Rezension | Alles über Heather von Matthew Weiner

Alles über Heather

Manche Bücher sind überraschend und manche Bücher entwickeln eine Sogwirkung der anderen Art. Matthew WeinersAlles über Heather“ besitzt beides: Es glänzt mit einer knallenden Überraschung am Ende und entwickelt bis dahin eine ganz besondere Sogwirkung, dem sich nicht nur der Leser, sondern auch die Figuren nicht entziehen können.

Mark und Karen lernen sich erst relativ spät kennen. Sie heiraten und mit 40 ist Karen schwanger. Das Paar bekommt eine Tochter: Heather. Ab diesem Zeitpunkt dreht sich alles nur noch um Heather und die Beziehung zwischen Mark und Karen beginnt zu bröckeln. Die ehemalige traute und vertraute Zweisamkeit ist druchbrochen und zwischen die beiden schiebt sich Heather, nicht mutwillig, sondern ihre bloße Existenz setzt eine Kettenreaktion in Gang, die ihre Eltern zu Gegenspielern werden lässt.

Alles über Heather – Figurenzeichnung auf hohem Niveau

Aber eigentlich geht es in Matthew Weiners Debüt kaum um Heather als Person. Sie findet zwar beim Leser auch Gehör, aber hauptsächlich geht es um die Menschen in ihrem Umfeld, die eine Art Obsession zu ihr entwickeln.

Heathers Mutter Karen

Ihre Mutter Karen gibt ihr eigenes, selbstständiges Leben auf, um sich voll und ganz auf ihre Tochter zu konzentrieren, jede Regung an ihr zu bemerken und ihre beste Freundin zu sein. Als Heather in die Pubertät kommt, kann sie es kaum ertragen, dass sich ihre Tochter von ihr abwendet.

Heathers Vater Mark

Auch Mark wird dabei zum Feindbild, das sich angeblich zwischen Karen und ihre Tochter drängen will. Mark hingegen fühlt sich allein gelassen. Er ist der arbeitende Vater, der immer weniger Kontakt zu seiner Tochter findet, erst als diese im Teenageralter auf Konfrontationskurs mit ihrer Mutter geht.

Heathers Stalker Bobby Klasky

Aber da ist noch eine andere Person, die nach dem ersten Anblick der schönen Heather, seine Gedanken nicht mehr von ihr loslösen kann: Robert „Bobby“ Klasky ist Bauarbeiter, kommt frisch aus dem Gefängnis und glaubt er ist schlauer als der Rest seiner ehemaligen Mitschüler. Seine Mutter war heroinabhängig, bis er ihr Haus angezündet hat und sie im Feuer starb. Bobby hält sich für äußerst intelligent und vom Rest der Welt missverstanden. Als er Heather zum ersten Mal erblickt, weiß er ganz genau, dass es Fügung ist, wenn sie durch ihn stirbt …

Dieses Dreiergespann beherrscht Matthew Weiners Geschichte. Mit einem ganz besonderen Sprachgefühl lockt der Autor dabei die Charaktere heraus. Dabei nutzt er kaum wörtliche Rede, sondern zieht einen Erzähler ins Boot, der sich im ständigen Wechsel der Figuren annimmt. Mal zoomt er tief in die Gefühlswelt heran, mal beschreibt er eine Situation mit einer Nüchternheit, die dennoch die Sogwirkung des Textes nicht vermindert.

Alles über Heather – ein Blick in die menschliche Psyche

Einen vielleicht sogar zu kurzen Einblick gibt Matthew Weiner mit seinem Debüt in die menschliche Psyche. Er zeigt auf, wozu Menschen bereit sind, auch wenn sie dies selbst nicht wissen bis zum letzten entscheidenden Moment. Er komprimiert das Leben von vier Menschen auf wenige Seiten, schafft aber zugleich ein rundes Bild zu entwerfen, das dem Leser ausreicht, um das Denken der Figuren mitzuerleben; und auch die Erkenntnis zu setzen, dass die eigenen Gedanken einem manchmal hinters Licht führen können.

Und doch schwanke ich etwas, wie mir  „Alles über Heather“ letztendlich gefallen hat. Meine Erwartungen wurden vollkommen über den Haufen geworfen und damit habe ich während des Lesens immer gehadert. Vielleicht lag es an dem andersartigen Ende, das überraschend und doch irgendwie – wenn ich länger darüber nachdenke – großartig passend war. Ein Buch, das knallt!

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Matthew Weiner | Originaltitel: Heather, The Totality | übersetzt von: Bernhard Robben | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Rowohlt Hundert Augen ( 2017 ) | Medium: Hardcover | Seiten: 137

Weitere Rezensionen zu „Alles über Heather“:

Die Buchbloggerin | Literat(o)ur | Herzpotenzial | schonhalbelf

2 Kommentare

  1. Hallo,

    das klingt wahnsinnig interessant! Ich mag Bücher, die das Augenmerk auf die Psyche ihrer Protagonisten (und deren Abgründe) richten.

    Schöne Rezension!

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

    1. Hallo Mikka,

      danke für’s Verlinken. Ja, das Buch hat die Psycho-Ebene wirklich gut eingefangen und zwar so, dass ich es in anderen Büchern ähnlich noch nicht entdeckt habe!

      Viele Grüße
      Ramona

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