[Rezension] Belitz, Bettina: Vor uns die Nacht

Details:
Autorin: Bettina Belitz| Genre: Young Adult | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Script5 ( 2014 ) | Seiten: 380

Vor uns die NachtDie Pfarrerstochter Ronia wird an Heilig Abend von ihrem Freund Lukas sitzengelassen. Völlig neben sich versucht sie die Ereignisse des Tages in einer heruntergekommenen Bar mit Alkohol zu vergessen. An ihrer Seite ihr bester Freund Jonas. Doch eigentlich will Ronia nur alleine sein und sich nicht um andere kümmern, als sie in der dunklen Spelunke zum ersten Mal auf River aka Jan aufmerksam wird.

Wie vom Blitz getroffen ist Ronia vom ersten Moment an fasziniert von der gefährlichen Ausstrahlung, vor den Warnungen der anderen und sie lässt sich auf Jan ein, denn zwischen ihnen scheint etwas ganz Besonders zu bestehen. Er rettet sie nicht nur vor rumlungernden Männern, die sie vergewaltigen wollten, sondern durch dieses Geheimnis, das nur sie beide kennen, entsteht eine Verbindung, die mit jeder Nacht, mit jedem Moment der Zweisamkeit zunimmt. Doch dabei vernachlässigt sie ihr gesamtes Leben, nicht nur ihre Eltern, die gegen Jan sind, sondern auch ihre beste Freundin seit Kindertagen. Sie lebt in einer Traumblase, in der es nur Jan gibt, doch als sie von den Ärzten eine schreckliche Nachricht über ihre über ihren Gesundheitszustand erhält, fällt sie in ein tiefes Loch – lebt Jan für den Moment oder würde er auch jetzt noch zu ihr stehen? Ronia muss sich entscheiden zwischen dem treuen Jonas und dem undurchschaubaren River.

Emotionale Achterbahnfahrt auf dem Weg zu sich selbst

Bettina Belitz, deren Splitter-Reihe ich mit großer Begeisterung gelesen hat, hat auch mit Vor uns die Nacht ein wunderbares Buch geschrieben, aber es handelt nicht nur von der Liebe, sondern vor allem von der Selbstfindung, vom Erwachsenwerden und sein eigenes Ich finden. Sie erzählt vom Gleichgewicht des Lebens, nämlich sich selbst nicht zu verlieren und sich dennoch für einen Menschen, den man liebt, zu öffnen.

Die Szenen zwischen Jan und Ronia sind meist kurze Berührungspunkte, die aber eine Intensivität ausstrahlen und gleichzeitig meist ziemlich verrückt sind. Es sind Extremsituationen, in welchen Ronia oft nicht bei Sinnen ist, oder sogar in Gefahr. Immer wieder wird sie in Ungewissheit zurückgelassen und sucht in jedem Wort, in jeder Bewegung von Jan einen Hinweis darauf, wie ihre Beziehung zueinander verlaufen soll. Ein Flirt? Eine Affäre oder doch mehr? Das Buch ist eine Reise in Ronias innere Gedankenwelt. Es zeichnet das Leben einer jungen Frau, die ihr bisheriges Leben über Bord werfen möchte, die den Erwartungen von Freunden und ihren Eltern nicht mehr gerecht werden kann und will und stattdessen ihr Leben so leben möchte, wie sie es will. Dieser Weg, so steinig und neblig er auch ist, beschreibt Bettina Belitz in Vor uns die Nacht und zeigt, wie unerwartete Hiobsbotschaften einen Menschen zu Fall bringen können. Genauso zeigt sie aber auch, wie Menschen überraschend die eigenen Erwartungen durchbrechen und wie wichtig es ist, ehrlich mit sich selbst und mit anderen zu sein.

Wie ein Sog in der Nacht

Einen Strudel der Erzählkunst hat Bettina Belitz auch mit diesem Buch erzeugt, denn schon nach wenigen Worten war ich in ihrer Welt angekommen, ich liebte Ronia vom ersten Moment an, ihre extreme Art macht sie sympathisch und ihre Verunsicherung, ihre sich im Kreis drehenden Gedanken sind zwar gefährlich, aber doch nur allzu gut nachvollziehbar, denn wer war nicht schon einmal verunsichert über seine eigenen Gefühle und noch viel mehr über die Gefühle des Anderen?

Mit genau den richtigen Worten scheint Frau Belitz das emotionale Heranwachsen, die erste große Liebe und darüber hinaus aber auch etwas Mystisches zwischen Jan und Ronia entstehen zu lassen, die sich schon allein durch die wunderbaren Kapitelüberschriften abzeichnen. Sie weiß, wie immer wieder eine Spannung, ein Knistern, entsteht und behält den Fokus auf Ronias inneren Zwiespalt und ihrer Unfähigkeit mit den Menschen um sie herum wirklich über das zu sprechen, was sie tief in ihrem Inneren berührt.

Vor uns die Nacht ist ein Buch, das man bis in die Morgenstunden hinein lesen möchte, solange, bis einem die Augen zufallen und man in den Schlaf sinkt.

2 Kommentare

  1. Immer wieder interessant, wie ein Buch auf verschiedene Menschen wirken kann. 🙂 Mir hatte das Buch damals leider nicht zusagen können, was vor allem an der Protagonistin lag. Es lag zum Teil auch an der Kommunikation mit der Autorin (es war eine Leserunde). Leider habe ich wegen „Vor uns die Nacht“ bislang zu keinem weiteren Buch der Autorin greifen wollen. Ich werde eine Splitter-Rezension mal zurate ziehen.

    LG, Nise

    1. Liebe Nise,

      ja, so ist es manchmal und eigentlich ist das doch auch ganz gut, denn dadurch entwickeln sich Buchgeschmäcker erst. Wäre ja schlimm wenn wir alle Bücher gleich gut fänden und niemand mal in eine andere Richtung geht. Die Splitter-Reihe fand ich übrigens noch viel viel besser als „Vor uns die Nacht“.

      Viele Grüße, Ramona

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