu können, der ihm den Sinn, den Grund, das große Ganze bietet. Was sucht er? Was will er? Was fühlt er? Obwohl seine Perspektive beschrieben wird, ist die Figur des Mr. Gwyns nicht richtig fassbar, ihre Motive blieben im Dunkeln, sein Dasein verschleiert. Aber vielleicht liegt darin die Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens, der für Außenstehende nicht nachvollziebar ist? Möglicherweise ziehe ich hier aber einen zu weit gefassten Schluss für das Buch.

Alessandro Baricco schreibt immer mehr als das, was die bloßen Worte wiedergeben, es gibt immer noch eine Ebene, die sich auftut, die dahinterliegt und die der aufmerksame Leser entdeckt. Doch bei „Mr. Gwyn“ war ich planlos. Planlos auch deshalb, weil die Porträts die große Leerstelle des Romans sind und man sie nur erahnen kann durch die 2012 – also ein Jahr nach dem Roman – erschienene Kurzgeschichte „Dreimal im Morgengrauen“, die dem Buch angehängt ist. Diese hat mir weit besser gefallen, hier habe ich die Ebenen gesehen und „Mr. Gwyn“ auch noch einmal komplett neu reflektiven können. Sie zeugt von seinem Charakter, zumindest so, wie Mr. Gwyn im Buch die Menschen charakterisiert. Bariccos Roman reicht diesmal nicht an seine hohe Schreibkunst heran, die ich von ihm gewohnt bin. Woran das liegt? Ich bin unschlüssig, denn kuriose Szenen und verrückte Figuren hatte er schon oft in seinen Werken. Da der Hoffmann und Campe Verlag aber die doch eng miteinander verbundenen Werke Bariccos in einem Buch zusammenfasst, erhält man als Leser doch einen tieferen Einblick, der sich vielleicht auch erst beim zweiten Lesen tatsächlich ergibt – wer weiß.

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