[Rezension] Booy, Simon Van: Die Illusion des Getrenntseins

Details:
Autor: Simon Van Booy | Originaltitel: The Illusion of Separateness | übersetzt von Claudia Feldmann | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Insel ( 2014 ) | Seiten: 205

Die Illusion des Getrenntseins von Simon Van Booy, Insel VerlagAlles beginnt mit Martin, der 2010 in Los Angeles als Altenpfleger arbeitet. Martin hat eine Geschichte, die begann als er ein Baby war und ein fremder Soldat ihm in die Arme seiner künftigen Mutter legte. Was geschah damals und wer ist der Mann gewesen? 2010 beginnt die Geschichte, die Simon Van Booy in seinem Roman Die Illusion des Getrenntseins erzählt. Und dabei erzählt er viele Geschichten, die sich über Jahrzehnte und einen Krieg hinweg entwickelt haben. Eine Handlung, eine Entscheidung im Leben eines Menschen umfasst eine Kettenreaktion die sich über Generationen hinwegzieht kann und ein Leben nach dem anderen einschneidend beeinflusst.

Ein Leben eine Geschichte – viele Leben viele Geschichten

Martin wurde als Kind weggegeben, Mr. Hugo ist entstellt, denn ihm wurde irgendwann in den Kopf geschossen. Amelia ist blind und ihr Großvater stirbt, John stürzt mit einem Fallschirm ab. Diese und andere sind die Figuren des Romans. Eine Geschichte reiht sich an die andere. Fast jede spielt an einem anderen Ort, einer anderen Zeit und hat eine andere Atmosphäre, eine andere Stimme, wie sie erzählt wird. Und doch sind alle Geschichten in Die Illusion des Getrenntseins miteinander verbunden. Manchmal ist es eine Person, manchmal nur en Augenblick oder eine Entscheidung, die sich über Jahrzehnte hinweg weiterzieht und Generationen beeinflusst.

Der Moment, wenn ein Soldat einem anderen die Pistole an den Kopf hält. Der Moment, wenn ein blindes Mädchen sich von ihrem Großvater verabschiedet, einem Kriegshelden. Der Moment, wenn ein Mann erkennt, dass seine Herkunft eine ganz andere ist, als er immer dachte. Ein Moment im Leben eines Menschen kann vorbeigehen, ohne bemerkt zu werden. Oder er kann so entscheidend sein, dass er nicht nur das eigene Leben bestimmt, sondern weit verzweigt mehrere Leben beeinflusst.

Hinter jedem Wort steckt eine Überraschung

Ganz leise beginnt Simon Van Booy seinen Roman und wechselt dabei regelmäßig die Figuren, die Orte und die Zeit. Und der Leser fragt sich am Anfang, wo die Verbindung steckt, zwischen den erzählten Geschichten, die doch zu unterschiedlich sind, als dass sie zusammengehören könnten. Oder? Doch man täuscht sich, denn ganz schnell wird einem bewusst, dass hinter jedem Wort ein Rätsel stecken kann, eine Überraschung, bei der es „Klick“ macht. Ein Punkt im Leben eines Menschen kann eine Kettenreaktion auslösen, die nicht pompös in Erscheinung tritt, sondern die sich gemächlich durch die Zeit davonträgt und hier und da ein weiteres Leben verändert.

Simon Van Booy erzählt auf verschlungene Weise eine solche Kettenreaktion, die mit jedem Kapitel ein bisschen mehr von sich Preis gibt. Mit eleganten und ruhigen Worten berichtet der Autor über menschliche Schicksale, die so ergreifend und manchmal so unglaublich sind, dass das Tragische hautnah spüren kann. Aber dabei tritt sein Schreibstil nicht zu sehr auf die emotionale Schiene sondern bewahrt ein Stück Distanz, um als Leser das Schicksalhafte des Erzählten bewundern zu können. Die Illusion des Getrenntseins ist mein Überraschungsroman des Jahres, der mich gepackt hat und bis zu seinem letzten Wort nicht mehr losgelassen hat.

 

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