[Rezension] Banana Yoshimoto: Der See

In Banana Yoshimotos Roman finden sich zwei Menschen auf ungewöhnliche Weise: Chihiros und Nakajimas Beziehung beginnt damit, dass sie sich über ihre Wohnungsfenster der gegenüberliegenden Gebäude zunicken, sich ab und zu auf der Straße begegnen und irgendwann die Abwesenheit des anderen am Fenster als unangenehm empfinden. Sie kommen sich immer näher auf eine ruhige, wortlose Art und Weise. Bis zu dem Moment, als Vergangenheit und Zukunft aufeinanderprallen.

Verpasste Chancen: Vergangenheit und Familie

Chihiro ist eine uneheliche Tochter. Ihre Eltern haben nie geheiratet und so haftete ihr in der heimischen Provinzstadt immer dieser Makel, das Stigmata des unehelichen Kindes, an. Und nicht nur die Reue der Mutter, nie geheiratet zu haben, überträgt sich auf die Tochter, sondern auch die gesellschaftlichen Konventionen und Zwänge, die darüber entscheiden, wer angesehen ist und wer nicht. Früh lernt Chihiro die gesellschaftliche Abwertung kennen, die sich allein auf die Umstände ihrer Geburt beruft.

Und obwohl Chihiros Mutter Inhaberin einer Bar war, pflegte jene mit ihren Eltern ein ganz gewöhnliches Leben. Durch die Anwesenheit im mütterlichen Etablissement, in welchem sich auch ihre Eltern kennenlernten und sich insbesondere Männer nach der Arbeit trafen, tranken und über Dinge sprachen, die ansonsten tabuisiert wurden, lernte Chihiro viel über das Leben aus den Geschichten anderer. Aber nach dem recht frühen Tod ihrer Mutter hält Chihiro endgültig nichts mehr in ihrer Heimatstadt, sie lebt in Tokio, wohin sie schon vor Jahren zum Studium geflüchtet ist, und begegnete dort Nakajima. Doch all jene Bargeschichten konnten sie im Angesicht seiner Vergangenheit nicht für die Tragik des Lebens wappnen.

Tokio: die stille Gegenwart

Die eigentlich turbulente und lebhafte Großstadt Tokio wird in Banana Yoshimotos „Der See“ zu einem stillen Ort, an welchem sich die Beziehung zwischen Chihiro und Nakajima entwickelt. Dieser ist ein ruhiger Mann, ein Wissenschaftler, der nicht die großen Worte liebt, sondern mit Chihiro ein glückliches, ruhiges Leben führt. Die Zeit scheint in ihrem Zusammensein still zu stehen, es ereignet sich in Gegenwart der beiden kaum etwas. Ihr Leben folgt einem unaufgeregten Pfad, die beiden sind wie Magnete, die sich anziehen, aber nicht auf einer sexuellen Ebene, sondern ihre Energie ziehen sie aus dem puren Zusammensein, dem Gebrauchtwerden des anderen.

Auch Nakajima hat seine Mutter verloren, doch über die Vergangenheit und weshalb ihre Liebe zu ihm so groß war, dass selbst Chihiros Gefühle niemals an diese heranreichen können, erzählt er nicht. Die Vergangenheit ist ein Tabu, ein düsteres, bedrohliches Loch, über das Nakajima schweigt. Und Chihiro drängt ihn nicht. Sie sieht seine Panik, die Alpträume und Angst vor Menschenmassen und fühlt sich hilflos gegenüber einer so vereinnahmenden Vergangenheit, von der sie nicht einmal einen Bruchteil kennt. Chihiro ist vielmehr damit beschäftigt Nakajimas Anwesenheit zu genießen und sich doch stillschweigend darüber Gedanken zu machen, ob er sich eines Tages von ihr abwendet, genug von ihr haben wird.

Der See als Ort der Verknüpfung

Und dann taucht der See auf, ein Ort, welcher nicht nur Vergangenheit und Zukunft zusammenbringt, sondern zugleich ein magischer Ort zu sein scheint. Am See hebt sich die Existenz der Realität auf, der erste Besuch erscheint Chihiro wie ein Traum und sie ist sich danach nicht sicher, ob sie die ganz außergewöhnlichen Freunde Nakajimas tatsächlich kennengelernt hat oder sie sich alles nur eingebildet hat. Der See scheint außerhalb von Zeit und Raum zu existieren; er ist ein Ort der Findung und der Besinnung.

Eine ganz eigenartige, ruhige und unaufgeregte Atmosphäre erzeugt die japanische Autorin Banana Yoshimoto, was nicht zuletzt an ihrer Erzählerin liegt, der älteren auf die Vergangenheit zurückblickende Chihiro, die weiß, wie ihre Geschichte ausgehen wird. Chihiro die Erzählerin ist dem Leser voraus, setzt ihren Fokus auf ihr jüngeres Ich, schweift dabei hin und wieder in deren noch weiter zurückliegende Vergangenheit und greift dabei Themen auf, die nicht nur ein Bild der japanischen Provinzgesellschaft prägen, sondern ebenso die Beziehung zweier Menschen zeigt, die ganz eigen ist. Unaufgeregt und ohne großes Tamtam finden Chihiro und Nakajima zusammen. Es fühlt sich richtig an und allein an diesem Gefühl hangelt sich Chihiro entlang, versucht ihre aufsteigende Panik des möglichen Verlusts zu kompensieren.

Obwohl „Der See“ ein ruhiges Buch ist, ist die Handlung doch nicht ein dahinplätschernder Fluss, sondern der Inhalt von Yoshimotos Roman ist mitreißend und unvorhersehbar. Sie schildert nicht nur weitreichende und auch tragische Ereignissen der Vergangenheit, die ich hier nicht vorwegnehmen werde, sondern konzentriert sich in der Gegenwart auf zwei Figuren, die mit ihrer Beziehung sowie als Personen eine starke Entwicklung durchmachen. Ihr Fokus liegt auf Chihiros Figur, deren Gedankenwelt wir als Leser hautnah miterleben, die ihren beruflichen Weg als Künstlerin entdeckt und mit ihrer eigenen Vergangenheit abschließt. „Der See“ ist ein realistischer Roman, der aber dennoch den Funken von Magie in sich trägt. Es ist kein magischer Realismus, vielmehr eine magische Erzählatmosphäre, die mal stärker, mal schwächer hervortritt und an den Rändern unserer Wahrnehmung kratzt. Wie eine Zwischenwelt erscheint der See, der die gesamte Geschichte und seine Figuren zusammenhält, an einem Ort fokussiert und ihre Besonderheit hervorhebt.

Details zum Buch: Autorin: Banana Yoshimoto | Originaltitel: Mizuumi übersetzt von: Thomas Eggenberg | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Diogenes ( 2015 )

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