Rezension | Der Sprung von Simone Lappert

Rezension: Der Sprung von Simone Lappert

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Eine Frau steht auf dem Dach eines Hauses. Sie scheint verwirrt, wirft mit Dachziegeln und ist bereit zum Sprung …

Thalbach ist eine Kleinstadt, in der nicht sonderlich viele Aufregende Dinge passieren. Zumindest bist zu dem Tag, an dem Manu auf dem Dach eines Hauses steht, ein riesiges Polizeiaufgebot die Frau dazu bewegen will, friedlich vom Dacht herunterzuklettern und die Thalbacher Bevölkerung an jenem heißen Sommertag zu Schaulustigen dieses Großereignisses werden.

Der Sprung – Eine Kleinstadt in heller Aufregung

Und um dieses eine Ereignis, das jenen einen Sommertag der Thalbacher regelrecht in Aufruhr versetzt, strickt Simone Lappert die Geschichte von vielen Bewohner*innen der Stadt. Wie als würde sie ein roter Faden durch die kleine Stadt ziehen, führt sie diverse Figuren ein, die alle durch eine Person oder einen Ort miteinander verbunden sind.

Da wäre die resolute Roswitha, die ein Restaurant besitzt, an eben jenem Platz, an dem auch das Wohnaus steht, auf dem Manu für großes Aufsehen sorgt. Da ist Felix, ein junger Polizist, der nicht nur mit seiner Vergangenheit hadert, sondern auch mit der Schwangerschaft seiner Freundin, als er zum Einsatz gerufen wird. In diesem Haus lebt Maren, Ende 30, die sich wie ein Moppelchen fühlt, seit ihr Lebensgefährte Hannes einen strikten Fitness-Lebenswandel für sich ausgerufen hat.

Nebenan wohnen Theres und Walter, die einen kleinen Tante-Emma-Laden führen, dessen glorreiche Tage längst vorüber sind, seit ein Discounter in der Nähe eröffnet hat. Roswithas Restaurant besucht Egon, dessen eigenes Hut-Geschäft nun ein gut besuchter Handyladen ist, und der in einer Schlachterei arbeiten muss, um sein Leben zu finanzieren. Da ist Finn, der um die Welt reisen will, bis er Manu trifft und sich Hals über Kopf verliebt, in diese undurchschaubare, verrückte Frau.

Und das sind noch lange nicht alle Figuren, die uns Simone Lappert in ihrem Roman vorstellt.

Der Sprung – Die Imperfektion des Lebens

Das Leben leben, sich Träume erfüllen, sich gegen Widerstände erheben und den Alltag meistern. Das Leben ist ein Auf und Ab. Es ist eine Achterbahnfahrt mit ungewissem Ausgang. Es ist ein Kampf, den es sich zu kämpfen lohnt, wenn man ein Ziel hat, wenn sich der Sinn einem erschließt.

Simone Lappert erzählt von imperfekten Leben, von den Tiefpunkten, die existentiell sind, von den Momenten, die einschneidend sind und das gesamte Leben für immer prägen können. Sie erzählt von der Schülerin Winnie, die aufgrund ihrer Körperfülle gemobbt wird, sie erzählt von Henry, der als Obdachloser das Treiben der Thalbacher Bervölkerung beobachtet. Sie erzählt von den guten und den schlechten Momenten, vom Wahrhaben, dass man vor einem Abgrund steht und vom Nicht-Sehen, dem Wegschauen, dem Nicht-Erkennen, wenn man alles andere vorschiebt, für sich selbst und für jemand anderen.

Simone Lappert schreibt in ihrem Roman über das Leben, über den Sinn des Lebens, aber vor allem über die Menschen, die jeden Tag auf’s Neue aufstehen und sich dem stellen, was das Leben für sie bereit hält. Sie berichtet über die Veränderungen, die man sich selbst nicht gewünscht hat – ja, die man sich selbst gar nicht vorstellen wollte, dass sie einen treffen. Über Veränderungen, die das gesamte Leben über den Haufen werfen, oder aber dieses überdenken lassen. „Der Sprung“ erzählt von einer Stadt, die sich im Wandel befindet, durch Urbanisierung, durch Digitalisierung, durch das Stehenbleiben während sich die Welt immer schneller immer weiter dreht.

Lebe ich so, wie ich schon immer leben wollte? Oder hat mich das Leben in eine Richtung gedrängt – ganz klammheimlich – die ich eigentlich gar nicht einschlagen wollte? Welche Ziele, Hoffnungen, Bedürfnisse habe ich aus dem Blick verloren, über die Jahre hinweg, bei der Meisterung des Alltags, des Brotjobs oder bei der Befriedigung der Bedürfnisse von jemandem anderen? Ist der Weg, den ich bisher gegangen bin noch der Richtige?

Leben heißt bleiben und ertragen, dass alles irgendwann verschwindet. Lass dir das gesagt sein. Du kommst auf die Welt und verlierst von Anfang an: deine Zähne, deinen Speck, dein Herz, deine Haare, deine Zeit, deine Jobs, deine Lieben und irgendwann vielleicht sogar den Verstand. Leben heißt zurückbleiben hinter den Dingen, den Erwartungen, den Menschen. Besser du fängst früh genug damit an, gut darin zu werden. Wenn du gut leben willst, musst du ein verdammt guter Verlierer sein.

Der Sprung, S.110

Der Sprung – ein Tag, der alles verändert

Und während man sein alltägliches Leben immer so weiterlebt, geschieht etwas ganz Außergewöhnliches: eine Frau steht auf dem Dach eines Wohnhauses und will nicht mehr herunterkommen. Ihre Beweggründe sind unbekannt, doch ihre Tat führt bei vielen dazu, dass ihr ganz normaler Alltag aus den Fugen gerät.

Dieses eine Etwas, das bringt den Ball zum Rollen und im Nu verändert sich von vielen Menschen nicht nur dieser eine Tag, sondern das gesamte Leben. Denn manchmal braucht es diesen einen Anstoß – der vielleicht nicht gerade gelegen kommt, der störend ist – der aber diesen einen Augenblick begünstigt heute etwas anders zu machen. Und manchen von Lapperts Figuren gelingt es, sich zu befreien, während andere weitermachen, als wäre nichts geschehen. Das Leben – so wie es ist!

Und dabei findet Simone Lappert genau die richtigen Worte, die so tiefgründig an der richtigen Stelle gesetzt werden. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Sie erschafft Momente, die packen, die sich auf wenigen Seiten entfalten und die sich auch an den/die Leser*in richten. Was macht das Leben aus? „Der Sprung“ ist ein wunderbarer Roman, der das Leben präsentiert, wie es ist: mit Stolperfallen, herzflatternden Momenten, tragischen Ereignissen und allem dazwischen.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Simone Lappert | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Diogenes ( 2019 ) | Seiten: 334

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