Rezension | Die Ladenhüterin von Sayaka Murata

Die Ladenhüterin von Sayaka Murata

Keiko ist 36 Jahre alt und arbeitet in einem Konbini, einem 24-Stunden geöffneten Convenience Store, als Aushilfe. Was andere während ihres Studiums machen, betreibt Keiko bereits seit 18 Jahren und sie hat sich dabei ein ausgeklügeltes Erklärungssystem ausgedacht, um misstrauische Fragen von Kollegen oder Freunden beantworten zu können. Schon als Kind war Keiko seltsame Äußerungen von sich gegeben, die zeigten, dass Keiko anders auf die Welt blickt – weniger empathisch. Doch was Keiko als letztes will, ist auffallen, so wird sie immer stiller, um ihren Eltern keine Last zu sein. Keiko passt sich an, doch diese Anpassung fällt ihr immer schwerer, je mehr die Erwartungen der Gesellschaft auf ihre Lebensweise prallen.

Die Ladenhüterin: Die Welt des Konbinis

Keiko ist eine Außenseiterin, die nur im Raum des Konbini und seinen täglichen Ritualen als Mitglied der Gesellschaft existieren kann. Die aufgesetzt Regeln, das einstudierte Lächeln und das laute „Herzlich Willkommen“ sind ihr in Leib und Seele übergegangen. Um jeden Preis versucht sie nicht aufzufallen, doch ihre Fassade beginnt zu bröckeln, als sie feststellt, dass auch ihre Schwester sich Sorgen über ihren nicht-konformen Lebensstil macht.

Der Convenience Store ist Keikos Leben. Hier kennt sie jeden Winkel und jedes Produkt. Sie ist beinahe selbst zum Inventar des Stores geworden, jeder Handgriff sitzt, jedes Lächeln, jede Geste in Richtung Kunde ist perfektioniert. Die 36-Jährige fühlt sich dem Konbini zugehörig, hier existiert sie als Teil der Gesellschaft, ohne negativ aufzufallen. Doch als der ungepasste Shiraha kurze Zeit im Convenience Store aushilft und dann gekündigt wird, weil er sich anzüglich und abgehoben verhält, steigt in Keiko die Angst herauf: Was, wenn sie die nächste ist?

Die Ladenhüterin:
die Normalität der Gesellschaft vs. der Fremdkörper

Aus Keikos Perspektive schildert die Autorin Sayaka Murata ihre Geschichte. Keiko weiß, dass sie ein Fremdkörper ist, denn sie denkt anders als andere Menschen und  seit ihrer Studiumszeit versucht sie, ihr Inneres ganz konsequent vor der Welt zu verbergen. Denn sie weiß, dass alles Fremdartige bei den Menschen auf Unverständnis und Widerstand stößt. Keiko hat deshalb auch keine echten Freunde, nur ein paar ehemalige Schulfreundinnen, denen sie Halbwahrheiten auftischt, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester entwickelt. Doch trotz der engen Bindung zu ihrer Schwester stellt Keiko fest: auch diese macht sich über ihre Unangepasstheit und Einsamkeit Sorgen.

Die Erwartungen der Gesellschaft

Die Erwartungen der Gesellschaft drohen Keiko zu erdrücken. Sie ist nun in einem Alter, in welchem von einer Frau Heirat und Kinder erwartet werden und diese Erwartungen werden ihr ein ums andere Mal vorgehalten. Keiko sieht sich als Sonderling, doch statt dies mit Stolz zu tragen, versucht sie ihre Andersartigkeit zu verbergen. Sie kann die Arroganz der Anderen nicht ertragen wenn sie herausfinden würden, wie Keiko wirklich ist.

Die Ladenhüterin“ beschreibt das Leben einer Frau, die ihr ganzes Wesen der Angepasstheit für die  Gesellschaft aufopfert. Um jeden Preis will Keiko ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft sein, lebt aber immer in dem Bewusstsein, dass sie plötzlich entlarvt wird und dem Untergang geweiht ist, denn jeder, der nicht funktioniert wie alle normalen Menschen, ist schlichtweg unnötig.

Es ist ein faszinierendes Leseerlebnis, denn eigentlich hat Keiko ihren Platz im Leben gefunden. Die Eröffnung des Konbini war für sie ein großes Glück und der Eintritt als Konbini-Mitarbeiterin wie eine zweite Geburt. Doch die Erwartungen von außen, die manchmal aus Keikos Perspektive durchaus übertrieben scheinen, manchmal aber der harten Realität entsprechen, zwingen sie dazu sich falsch zu fühlen. Eine Frau, die anders ist, geht ihren Weg, doch der Weg wird vom Rest der Menschen um sie herum  als nicht richtig eingestuft.

Ein kurioses Schauspiel ist „Die Ladenhüterin“ mit einer tieftraurigen Note über den zwanghaften Druck der Gesellschaft, das jeder regulierten Normen entspricht und keiner von diesen abweichen darf. Abweichung bedeutet Einsamkeit, bedeutet Dysfunktionalität, bedeutet Ausgestoßen sein. Mit unaufgeregten Worten beschreibt die japanische Autorin den Weg ihrer Protagonistin, der zwar manchmal tatsächlich sehr fragwürdig ist. Doch all diese Absurditäten werden hingenommen, sofern sie dem Ziel eines normalen Scheins dienen. Der Roman wird zur Gratwanderung, den eigenen Platz im Leben zu opfern, um die Erwartungen der Gesellschaft zu befriedigen, oder ihn zu verteidigen.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Sayaka Murata | Originaltitel: Konbini ningen | übersetzt von: Ursula Gräfe | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Aufbau Verlag ( 2018 ) | Seiten: 145

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