[Rezension] Brandner, Judith: Zuhause in Fukushima

Details:
Originaltitel: Zuhause in Fukushima. Das Leben danach: Porträts | Autorin: Judith Brandner| Fotos von: Katsuhiro Ichikawa | Genre: Biographien & Erfahrungen | Reihe: – | Gattung: Sachbuch | Verlag: Kremayr & Scheriau ( 2014 ) | Seiten: 160

Zuhause in FukushimaDie Journalistin und Japanologin Judith Brandner hat sich 2013 nach Japan begeben und mit Menschen gesprochen, die vom Unglück des havarierten AKW in Fukushima betroffen sind und deren Leben sich nach zwei Jahren für immer verändert hat. Diese Menschen leben in Unfreiheit, in ständiger Angst oder sind heimatlos, werden sogar als Aussätzige betrachtet und erfahren nur wenig Mitgefühl.

Ganz im Gegensatz zum Leser, der schon nach den ersten Seiten mit einem unguten Gefühl in der Brust zurückgelassen wird. Ein Gefühl der Traurigkeit und auch des Unglaubens. Es ist unverständlich, wie die japanische Regierung die Grenzen zwischen Sperrgebiet und erlaubtem „ungefährlichen“ oder „unbedenklichem“ Gebiet ständig verschieben kann. Der Unfall im AKW und die dort austretende Strahlung wird als eine Lappalie dargestellt, als etwas, über das sich Japan, die Welt und die Anwohner Fukushimas nur wenig Gedanken machen sollen.

Zerstörte Leben, zerstörte Familien

Und diese Gedanken, diese sich widersprechenden von einer dauerhaften und tödlichen Gefahr gegen eine gefahrlose Existenz in den freigegebenen Gebieten um das havarierte Atomkraftwerk sind der Grund dafür, dass viele Familien nicht nur physisch getrennt voneinander leben müssen. So ist es oft so, dass der arbeitende Vater oder die arbeitende Mutter immer noch nahe des AKWs leben und der Rest der Familie, besonders die Kinder, weiter weg.

Die japanische Gesellschaft besitzt ein außerordentliches Zusammengehörigkeitsgefühl und genau das ist der Grund, weshalb Kei Kondo als ehemaliger Bauer nicht wegziehen kann. Er verspürt seinen Nachbarn gegenüber ein für westliche Leser kaum nachvollziehbares Verantwortungsbewusstsein. Er würde durch sein Wegziehen die verbleibenden Bewohner verletzen, diesen Schritt wagt er nicht, obwohl er weiß, dass er dort nie wieder biologische Produkte anbauen kann. Einerseits beeindruckt mich dieses Gemeinschaftsgefühl sehr, andererseits ist es auch erschreckend seine Familie und seine Gesundheit für die Idee der Gemeinschaft aufzugeben oder aufs Spiel zu setzen.

Erschreckend ist auch die Darstellung der schwarzen Mülltüten, die sich überall in der Natur tummeln. Als Ablageort für radioaktiv verseuchte Naturprodukte. Diese Vorstellung solcher lächerlicher „Zwischenlager“ ist nicht nur gruselig, sondern auch verantwortungslos. Noch schlimmer ist aber der Bericht der sogenannten „Selbstbestimmte Flucht“: alle Bewohner, die mehr als 60 km vom AKW entfernt wohnen erhalten keine staatliche Unterstützung oder Entschädigungen, weil angeblich keine direkte Gefahr für sie besteht. Hinzukommt, dass die Millisievert-Werte der Regierung nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen und die nicht gesundheitsgefährdende Höchstgrenze immer weiter hochgesetzt wird. Diese und noch viele andere Dinge hinterlassen bei den Menschen aus Fukushima ein Gefühl der „Unfreiheit“.

Sprachloses Schweigen – Ungewissheit und Unfreiheit

In Matsumoto lebt Familie Hashimoto und man erhält als Leser einen Einblick in drei Bewältigungsstrategien einer Familie: die Mutter, die sich voll auf ihre Tochter konzentriert, ihren eigenen Schmerz und Kummer versteckt, die Tochter, die voller Wut und Angst ist, die nicht versteht, was passiert ist, die nicht damit umgehen kann und der Vater, der AKW-Gegner ist, der all seine Kraft und sein Wissen an die Überlebenden weitergeben möchte, ihnen alternative Naturheilmethoden erklärt und herausfinden will, wie auch geringe Strahleneinwirkung krank macht. Aber ein Familienleben existiert nicht mehr. Stattdessen besteht das Leben aus Unfreiheit, unfrei in der Heimat zu leben, unfrei ohne Angst vor Strahleneinwirkung zu leben, unfrei, nicht zu wissen, ob eine Veränderung im Körper bereits begonnen hat.

Das Beispiel der Tochter zeigt auf bewegende, aber auch schockierende Art und Weise, wie die Gesellschaft Fukushima tot schweigt und zwar sobald man mehrere Kilometer vom Unglückort entfernt ist. Dann gibt es zwar auf der einen Seite Hilfen für die Flüchtlinge, andererseits aber nur wenig oder gar kein Mitleid, v.a. unter den Kindern, denen keine Angst gemacht werden will und die deshalb über die Umstände uninformiert bleiben.

Zuhause in Fukushima ist ein bewegender Bericht über ganz unterschiedliche Menschen, die vom havarierten AKW betroffen sind. Manche von ihnen sind Aktivisten geworden, Kämpfer, die ihr Schicksal nun in die Hand nehmen, andere sind starr und ohne Hoffnung, verwirrt und unsicher. Judith Brandner beschreibt ohne viel Dramatik und zeichnet damit Porträts, die unter die Haut gehen. Zuhause in Fukushima ist der Stoff für einen Politthriller, der leider die erschreckende Realität abbildet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.