[Rezension] Anneliese Mackintosh: So bin ich nicht. Gretas Storys

Gretas Storys: Sie trinkt zu viel, ihre Schwester ist selbstmordgefährdet, ihr Vater tot und mit ihrer Mutter hat Greta nicht das beste Verhältnis. Greta ist Schriftstellerin, sie ist Mensch (!) und Titelheldin ihrer Geschichten. Sie webt eine Metaebene, erzählt Geschichten und spielt mit den Perspektiven. Zum Teil Greta, zum Teil die Autorin Anneliese Mackintosh, die mit „So bin ich nicht. Gretas Storys“ eine Heldin kreiert, die mich tief ins Herz getroffen hat mit ihren Eigenheiten, ihrer Stimme und ihren Geschichten.

„Gretas Storys“ ist ein passender Untertitel für dieses Buch, denn aus einzelnen Geschichten besteht Mackintoshs Roman. Und was im ersten Moment verwirrend klingt, (Szenen- und Perspektivwechsel oder das ständige Vermischen von Autor und Figur), hat doch auch wieder System – beim näheren Hinblicken, beim Beobachten jeder Story und der Verknüpfungen, die sich manchmal klammheimlich, manchmal sonnenklar offenbaren.

Gretas Storys – eine Reise durch Zeit und Raum

In Zeit und Raum bewegt sich die Autorin Anneliese Mackintosh mit ihrem Roman, der sich um Greta dreht und die dabei an ihr künftiges Ich schreibt, ihre Vergangenheit Revue passieren lässt, fiktive Geschichten erfindet und vom Hier und Jetzt erzählt. Greta ist in Trauer und diese Trauer begleitet sie, immer und überall und manchmal droht sie sie zu übermannen, manchmal macht sie sich klein und doch ist jene größer als die von anderen Menschen: die Trauer.

Aber neben der Trauer, die Greta begleitet, gibt es ebenfalls eine überwältigende Phantasie, die sich in den einzelnen Geschichten zeigt, nämlich dann, wenn sie schreibt und daraus fiktive Geschichten (in der fiktiven Geschichte um Greta) entstehen, die im späteren Verlauf mit der Haupthandlung, Gretas Leben, verknüpft werden. Nicht nur Zeiten, Schauplätze, Erzählstränge, sondern auch Perspektiven wechselt Mackintosh und nimmt sich anderer Personen des Buches an oder wechselt in ganz merkwürdige, wenn nicht sogar groteske Perspektiven. Aber neben all dem Wechsel von Ebenen und Zeiten und Schauplätzen bleibt doch der rote Faden bestehen: Greta.

Gretas Storys – ein besonderes Lesegefühl

Ein ganz besonderes Buch ist „So bin ich nicht. Gretas Storys“, denn obwohl ich mit Greta nicht unbedingt viele Gemeinsamkeiten habe, so habe ich mich als Leserin doch verstanden gefühlt. Von ihr, von ihrem Handeln, ihrem Leben und dem ganzen Drumherum. Greta lebt und kämpft und streitet und trinkt und schreibt. Sie hadert und macht weiter, wechselt vom Hier und Jetzt zu visionären Momenten, wie etwa ihrer eigenen Beerdigung (und den Regeln, die dort  von allen geladenen Gästen befolgt werden sollen), oder in fiktive Welten. Gretas Storys sind ein Zeugnis für eine Figur, die verrückt ist, sich keinen Konventionen anpasst und diese als Revolutionärin auf ganz ungewöhnliche Weise zu durchbrechen versucht. Eine Gleichung, die etwa so aussehen könnte: vegan = nackt = radikal (ganz frei nach Gretas Storys von mir erfunden).

Und dabei versucht Greta eigentlich nur ihre eigene Identität zu definieren und sich mitten in der Welt zu platzieren, mit den passenden Menschen um sich herum. Und dieses Finden und Hadern ihrerseits, die Geschichten aus ihrem Leben und dieses machmal völlig blöde sein, sich lächerlich machen oder doch einfach nur Dinge ausprobieren, machen den Charme des Buches aus. Denn eigentlich ist Greta doch ganz normal. So wie du und ich. Suchend und nicht alles als gegeben hinnehmend (aber manchmal eben doch). Greta ist aber auch eine schillernde Figur, die regelrecht durch die Worte des Textes strahlt, während man sich als Leser von ihren Geschichten einlullen lässt, auf eine soghafte Art und Weise, denn Mackintoshs Geschichten sind meinst nicht vorhersehbar. Die Autorin spielt mit dem Leser, mit ihrer Figur, ihrem Text.

„So bin ich nicht“ ist ein Buch über Gretas Leben und zugleich ein Selbstfindungsbuch, ein Ratgeber mit Alltagstipps und eine Sammlung kurioser Ereignisse. Es hat eine starke, einmalige Leseatmosphäre und bleibt mir allein deshalb schon so klar und deutlich in Erinnerung.

Details zum Buch: Autorin: Anneliese Mackintosh | Originaltitel: Any Other Mouth | übersetzt von: Gesine Schröder | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Aufbau Verlag ( 2016 )

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