Rezension | Banana Yoshimoto: Lebensgeister

Lebensgeister Banana Yoshimoto

Ein Unfall mit Nahtoderfahrung, der alles verändert. Im einen Moment war Yōichi noch da, im nächsten nicht mehr. Im einen Moment waren sie ein paar, im nächsten ist Sayoko allein. Gezeichnet durch eine Stange, die sich durch ihren Körper gebohrt hat und einem Genesungsprozess, der nicht nur physische sondern auch psychische Spuren hinterlassen hat, existiert die junge Frau auf einer ganz neuen Ebene ihres Seins: am Rand der Geisterwelt.

Lebensgeister: Wenn sich das Leben schlagartig verändert

Zwei Jahre braucht Sayoko Ishiyama, um sich von dem schrecklichen Unfall, bei dem ihr Freund starb und sie schwer verletzt wurde, zu erholen. Zumindest körperlich kann man von einer Regeneration sprechen, denn ihr Körper wurde geschunden, regelrecht durchbohrt und die ehemalige Stärke wiederzuerlangen, hat ihren Körper Kraft gekostet. Psychisch ist Sayoko immer noch gebrochen. Sie hat ihren Platz im Leben verloren, ist ruhelos. Der Augenblick, an welchem Leben und Tod aufeinandergeprallt sind, hat ihre Sichtweise auf die Welt ins Wanken gebracht. Sie ist „dünnhäutiger“ geworden für die Welt jenseits des erkennbaren Seins.

Gemeinsam mit Yōichis Eltern kümmert sich Sayoko um die Hinterlassenschaft des verstorbenen Künstlers. Das Verhältnis zu seinen Eltern ist weit besser als zu ihren eigenen, die Zeit seines Lebens gegen die Verbindung der beiden waren. Und so genießt Sayoko die gemeinsame Zeit mit ihren Beinahe-Schwiegereltern, lässt aber gleichzeitig auch ihr Leben mit Yōichi Revue passieren. Sie arbeitet ihr Schicksal und den Unfall auf, indem sie durch ihre neu gewonnene Perspektive – sie fühlt sich den Geistern viel näher als den Menschen – nutzt, um ihre Vergangenheit neu zu entdecken.

Mit 28 Jahren war Sayoko eine unbeschwerte junge Frau. Mit 30 Jahren lastet nun eine Vergangenheit auf ihr, ein Bruch mit dem Leben, den sie ständig spürt und der sie einerseits von den Menschen entfernt, andererseits ihr Bewusstsein für das Hier und Jetzt schärft.

Lebensgeister: Das alte und das neue Ich

„Lebensgeister“ von Banana Yoshimoto ist ein langsames Buch. Es kämpft immer wieder mit sich wiederholenden Gedanken, vernetzt die Vergangenheit durch kleine Erinnerungen Sayokos und beschäftigt sich mit der alten Frage nach der Verbindung von Körper und Geist. Sayokos Körper fühlt sich wund an, wurde zu tief verletzt und seine Heilung ist noch lange nicht abgeschlossen. Der geistige Bruch scheint aber noch viel größer zu sein. Für die junge Frau gibt es keine gerade Linie mehr vom Leben zum Tod. Durch ihre Nahtoderfahrung ist es ihr gegeben Geister zu sehen, nur nicht den Geist ihres verstorbenen Freundes. Sie ist nicht mehr Teil des normalen Lebensflusses, sondern steht zwischen der Geisterwelt und der Menschenwelt. Sie besteht aus einem alten und einem neuen Ich.

Ein Hauch von „philosophischer“ Denkweise mischt die japanische Autorin Banana Yoshimoto hinein, wenn sie ihre Protagonistin das Leben aus einem ganz neuen Blickwinkel wahrnehmen lässt, nämlich mit einer Wahrnehmung die über die normaler Menschen hinausgeht. Doch dabei gelingt es ihr nicht so ganz den Bogen zu schlagen. Sayoko verliert sich zunehmend im Alkohol und diesen Teil finde ich sehr unreflektiert im Buch, zu unkritisch beschreibt Yoshimoto den teilweise selbstzerstörerischen Weg ihrer Figur. Dafür schafft die Autorin es allerdings die Leichtigkeit und Freiheit, die Sayoko sich durch ihr neues Leben aneignet, nachvollziehbar zu beschreiben. Sie nimmt das Leben auf ihre ganz eigene Weise und vernachlässigt dabei das, was andere von ihr denken – eine Gabe, die hilfreich sein kann. Yoshimotos Protagonistin ist vielleicht keine strahlende Figur mit einem Ziel vor Augen und genügend Ehrgeiz im Gepäck um dieses zu erreichen.

Vielmehr ist Sayoko eine ruhige Person, die am Rande des wilden Lebensflusses steht und sich neu orientiert. Ruhig und gelassen, mit sich im Reinen, wenn auch noch nicht im Gleichgewicht. Sie durchblickt die Masken der Menschen und erkennt ihre eigenen Erwartungen oder Vorurteile. Sie lebt in einer Zwischenzeit, die ihr Geist benötigt, um ihr altes und neues Leben und den Tod wieder in ein Muster zu bringen, das womöglich nicht die lineare Bahn sein wird, die es vorher hatte.

Atmosphärisch voll getroffen: Leben und Tod

Wer nun den Eindruck hat, dass Banana Yoshimotos Roman „Lebensgeister“ ein bisschen abgehoben ist, mit der Wahrnehmung der Welt, den Menschen und Geistern, die sie beheimaten, spielt, der liegt richtig. „Lebensgeister“ ist ein ruhiges Buch, das sich häufiger wiederholt und auch etwas übernimmt in dem, was es dem Leser präsentieren will. Das Grundgerüst hat mir allerdings sehr gut gefallen, denn die Thematik der Zwischenwelt oder Zwischenzeit ist eine sehr spannende Konstellation. Allerdings schwächelt Yoshimotos Umsetzung, wie erwähnt, an der einen oder anderen Stelle. Dennoch strahlt der Roman gleichzeitig auch eine  Stille aus, die ich mit dem Bewusstsein von Leben und Tod sehr gut verknüpfen kann; atmosphärisch hat die japanische Autorin ihr Thema also definitiv getroffen.
Ich bin und bleibe ein Banana-Yoshimoto-Fan und habe „Lebensgeister“ gerne gelesen, denn es entführt seinen Leser in einen anderen Wahrnehmungsbereich und steigert das Bewusstsein für das eigene Dasein.

Buchdetails:
Autorin: Banana Yoshimoto | Originaltitel: Sweet Hereafter | übersetzt von: Thomas Eggenberg | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Diogenes ( 2016 ) | Seiten: 159

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