[Rezension] Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Details:
Autorin: Alina Bronsky | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Kiepenheuer & Witsch ( 2015 ) | Seiten: 154

Baba Dunjas letzte Liebe von Alina BronskyIn Tschernowo ticken die Uhren anders. Das Dorf liegt im verstrahlten Gebiet, in der Todeszone des Reaktorunglücks von Tschernobyl. Baba Dunja, die ihr Leben bereits hinter sich, ihre Kinder großgezogen, ihren Mann überlebt hat, lebt in dem kleinen beinahe verlassenen Dorf. Ihr Entschluss nach dem Unglück in ihr Heimatdorf zurückzukehren, hat sie berühmt gemacht. Doch das interessiert Baba Dunja nicht. Sie bemüht von Tag zu Tag ihre alten Glieder, pflanzt Gemüse in ihrem Garten an und holt Wasser aus dem nahe gelegenen Brunnen oder wundert sich über ihre manchmal doch nervigen Nachbarn. Denn Baba Dunja wohnt nicht allein in Tschernowo: Ihrem Beispiel sind andere Alte gefolgt, die ihren Lebensabend dort verbringen wollen, wo ihre Heimat ist.

Abgeschnitten von der Außenwelt

„Baba Dunjas letzte Liebe“ erzählt von einer kuriosen Lebensgemeinschaft: Im verstrahlten Gebiet des Reaktorunglücks von Tschernobyl leben die inzwischen alt gewordene Baba Dunja und einige Nachzügler, ihre Nachbarin Marja, die eingebildete Kranke, der alte Sidorow, der gerne noch einmal heiraten würde, das Ehepaar Gavrilow oder der krebskranke Petrow. Baba Dunja, deren Entscheidung, in ihr altes Heimatdorf zurückzukehren, sie berühmt gemacht hat, pflegt täglich das kleine Stück Gemüsebeet in ihrem Garten und holt Wasser aus dem nahe gelegenen Brunnen. Um die Strahlung macht sie sich in ihrem hohen Alter keine Sorgen.

So schwingt in Alina Bronskys Roman meist unterschwellig eine Komik mit, die es in sich hat. Das alltägliche und geruhsame Leben der Gemeinschaft grenzt an einen paradiesischen Lebensabend. Wäre da nicht die verseuchte Atmosphäre, die Luft, die alle tag täglich einatmen. So werden der gerupfte Hahn, das frische Brunnenwasser und das selbst geerntete Gemüse zu Stigmata eines schrecklichen Unfalls, dessen Nachwehen der Gemeinschaft an ihrem Rückzugsort aber keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Unerwünschten Besuch gibt es nicht, lediglich der lange Fußmarsch zur nächsten Bushaltestelle ist für die müden Knochen Baba Dunjas anstrengend.

Abgeschottet vom Rest der Welt ohne Telefon, Internet oder Fernsehanschluss lebt jeder für sich in den Tag hinein. Langeweile kommt nicht auf, Arbeit findet sich immer an der einen oder anderen Stelle und wenn Baba Dunja nicht mehr will, dann schreibt sie Briefe an ihre Tochter in Deutschland. Irina trifft sie alle paar Jahre im nächst gelegenen Ort Malyschi, ihre Enkelin hat sie dagegen noch nie gesehen und Baba Dunja bittet nicht darum die inzwischen junge Frau einmal mitzubringen. Sie weiß, warum Irina ihr Kind noch nie in die Nähe Tschernowos gebracht hat und sie akzeptiert die Konsequenzen, die ihre Entscheidung mit sich bringen.

Tragisch-komisch

Alina Bronskys Roman besitzt eine wunderbare Situationskomik, die nicht zuletzt ihrer Heldin zu verdanken ist. Baba Dunja, die sich bewusst für ihre Heimat und damit für die Einsamkeit und Stille entschieden hat, lebt mit den Lebenden und den Toten in einem verlassenen Dorf, welches überall Spuren des Zurücklassens aufweist. Die Menschen, die einst hier lebten, sind nicht freiwillig gegangen und die wenigen, die zurückgekehrt sind, stammen nicht alle aus Tschernowo. Baba Dunja ist scharfzüngig, lebenserfahren und weiß doch, dass sie vieles von der modernen Welt nicht versteht, bereut ihre Entscheidung aber nicht, da Tschernowo der einzige Ort ist, an dem sie sterben möchte.

Im Verlauf des Buches wird das Geschehen aber nicht nur von den schrulligen Bewohnern bestimmt, die in Baba Dunja immer mehr eine Art Bürgermeisterin sehen und die sich in ihr fremdbestimmtes Schicksal als Sprecherin des Dorfes ergeben muss, sondern von echten Besuchern, die im Dorf auftauchen. In Tschernowo hat sich die Zeit entschleunigt, die Vergangenheit ist allgegenwärtig, und das Leben wird so gelebt, wie man es gewohnt ist, ohne Fremdeinwirkungen von außen. Doch als die moderne Welt im Dorf einbricht, verändert sich alles schlagartig und Chaos entsteht. Alina Bronskys Erzählstil ist tragisch-komisch, ihr Roman ist voller skurriler Gestalten und spielt an einem paradiesisch-tödlichen Ort. „Baba Dunjas letzte Liebe“ habe ich sehr gerne gelesen, denn der Wechsel zwischen Heiterkeit und Melancholie gelingt ihr genauso gut wie die aussagekräftigen nicht geschriebenen Worte zwischen den Zeilen. Für mich war das 150-seitige Büchlein am Ende beinahe etwas zu kurz, etwas zu schnell; zu viel scheint mir noch ungesagt geblieben zu sein über die Bewohner Tschernowos und ihr Leben in der Todeszone.

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