Rezension | Couchsurfing im Iran von Stephan Orth

Couchsurfing im Iran

Der deutsche Journalist Stephan Orth wagt ein Experiment: Couchsurfing im Iran. Er will in den Iran reisen und dort nicht als Tourist in normalen Hotels das Land kennenlernen, sondern er will die iranische Bevölkerung und ihre Traditionen wirklich entdecken. Dazu sucht er sich im Internet Couchsurfing-Bekanntschaften wohlwissend, dass dies im Iran keine einfache Angelegenheit ist. Doch die junge Generation von Iranerinnen und Iranern umgehen die strikten Gesetze nicht nur online, sie suchen nach jedem Stückchen Freiheit und nutzen es.

Und dann bricht Stephan Orth mit einer falschen beruflichen Background-Geschichte auf und einem einzigen Motto im Gepäck: alles mitmachen und zu allem „Ja“ sagen, wenn es ihm möglich ist. Und damit erlebt der Deutsche hinter verschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen eine unglaubliche Gastfreundschaft. Er kommt mit wildfremden Menschen in Kontakt, die ihn ansprechen und sich mit ihm austauschen möchten. Stephan Orth räumt zum Teil mit den westlichen Vorurteilen auf und zeigt, wie das Leben im Iran ist; und dass der Iran und seine Bevölkerung nicht miteinander gleichgesetzt werden sollten.

Couchsurfing im Iran – das Land in Dunkelheit

Der Iran ist ein Land in Dunkelheit, denn nur hinter verschlossenen Tür, fernab des Überwachungsapparates der Regierung, ist es der Bevölkerung möglich, ihre Bedürfnisse auszuleben. Im Dunklen der Nacht finden Partys statt und die Grenzen der Legalität werden überschritten, um sich ein Stück Freiheit zu sichern. Stephan Orth steigt hinab in diese Welt aus Geheimnissen, die gleichzeitig von viel Lebensfreude bevölkert ist.

Denn die junge Generation der iranischen Bevölkerung ist nicht unbedingt mit der strikten Kontrolle der Regierung einverstanden. Sie sehnen sich nach einer Freiheit, wie der Westen sie hat, und sie gehen Risiken ein, um ihrem Leben mehr zu geben: Geheime BDSM-Veranstaltungen, selbsthergestellter Alkohol oder Picknicks bei Nacht – sobald die Überwachung einen Moment aussetzt, wird der Drang nach Selbstbestimmung und Freiheit lebendig.

Couchsurfing im Iran – Frauen

Hilfsbereitschaft sowie Gastfreundschaft hat Stephan Orth in diesem Land auf unterschiedlichste Art und Weise kennengelernt. Nicht nur durch seine Online-Bekanntschaften, sondern auch spontan auf seiner Reise durch dieses vielseitige Land. Dabei habe ich als Leserin natürlich einen besondern Blick auf die Situation der Frauen geworfen, die Orth nicht verschweigt. Gut ausgebildete Frauen gibt es inzwischen auch im Iran, doch sie sind durch die streng religiöse Gesellschaft eingeschränkt in ihrem Handeln. Ein Kopftuch ist aufgrund der Staatsreligion Islam in der Öffentlichkeit oder in Anwesenheit fremder Männer auch Zuhause zwingend.

Unverheiratet zu sein ist beinahe unmöglich und sobald die Frauen mit ihrem Ehemann unterwegs sind, werden sie kaum mehr beachtet, sie sind nur noch Begleitobjekte ihrer Männer. So geben Stephan Orth und eine iranische Bekannte aus Hamburg vor, ein Ehepaar zu sein, um ungestört einen Teil der Reise gemeinsam bestreiten zu können. Und egal wo sie auftauchen, wird Orth zuerst angesprochen, obwohl er die iranische Sprache nicht spricht. Auch das beinahe aggressive Verhalten fremder Frauen, die den ausländischen Besucher bezirzen wollten, hat mich beim Lesen doch sehr nachdenklich gemacht. Gesellschaftlicher Druck oder die Chance auf ein anderes Leben mögen vielleicht Beweggründe gewesen sein.

Angst ist ein vorherrschendes Gefühl im Iran, denn die Regeln sind streng und jederzeit könnte man eine brechen. Es ist ein ständiges Tanzen auf dem Trapez ohne Sicherungsseil und die Frage bei jeder Begegnung schwingt mit: treuer Gläubiger an das totalitäre Regime oder heimlicher Träumer von Freiheit und Selbstbestimmung?

Couchsurfing im Iran – die wirklich praktischen Tipps

Stephan Orth lässt auf seiner Reise durch den Iran aber nicht nur dieses Land lebendig werden, sondern geht auch auf die Geschichte und den Aufstieg der Mullahs mit ihrem strengen Regime ein. „Couchsurfing im Iran“ ist kein bierernstes Buch, auch wenn das Land von so strengen Regelungen durchdrungen ist und jede freiheitsliebende Handlung im Prinzip schon ein Verstoß ist. Orth lockert diese Seite des Irans immer wieder mit den kulturellen Gegebenheiten auf, die ihn als Deutschen vor Herausforderungen stellen – nur gut, dass er sich vorher schon informiert hat.

Die „How-Tos“ erklären in stichpunktartiger Form, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten sollte, beispielsweise bei einer Einladung zum Essen:

  • Im Schneidersitz auf den Boden setzen
  • Startbefehl „Bokhor, bokhor!“ abwarten
  • Rechteckiges Stück vom Fladenbrot abreißen
  • Hauptgericht einfüllen, zusammenrollen
  • Zubeißen
  • Herausgefallene Speisereste unauffällig vom Teppich entfernen (sie fallen nie auf die Tischfolie)

(Couchsurfing im Iran | Stephan Orth | S. 25)

Die zahlreichen Fotos tun ihr Übriges: Sie zeigen die Menschen hinter den Geschichten und lassen sie lebendig werden. Sie sind Menschen mit Träumen, keine gesichtslosen IranerInnen, die in einem totalitären Regime leben. Sie sind Menschen, die sich nach mehr Freiheit sehnen – zumindest diejenigen, die das Risiko eingehen einem Europärer einen Teil ihres Lebens zu zeigen.

Mir hat „Couchsurfing im Iran“ eine ganz neue Perspektive auf dieses Land gegeben, die ich mir dauerhaft behalten möchte.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Stephan Orth | Originaltitel: Couchsurfing im Iran. Meine Reise hinter verschlossene Türen | Genre: Reisebericht | Reihe: – | Gattung: Reisebericht | Verlag: Piper ( 2017 ) | Seiten: 249 

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