[Rezension] Alessandro Baricco: Smith & Wesson

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Jerry Wesson ist Fischer. Aber kein Gewöhnlicher, denn sein Ruf eilt ihm voraus. Er fischt Leichen aus dem Fluss, er rettet verlorene Seelen. Sein Terrain sind die berauschenden Niagarafälle, welche immer wieder Menschen dazu verleiten, ihrem Leben ein Ende zu setzen, indem sie sich in die alles verschluckenden Fluten stürzen …

Das Personal: Smith & Wesson & Rachel

Aber Startpunkt von Alessandro Bariccos kurzem Buch sind nicht die beeindruckenden Wasserfälle, sondern ein Zimmer in einer Pension. Wesson liegt im Bett und macht eine Kur. Lediglich zum schnellen Kochen und zur natürlichen Entleerung bewegt er sich aus dem Bett. Zumindest solange, bis Tom Smith an seine Tür klopft. Smith ist Statistiker und kann das Wetter vorhersagen. Er sammelt dazu die Erinnerungen von Menschen. Die letzten 77 Jahre trägt er zusammen, um das künftige Wetter vorherzusagen.

Eine seltsame Unterhaltung beginnt, in welche die junge, motivierte Rachel hineinplatzt. Rachel ist frustriert, denn ihre Karriere als Journalistin nimmt keine Fahrt auf, stattdessen erledigt sie Büroarbeiten, bis sich ihr eine einmalige Gelegenheit bietet, ihrem Chef zu beweisen, dass sie journalistische Fähigkeiten besitzt. Sie soll eine große Story an Land ziehen und beschließt dazu an die Niagarafälle zu fahren. Mit nur noch wenig Geld in den Taschen, einer lebensgefährlichen Idee im Kopf und der Unterstützung von Smith & Wesson plant sie das Unmögliche, das noch nie da Gewesene und spielt dabei mit ihrem eigenen Leben: sie will sich als erster Mensch in einem Holzfass die Niagarafälle hinunterstürzen – und überleben.

Ein Spiel über das Leben in 5 Akten – Smith & Wesson

5 Akte gibt der italienische Autor Alessandro Baricco vor in seinem gerade mal 112 Seiten dicken Büchlein. Er nutzt dabei die Form des Theaterstücks für sich und transformiert dieses Theater in ein Schauspiel des Lebens. Dabei werden die Figuren seines Buches „Smith & Wesson“ als Schauspieler und Figuren eingesetzt. Mit Regieanweisungen wendet der Erzähler sich direkt an den Leser, bricht mit der Geschichte und holt den Leser auf eine weitere Ebene als direkter Beobachter seines Schauspiels und der Schauspieler auf der Bühne.

Alessando Baricco macht aus seinen Figuren fiktional-reale Charaktere und rückt sein kurzes Stück nicht zuletzt damit auf mehreren Ebenen in das Spannungsfeld der Existenz. In 5 Akten berichtet er vom Leben und dessen Bedeutung. Er schreibt nicht nur in seine Figuren das Leben hinein, sondern auch in dem, was diese tun:

Smith ist Statistiker. Er will das Wetter vorhersagen und benötigt dazu die Daten der letzten 77 Jahre eines Ortes. Um dieses Wissen zu erlangen, sammelt er die Erinnerungen der Menschen, denn ereignisreiche, herzzereißende oder schmerzhafte Erinnerungen bergen meist auch das Wetter des Moments in sich und so sammelt Smith nicht nur Wetterdaten sondern zugleich die Erinnerungen der Einwohner. Er gräbt die vergessenen Tage der Menschen aus.

Rachel dagegen sprüht vor Leben. Sie will Ereignisse der Gegenwart festhalten, sie niederschreiben und den Menschen mitteilen. Sie will eine Spur auf dieser Welt hinterlassen, sich eingraben in die Historie und etwas bewegen, dabei sein, mitten im Hier und Jetzt. Sie will eine Chance haben, zu zeigen, was sie kann, wer sie ist und wer sie werden möchte. Sie riskiert bei diesem Versuch alles.

Wesson sorgt sich um die Toten. Er ist kein gewöhnlicher Fischer in der Welthauptstadt der Selbstmorde. Seine Stadt zieht die verlorenen Seelen magisch an und keiner kennt die Flüsse besser als er, keiner weiß genauer über die Wirbel und Strudel Bescheid wie dieser Mann. Wesson zieht die Unglückseligen aus dem Wasser, sodass sie nicht von den Niagarafällen verschluckt und nie mehr gefunden werden. Er rettet die Unrettbaren.

Das Leben und seine Vergänglichkeit: Smith & Wesson

Aber nicht nur die drei Hauptfiguren spiegeln das Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wider. Baricco ist Meister darin, mit wenigen Worten eine ganze Menge zu sagen und auch mit „Smith & Wesson“ erreicht er dies wieder. Worte sind bedeutsam. Sie wiegen schwer und können alles sein, im dahin rasenden Moment eines einzelnen Lebens. Mit seinem kleinen Büchlein hat mich mein Lieblingsautor Alessandro Baricco wieder ganz von sich überzeugen können, was ihm mit „Mr. Gwyn“ nicht ganz gelang. Er vermag es wie kein anderer in nur wenigen Zeilen die Welt zu bewegen, sie zum Erschüttern zu bringen und die Gedanken Passage um Passage immer weiter zu führen über sein Buch hinaus.

Buchdetails:
Autor: Alessandro Baricco | Originaltitel: Smith & Wesson | übersetzt von: Annette Kopetzki | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Erzählung | Verlag: Hoffmann und Campe ( 2016 ) | Seiten: 112

Weitere Rezensionen: BücherKaffee | AstroLibrium | Vanessas Bücherecke

 

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