Rezension | Artemis von Andy Weir

Artemis von Andy Weir

Jazz Bashara ist Mitte Zwanzig und lebt auf dem Mond in der einzigen dort existierenden Kolonie Artemis. Neben den insgesamt 2000 Einwohnern gehört sie zum ärmsten Bevölkerungsanteil und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs als Trägerin und Schmugglerin durchs Leben. Aber eigentlich will sie eine EVA-Meisterin werden, denn nur die dürfen mit einem EVA-Anzug über die Mondoberfläche laufen und rentable Touristenführungen machen.

Artemis – Ein Ort für Touristen und Reiche

Denn genau das ist Artemis: Ein Ort, an dem die Menschen von der Erde Urlaub machen, auch wenn sich die meisten nur einmal einen Aufenthalt auf der teuren Mondstation leisten können. Denn das Leben auf dem Mond ist verdammt teuer. Jazz wohnt fast ihr gesamtes Leben schon auf dem Mond und kann sich einen Wechsel auf die Erde nicht mehr vorstellen, zumal sie dann an der dortigen Schwerkraft stark leiden müsste. Stattdessen haust sie in einer Zelle auf Conrad Minus 15, in der sie nicht einmal stehen kann und für Toilettengänge oder zum Duschen auf den Gang gehen muss.

In Artemis ist alles beengt, denn für Straßen hat man den wertvollen Lebensraum nicht verwendet. Die Treppen sind aufgrund der leichteren Mond-Schwerkraft höher angelegt und nur in den Touristengegenden nahm man Rücksicht auf die Besucher bei der Konstruktion der Gebäude.

Artemis besteht aus fünf Blasen, die miteinander verbunden sind: Conrad, Aldrin, Bean, Shepard und die kleinste von ihnen Armstrong. Jede hat ihre Eigenheiten. Conrad zum Beispiel ist der Ort der Handwerker, Schweißer, Klempner, Glasbläser, die dort leben und arbeiten. Aldrin dagegen ist mit seinen Arkaden der Urlaubsort schlechthin. Preisschilder gibt es in den Geschäften nicht; nur wer wirklich reich ist, kann sich dort überhaupt etwas leisten.

Artemis – ein Angebot zum Träumen

Als Schmugglerin arbeitet Jazz auch hin und wieder für den wohl reichsten Mann auf dem Mond: Trond Landvik lebt mit seiner Tochter auf Ebene Null der Shepard-Blase. Ein äußerst kostspieliges Grundstück. Trond bietet Jazz einen ebenso reizvollen wie gefährlichen Deal an. 1 Millionen Motten (Mond-Transporteinheit) für das Zerstören einiger Maschinen, um eine Kettenreaktion auszulösen: Sauerstoff ist das wichtigste Gut in Artemis und entsteht ganz einfach bei der Herstellung von Aluminium. Dieses Monopol will der reiche Trond an sich reißen und dazu muss die Aluminium-Herstellung unterbrochen werden – denn Ersatzteile von der Erde brauchen dann zu lange, um die Mondkolonie mit Sauerstoff zu versorgen und Trond hat Sauerstoff-Reserven angelegt Doch es kommt alles anders …

Artemis – Wie hat’s mir gefallen?

Das Setting

Artemis und seine verwinkelten Gänge haben mir richtig gut gefallen. Vieles bleibt zwar in den Blasen unentdeckt und es mag vielleicht auch nicht die größte Innovation sein: mit Sauerstoff gefüllte Blasen, die dem Menschen ein Leben in einer menschenfeindlichen Umgebung ermöglichen. Dennoch lässt Andy Weir die Mondkolonie vor den Augen des Lesers entstehen. Es gibt die verwinkelten Gassen, die platzsparend angelegt sind und die vor Überfluss schäumenden reichen Wohnviertel. Das Leben auf dem Mond ist mit seiner geringen Schwerkraft eine ganz andere Erfahrung und die erlebt man beim Lesen.

Die Story

Die Story ist eine Mischung aus Gangster-Thriller und Science Fiction. Es geht um Macht, Politik und ein Verbrechersyndikat, das den Mond einnehmen will. Was nach einer spannenden Story klingt, wird leider zwischendrin eher zu einer seichten und zähen Story. Die Wendungen sind oft vorhersehbar und Jazz ist eine Protagonistin, die gerne und viel redet. Leider trifft sie dabei  häufiger nicht meinen Geschmack und die ausufernden Erklärungen langweilten mich doch hin und wieder. Die Geschichte von „Artemis“ ist nicht neu und auch nicht besonders einfallsreich. Das Setting ist hier natürlich der entscheidende Punkt, weshalb „Artemis“ dennoch Unterhaltung bietet. Wer von uns SciFi-Lesern wollte nicht schon mal auf dem Mond leben?

Die Figuren

Jazz Bashara ist kein Mark Watney. Sie besitzt zwar durchaus Ähnlichkeiten mit dem sympathischen Helden aus „Der Marsianer„, nämlich in ihrer Redelust und dem Sprüche klopfen, aber leider war’s das dann auch schon. Für die restlichen Mondbewohner ist Jazz eine gescheiterte Frau, die ihr Potenzial in keiner Weise ausgeschöpft hat. Sie hat sich mit ihrem Vater zerstritten, sich auf die falschen Männer eingelassen und lebt in einer Zelle, die kaum Raum zum Atmen lässt. Und doch ist ihr Wille nicht gebrochen: Sie ist schlau, zielstrebig und versucht sich selbst treu zu bleiben, auch wenn der Erfolg noch ausbleibt.

Leider war ich eher selten mit Jazz auf einer Wellenlänge; sie wirkte irgendwie als Figur unausgereift und war mit ihrem Verhalten und ihren vielen seltsamen Sprüchen nicht sehr authentisch. Ich glaube, dass viele Dialoge und Handlungsstränge einen gewissen Witz erzeugen sollten, der leider meist nicht funktioniert hat. Und im Rückblick sind all die anderen Figuren zwar sympathisch (oder auch nicht), aber jede für sich ist ganz klar einem Schema zuordenbar. Es gab in ihnen keine Überraschungen, sondern sie waren alle recht steif, sodass man ihre Motive auch schnell durchschauen konnte.

Artemis – Mein Fazit

An seinen ersten großen Erfolg mit „Der Marsianer“ kann Andy Weir mit seinem neuen Sci-Fi-Roman nicht anküpfen. „Artemis“ ist eine nette Geschichte für Zwischendurch, die den vielleicht nicht mehr so weit entfernten Traum des Menschen, den Mond zu erobern, lebendig macht. Allerdings enthält der Roman an sich wenig neue Ideen. Handlung und Struktur sind sehr starr und wirken insgesamt oft konstruiert. Es hat am Ende irgendwie alles zusammengepasst, aber das Gesamtpaket „Artemis“ war nicht ganz überzeugend.

Zugute halten möchte ich dem Buch allerdings eines: Es hat mich aus meiner Leseunlust herausgeholt!

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Andy Weir | Originaltitel: Artemis | übersetzt von: Jürgen Langowski | Genre: Science Fiction | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Heyne ( 2018 ) | Seiten: 426

Weitere Rezensionen zu „Artemis“:

angeltearz liest | Moyas Buchgewimmel | Weltenwanderer | Nicoles Bücherwelt

2 Kommentare

  1. Danke schön fürs Verlinken. 🙂
    Ich finde es schön zu lesen, dass dich das Buch aus deiner Leseunlust geholt hat. So soll es ein. <3

    ich wünsche dir einen tollen Abend!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.