Rezension | Borne von Jeff VanderMeer

Borne von Jeff VanderMeer

In einer unbekannten Zukunft: eine völlig zerstörte Stadt, verstrahlte Gebiete, chemisch durchsetze Flüsse und seltsame mutantenähnliche Experimente und Tierwesen. Rachel ist eine der wenigen überlebenden Menschen, die sich noch durch die Stadt bewegen und Dinge einsammeln. Sie ist darauf spezialisiert zu sammeln und Fallen zu stellen. Sie ist Expertin darin Fallen anderer auszuweichen und ihr Überleben gerade so zu sichern.

Borne – Herrscher über die Stadt: Mord, der Bär

Aber Rachel ist nicht allein in der Stadt. An ihrer Seite hat sie noch Wick, über dessen Vergangenheit sie wenig weiß. Einst war er Mitarbeiter bei der Firma, einem Biotech-Unternehmen, das inzwischen nur noch aus Ruinen zu bestehen scheint. Alles Böse, was inzwischen die Stadt erobert hat, stammt aus der Firma. Ebenso der unangefochtene Herrscher über die zerstörte Stadt: Mord, ein gigantischer – mehrere Stockwerke großer -, fliegender Bär, dessen Mordlust unbändig ist. Gemeinsam mit kleineren Ausgaben seiner selbst, den Mord-Proxys, die zwar nicht fliegen können dafür aber mit giftigen Zähnen und Krallen ausgestattet sind, versetzt er die Bewohner der Stadt in Angst und Schrecken.

Doch sobald Mords monströses Schnarchen erklingt, kommen die Überlebenden aus ihrem jeweiligen Unterschlupf heraus und klettern auf den riesigen Bären um alles, was sich auf seiner letzten Tour in dessen Fell verfangen hat, zu stehlen. Es ist ein gefährliches Unterfangen, das nur gelingen kann, wenn die Mord-Proxys anderweitig unterwegs sind. Aber die Bären sind nicht die einzige Gefahr der Stadt: vergiftete und teil-mutierte Kinder treiben ihr Unwesen, was Rachel am eigenen Leib spürt: Sie wird brutal zusammengeschlagen in ihrem eigenen Zuhause, zu dem sich die Kinder in einem unachtsamen Moment Zutritt verschaffen.

Borne – das seltsame Wesen namens Borne

Bei einer ihrer Sammeltouren entdeckt Rachel etwas Seltsames, das sich in Mords Fell verfangen hat: ein faustgroßes, dunkel-violettes Etwas, von dem ein smaragdgrünes Leuchten ausgeht. Sie zupft es von Mord herunter und nimmt es mit. In ihrer Behausung, den Balcony Cliffs, zeigt sie es ihrem Partner. Wick ist nicht begeistert von dem neuen Gast, der sich als etwas Lebendiges und nach und nach auch Intelligentes entpuppt. Borne ist ein Wesen mit Bewusstsein. Wick will es gerne auseinander nehmen und sezieren, um herauszufinden, ob es ein Geschöpf der Firma ist. Doch Rachel scheut sich davor, Borne zu zerstören und so hegt und pflegt sie ihn in ihren eigenen Räumen.

Mit Bornes Anwesenheit verändert sich auch das Gleichgewicht in den Balcony Cliffs. Wick und Rachel bewohnen unterschiedliche Wohnungen, dazwischen liegen verwinkelten Gänge und ungenutzten, halb zerstörte Räume. All diese Gänge und die Entfernung zwischen den beiden füllt sich mit den ungesagten Worten und Vermutungen, die durch Borne entstehen. Denn Borne ist mehr als eine seltsame Pflanze, die wie ein umgedrehter Tintenfisch aussieht.

Borne – eine Geschichte über das menschliche Sein

Borne ist ein seltsames Geschöpf. Zuerst ist er nur ein Klumpen, dann wandelt er sich in eine Art Pflanze und wächst. Schrittweise verschwindet alles Ungeziefer oder Müll aus Rachels Wohnung. Bornes Hunger wird immer stärker und eines Tages beginnt er sich mit Rachel zu unterhalten. Er nimmt menschliche Formen an, denn er kann alle Dinge imitieren und ihre Gestalt annehmen. Aber je weiter er sich entwickelt, desto weiter entfernt er sich von Rachel, die in ihm ein Kind sieht, um das sie sich kümmert.

Bornes Bewusstsein schreitet fort und er fragt sich: ist er eine Person oder ein Ding, ein Tier oder etwas ganz anderes? Kann er gut sein, obwohl er böse Dinge tut und ist der Grund seiner Existenz auch gleichzeitig seine Bestimmung? Was macht einen Menschen zum Menschen und ab welchem Punkt ist der Mensch nicht mehr menschlich. Jeff VanderMeer besinnt sich in seinem postapokalyptischen Setting einer zu Grunde gerichteten Stadt auf ganz konkrete Sinnfragen: was macht den Menschen zum Menschen in Anbetracht von technologischer Entwicklung, Künstlicher Intelligenz und der Veränderung des menschlichen Körpers.

„Borne“ beschäftigt sich mit dem Konzept menschlicher Beziehungen in einer kaputten Welt, dem Zerren von Vertrauen und Misstrauen zwischen Rachel, Wick und Borne. Es gibt menschliche und unmenschliche Gegner mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Die Definition des Menschen hat sich verändert und im Hintergrund schwebt der Schatten der Firma, Hort allen Bösens. Mit Rachels Vergangenheit zieht Jeff VanderMeer die Verbindung zum allmählichen Untergang der Zivilisation.

Borne – ein lesenswerter postapokalyptischer Roman

Borne“ ist ein postapokalyptischer Roman über die Grundfesten menschlichen Seins. Dieses Netz aus dem menschlichen Miteinander, der Bindung zu anderen und die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Gut und Böse, knüpft der Autor Jeff VanderMeer ganz konkret an seine Figuren. Auf diesen liegt der Fokus des Romans, der ein geographisch gefasstes kleines, trostloses Setting aufweist, das sich allerdings überdimensional ausbreitet in Anbetracht des charakterstarken Personals und der Dynamik, die sich dadurch zwischen den Seiten entwickelt.

Jeff VanderMeer beherrscht es Geschichten in genau dem richtigen Maß zu konstruieren und voranschreiten zu lassen. Die Elemente, welche er preisgibt, wählt er so gut, dass sich im Kopf des Lesers ein regelrecht komplexes Bild auftut über diese kleine Stadt mitten im Nirgendwo. Vergleicht man „Borne“ mit Jeff VanderMeers Southern-Reach-Trilogie, so ist dieser postapokalyptische Roman deutlich leichter, aber ebenso lesenswert!

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Jeff VanderMeer | Originaltitel: Borne | übersetzt von: Michael Kellner | Genre: Postapokalyptischer Roman | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Verlag Antje Kunstmann ( 2017 ) | Seiten: 367

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