[Rezension] Denfeld, Rene: The Enchanted

Details:
Autorin: Rene Denfeld | Originaltitel: The Entchanted | Sprache: Englisch | Genre: Belletristik | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Weidenfeld & Nicolson ( 2015 ) | Seiten: 246

The Enchanted von Rene DenfeldEs ist ein verzauberter Ort, ein enchanted place, an dem sich der Erzähler in Rene Denfelds Roman befindet. Ein namenloser Beobachter berichtet von dem, was er sieht, was er wahrnimmt oder hört. Der Erzähler ist ein Gefangener im Hochsicherheitstrakt auf dem Weg zur Hinrichtung. Er ist abgeschottet vom Rest der Menschheit und doch lauscht er einem Ort aus Gewalt und Dunkelheit und sucht in den Worten, dem Flüstern auf dem Gang, das Licht, das ihm im Todestrakt versagt bleibt.

Unsichtbares

Der Leser weiß nicht, was er getan hat. Der Leser weiß nicht, wie er aussieht oder wie sein Name ist. Der Erzähler ist ein Unsichtbarer, der von niemandem gesehen wird, der von niemandem gehört wird, denn er schweigt. Schweigt über seine grausamen Taten, schweigt über das was kommt. Und berichtet stattdessen von einem magischen Ort, den er sich in einem der wohl hoffnungslosesten Orte geschaffen hat. Körperlicher Kontakt bleibt ihm versagt, menschliche Interaktion ist bis auf’s Nötigste eingeschränkt. Er ist verdammt und seelenlos und erkennt doch an diesem unsäglichen Ort das Wunderbare.

Der Erzähler lebt ohne Hoffnung, ohne Himmel, Licht und Luft, er existiert und vegetiert und doch befindet er sich an einem Ort, der für ihn nicht nur Dunkelheit, Gewalt und Angst symbolisiert, sondern ebenso einen Zauber innehat, den nicht jeder Insasse, jeder Mitarbeiter, Wärter oder Priester erkennt. Der namenlose Gefangene weiß um die Wunder, die ein Buch ihm bieten hat. Er liebte es einst – bevor er ihm Hochsicherheitstrakt landete – in der Gefängnisbibliothek zu schmökern. Dort befand sich sein Heiligtum, seine Zuflucht vor den Grausamkeiten des Gefangenseins. Dort konnte er in andere Welten flüchten, die Vergewaltigungen, Schlägereien und Demütigungen vergessen. Bis er etwas tat, das ihm auch das verwehrte. Er schweigt und lauscht dem Flüstern der Gefangenen und Wärter, die ihm unwissentlich Geschichten erzählen.

Unsagbares

Rene Denfelds Protagonist ist ein Mörder, der auf den Tod wartet, der sich in der Death Row befindet und der von fast allen gehasst wird. Er spricht nicht und erzählt dem Leser doch eine unfassbar wundervolle Geschichte. Er beginnt mit der Lady, dessen Job es ist, auf Anfrage zum Tode Verurteilte vor ihrem Schicksal zu retten; aber nicht für das Leben zu retten, sondern für eine Existenz im Dunkeln des Hochsicherheitstraktes, ohne menschlichen Kontakt, ohne Sonnenlicht, Himmelblau oder frische Luft. Und sie erfüllt ihre Aufgabe bisweilen gut, schwankt erst, als sie auf York trifft. Er ist der nächste, der die Giftspritze erhalten soll; doch anders als alle anderen Gefangen will York sterben …

Während der manchmal besonders klug, manchmal komplett wahnsinnig wirkende Erzähler immer unsichtbarer wird – sich stattdessen zwischen den Seiten als Leim der Geschichte manifestiert –, werden die Figuren, über die er berichtet, die sich zwischen den wabernden, atmenden Wänden des Gefängnisses bewegen, lebendig. Er erzählt von unsagbarer Grausamkeit, öffnet die Vergangenheit derer, von denen er berichtet, zeigt Gefühle auf und Leben, die ins Unglück rasen.

Mit einer geradezu bildhaften und metaphorischen Sprache bringt die Autorin Licht an einen düsteren Ort, zeigt, wie selbst Grausamkeiten aufleuchten können ohne abgemildert zu werden. Sprachlich hat mich dieses Buch verzaubert, das von einem endgültigen und erschreckenden Ort berichtet, von einem Erzähler, der bald nicht mehr ist, der aber noch atmet, noch existiert. „The Enchanted“ ist eine Führung durch die Gemäuer eines beinahe verlassenen Ortes, bewohnt von verlorenen Seelen, die im Elend leben, umgeben von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Aber hoffnungslos fühlt sich der Leser keineswegs, der vom allgegenwärtigen Erzähler eingemummt wird und dem Dinge erhellt werden, die schonungslos und endgültig sind: Keiner kann diesen Ort einfach so wieder verlassen, kann ihn überstehen; er treibt sich wie ein Messer tief in die Brust, dreht und wälzt sich darin und hinterlässt vernarbte, schmerzende Spuren, die nie ganz heilen.

„The Enchanted“ erzählt von der dunklen Seite des menschlichen Seins, von den Abgründen, die sich auftun, aber auch von der Menschlichkeit, die auch dort noch zu finden ist. Der Roman berichtet von der Liebe zu Büchern, die Erlösung bringen, wenn die Welt um einen herum versagt. The enchanted place, von dem der Erzähler spricht, eröffnet sich dem Leser nicht nur als düsteres Gefängnis, sondern auch als Raum, der entsteht, wenn er dieses Buch liest.

 

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