[Rezension] Baricco, Alessandro: Emmaus

Emma - Alessandro BariccoDetails:

Originaltitel: Emmaus
Autor: Alessandro Baricco
Genre: Zeitgenössische Literatur
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: Carl Hanser Verlag ( 2013 )
Seiten: 142

 

Inhalt:

Das katholische Spanien. Familien, die einer einzigen Tradition folgen, von einem rituellen Alltag vereinnahmt sind und vier 16-jährige Jungen, die diesem Weg entgegenstreben und doch merken, wie gefangen und unglücklich ihre Eltern in ihrer eigens geschaffenen Welt sind.

Meinung:

Ich, Bobby, der Santo und Luca. Vier Jungen, von denen die Geschichte handelt – erzählt von einem der vier Freunde. Alle vier sind anders, kümmern sich nicht um ihre Kleidung, stammen aus eher ärmlichen, katholischen Familien, gehören nicht zur „In-Gruppe“, gehen in die Kirche und helfen im Krankenhaus den alten Vergessenen und Bettlägerigen.

Und dann wäre da noch Andre. Ein Mädchen aus der Nachbarschaft, reiche Eltern, gutaussehend, schlank, unnahbar und faszinierend. Für sie schwärmen alle Jungen und wenn man zum ersten Mal von ijr liest, meint man sie müsse eine Heilige sein. Bis man als Leser erkennt, dass auch sie eigentlich ein ganz normales Mädchen ist, aber ein Mädchen, das sich den Regeln widersetzt. Sie ist nicht eine derjenigen, die einen Freund hat, aber dennoch jungfräulich in die Ehe gehen will, sie tut das was sie will und jede möchte so sein wie sie. Und doch hat auch Andre eine traurige Seite. Sie hat versucht sich umzubringen, so wird zumindest gemunkelt.

Die Freundschaft der vier Jungen verändert sich mit dem Beginn der Geschichte. Jeder geht seinen Weg. Es gibt Enttäuschungen, es gibt Überraschungen, Unglauben, Tragik, schlichtweg das Leben. Aber es wäre zu einfach, zu behaupten, Baricco schriebe lediglich über die Pubertät, über jugendliche Gedanken und Rebellion gegen die Eltern. Emmaus ist weit mehr. Es handelt von der Gesellschaft – nicht nur der spanisch-katholischen – und von dem, was für die Normalität und vice versa gehalten wird. Es gehört zur gesellschaftlichen Struktur, dass bestimmte Ritual und Traditionen innerhalb der Familien oder der umfassenden Gemeinschaft weitergegeben werden, aber was, wenn diese Verhaltensmuster zu starren Fesseln werden, gegen die man sich nicht mehr erwehren kann?

Was, wenn die Familien von den alltäglichen immerwährenden Mustern geblendet sind, ihr Unglück hinnehmen, ohne die Möglichkeit zu besitzen, darüber zu reflektieren? Dies schildert der italienische Autor in Emmaus aus der Perspektive des 16-jährigen Ichs. Er ist ein verunsicherter Jugendlicher, der eigentlich den Halt, dem ihm seine Freunde geben, benötigt. Er erkennt aber auch das Schicksal, das ihm und seinen Freunden blüht, wenn sie sich nicht gegen ihre Familien auflehnen und doch fehlt ihnen der Mut dazu. Deshalb bewundern sie wohl Andre, die so anders ist als die restlichen Mädchen, die sich keinen Normen unterordnet, die nicht in die Kirche geht oder das tut, was von ihr erwartet wird, sondern mit diesen Erwartungen spielt und damit auch dem Erzähler ein um‘s andere Mal vor den Kopf stößt.

Es scheint, dass die einzige Perspektive, die dem Leser präsentiert wird, vom Ich-Erzähler kommt. Doch dem ist nicht wirklich so, denn sie zeigt auf, dass man als Mensch – eingebunden in der Gesellschaft – nur bedingt hinter deren Kulissen blicken kann. Manchmal täuscht man sich, in dem was man zu erkennen glaubt, im Gegensatz zu allen anderen, die dafür blind sind. Manchmal liegt man richtig und sieht den unweigerlichen Weg, der vor einem liegt mit nur einem einzigen Ziel, in diesen Gesellschaftsstrukturen verankert zu sein. Manchmal sieht man Auswege und manchmal muss man erkennen, dass einige von uns auf brutale Weise mit dieser Gesellschaft brechen müssen, weil sie keinen „einfachen“ Weg finden, sich von ihr zu lösen. Jeder kämpft dabei auf eigenem Posten und für jeden endet dieser Weg anders, so auch für die vier Freunde …

Alessandro Baricco ist mein Lieblingsautor und zwar wegen seines wundervollen Sprachstils und weil er es jedes Mal schafft – egal über welches Thema er schreibt – mich zu fesseln und am Ende mit einem verblüffenden Gefühl zurückzulassen. Auch wenn sich Emmaus deutlich von seinen anderen Werken abhebt, ist er auch hier wieder eine geballte Sprachpower vorhanden. Konzis formulierte Sätze, die im ersten Moment eher unscheinbar und gewöhnlich wirken, werden aber zu aussagekräftigen Ladungen. In jedem dieser Sätze schwingt eine Unabänderlichkeit mit, die nicht nur das Leben in einem katholischen spanischen Dorf beschreiben, sondern das Funktionieren der Welt und unser eigenes Verhaftetsein in dieser wiedergeben.

Der Roman beschreibt anhand des Katholizismus und einer jugendlichen Freundesgruppe, wie schwer es ist, aus bereits bestehenden Gesellschaftsstrukturen auszubrechen, die schon vor unserer Geburt da waren, denen jeder im Umfeld folgt, obwohl sie unglücklich machen. Der Roman zeigt nicht nur, welchen Weg die vier Jugendlichen für sich suchen oder gezwungen sind zu beschreiten und lässt dabei immer seine Reflexivität auf den Leser wirken. Denn in den kleinen unbedeutenden Sätzen sammelt Baricco bedeutungstragende Zwischenräume, die zum wiederholten Lesen einladen.

Fazit:

Emmaus ist nicht vergleichbar mit Bariccos vorangegangenen Werken. Es ist weniger poetisch geschrieben, aber auch hier besticht der italienische Autor mit seiner Sprache – nur auf andere Art und Weise. Kurze und prägnante Sätze, die auf den ersten Blick so einfach gestrickt sind, dass sie nichts Besonders zu sein scheinen und doch schwingt in jedem dieser Sätze eine eigenartige unweigerliche Faktizität mit, die einen ins Gesicht schlägt und dem Leser vor Augen führt wie leicht er selbst auch in den Zwängen der Gesellschaft verankert ist.

Bewertung: [5/5]

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