[Rezension] Coleman, Rowan: Einfach unvergesslich

Details:
Autorin: Rowan Coleman | Originaltitel: The Memory Book | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | gesprochen von: Nina Petri, Vanida Karun, Achim Buch, Charlotte Schwab | Verlag: HörbucHHamburg HHV GmbH ( 2014 ) | Webseite der Autorin | Hörzeit: 10 h 34 min 51 s |

Einfach unvergesslch von Rowan ColemanEine Diagnose kann nicht nur ein Leben, sondern das einer ganzen Familie zerstören. Claire weiß, dass sie mit Mitte 40 Alzheimer hat. Wie ihr Vater, der sie irgendwann nicht mehr erkannte, der dachte sie sei seine lang verstorbene Schwester. Claire will es nicht wahrhaben, sie will ihr Leben als Lehrerin weiterführen, möchte für ihre Familie, vor allem für ihre fast erwachsene Tochter Caitlin und ihre kleine Tochter eine Mutter sein. Doch immer wieder wird sie vom Vergessen gepackt, das ihr belanglose sowie essentielle Dinge nimmt.

Die Erinnerung an das vergessene Glück

Es beginnt von einem Moment auf den anderen: das Vergessen. Claire fällt plötzlich nicht mehr ein, wie sie sich die Schuhe zubindet. Sie vergisst, welcher Gang der Rückwärtsgang im Auto ist oder sie steht in der Straße, in welcher sie wohnt, vergisst aber, welches ihr Haus ist. Claire ist Mitte 40, verheiratet und hat zwei Töchter. Ihr Leben ist perfekt. Sie liebt ihren Job als Lehrerin, doch dann beginnt das Vergessen. Als erstes trifft es ihren Mann Greg, den sie erst vor ein paar Jahren geheiratet hat.

Sie vergisst die Liebe für ihn, sie vergisst das Glück, das sie mit ihm hatte. Sie weiß, dass es einst da war, doch wenn sie ihn jetzt ansieht, sieht sie in ihm einen Fremden. Wenn er sie umarmt, sich im Bett an sie kuscheln möchte, oder wenn sie sich vor ihm umziehen soll, wird sie von Ekel gepackt. Claire ist auf Hilfe angewiesen und ihre Mutter, mit der sie sich nicht immer gut versteht, eilt herbei, um der Familie unter die Arme zu greifen. Claire darf nicht mehr Autor fahren, ihr Haus wird zum Gefängnis und die Menschen, die ihr am nächsten stehen, verstehen sie nicht mehr.

Hinter dem Bild einer glücklichen Familie, gibt es Geheimnisse. Caitlin, Claires ältere Tochter studiert bereits und sie befindet sich in einer Situation, in welcher sie ihre Mutter am dringendsten bräuchte. Doch ihre Mutter entgleitet ihr immer mehr. Sie kehrt in die Tage zurück, als Caitlin ein Kind war. Ihre Mutter driftet davon und Caitlin kann ihr nur durch ihr Schweigen helfen, um sie nicht noch mehr zu belasten. Aber auch ihre Mutter besitzt ein Familiengeheimnis. Was versucht ihre Mutter ihr immer wieder mitzuteilen? Was steckt in der Vergangenheit, das sie ihr nie gesagt hat?

Der Wille „Ich“ zu bleiben

Wann hört das „Ich“ auf „Ich“ zu sein? Wann ist man nicht mehr die Persönlichkeit, die man sein ganzes Leben lang aufgebaut hat? Dann, wenn das Vergessen überhandnimmt? Dann, wenn man die Menschen um sich herum nicht mehr erkennt, oder man beginnt, in der Vergangenheit zu leben? Auf spürbare Art und Weise berichtet Rowan Coleman von den alltäglichen Dingen, die sich durch eine Alzheimer-Erkrankung plötzlich in schier unüberwindbare Hindernisse verwandeln. Die Autorin erschafft dabei eine überaus starke und mutige Protagonistin, die gegen diesen übermächtigen Gegner kämpft. Claire will ihre Autonomie nicht verlieren, sie versucht zwanghaft die Krankheit zu verdrängen. Doch Claire wird von der Krankheit gezwungen, stückweise zu erkennen, dass sie manches nicht mehr allein erledigen kann.

Durch einen Fremden erlebt Claire ein Abenteuer, das sie nach ihrer Diagnose nicht mehr erwartet hatte. Er sieht sie mit ganz anderen Augen. Er ist nicht vorwurfsvoll wie ihre Mutter oder „abstoßen“ wie ihr Mann, mit ihm hat sie keine Vergangenheit, sondern nur die Zukunft, die ihr durch die Krankheit immer schneller zu entgleiten droht. Coleman erzählt die Geschichte von Claire und ihrer Familie aus unterschiedlichen Perspektiven. So kommt nicht nur ihre kranke Protagonistin zu Wort, sondern auch ihre Tochter, ihre Mutter und ihr Ehemann. Jeden von ihnen trifft die Krankheit, jeder von ihnen verliert einen geliebten Menschen und kann beim allmählichen Verfall nur zusehen. Und jeder von ihnen geht ganz anders mit der Krankheit um, erinnert sich an vergangene Augenblicke die man nie vergessen möchte. So erfährt der Leser die Geschichte unterschiedlicher Generationen und erlebt dabei Momente zum Schmunzeln, aber auch zum Weinen.

Der Roman Einfach unvergesslich ist nicht nur eine besondere Geschichte dank der wunderbaren Worte, die seine Autorin verwendet, sondern als Hörbuch auch dank der grandiosen Sprecher. Beim Hören passiert es immer wieder, das man einen bitteren Nachgeschmack verspürt, ein ziehen in der Magengegend, gegenüber einer Krankheit, die so wenig fassbar ist. Aber dennoch ist Einfach unvergesslich kein trauriges Buch, sondern ein hoffnungsvolles, die von jeder Figur, von jeder Stimme davon getragen wird. Es erzählt die Liebe zwischen zwei Menschen, zwischen Familienmitgliedern und es erzählt von der Liebe zum Leben, für das es sich noch dann zu kämpfen lohnt, wenn der Kampf ausweglos ist, denn jeder Tag, an dem man „Ich“ sein kann, zählt.

 

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