Rezension | Die störrische Braut von Anne Tyler | #Shakespeare400

Die störrische Braut von Anne Tyler #Shakespeare400

#Shakespeare400

#Shakespeare400 ist ein Projekt der Hogarth Press & des Knaus Verlags. "Die störrische Braut" von Anne Tyler ist eines der ersten Bücher aus einer Reihe von Romanen bekannter Autoren und Autorinnen, die sich Shakespeares Werken annehmen und diese in moderne Literatur verwandeln. Weitere Informationen zum Shakespeare-Projekt findet ihr in meinem Eröffnungsbeitrag.

#Shakespeare400: Der Widerspenstigen Zähmung

(Achtung mit Spoiler zu Shakespeares Werk — gerne bei der nächsten Zwischenüberschrift weiterlesen)

William ShakespearesDer Widerspenstigen Zähmung“ besteht aus zwei Handlungsebenen: der betrunkene Kesselflicker Schlau wird aus einer Kneipe geschmissen, vor der er einschläft. Ein Lord kommt vorbei, findet ihn und lässt ihn mit auf sein Schloss nehmen, um ihm einen Streich zu spielen. Alle behaupten Schlau sei ein Lord, der 15 Jahre lang an einer Geisteskrankheit litt. Als eine Theatertruppe ins Schloss kommt, wird ihm ein Stück vorgespielt, wie es der echte Lord verlangt:

Lucentio will die jüngere Tochter der Baptistas heiraten, doch deren Vater stimmt einer Hochzeit nur zu, wenn zuerst seine ältere Tochter Katharina verheiratet ist. Für diese scheint sich nur kein Mann zu interessieren, bis Petruchio in der Stadt auftaucht. Er ist auf der Suche nach einer guten Partie. Im Wortgefecht gegen Katharina entscheidet sich, dass er ihr ebenbürtig ist und sie heiraten will, ob sie will oder nicht. Letztendlich stimmt Katharina zu und auch Lucentio überzeugt Vater Baptista davon, dass Bianca heiraten darf. Am Ende erweist sich die Widerspenstige, als die gezähmte, mustergültige Ehefrau: sie hält einen Monolog auf die Unterwürfigkeit der Frau.

Und was sich hier im letzten Satz schon bei Shakespeare ankündigt, – eine höchst problematische Szene – findet sich auch bei der Roman-Adaption von Anne Tyler wieder: Feminismus adieu – Ironie hello. Seid (an-)gespannt!

Die störrische Braut: Kate Battista

Die 29-jährige Kate Battista ist planlos, was ihr Leben anbelangt. Ihr Studium hat sie abgebrochen, als sie vom College geworfen wurde. Sie arbeitet nicht besonders ambitioniert als Betreuerin in einer Kindertagesstätte. Im Umgang mit Menschen fehlt es ihr an Empathie und sozialer Kompetenz, was sich besonders bei den Eltern zeigt. Kate lebt Zuhause bei ihrem Vater, der als leidenschaftlicher Wissenschaftler Autoimmunerkrankungen erforscht und ein ums andere Mal alles um sich herum vergisst. Ihre jüngere Schwester Bunny geht noch zur Schule und interessiert sich nur für Klamotten und Jungs.

Seit dem Tod ihrer Mutter hat Kate das Familien-Management übernommen. Doch richtig glücklich ist sie damit nicht. Allerdings auch nicht so unglücklich, dass sie an ihrer Situation etwas ändern wollen würde. Nichtdestotrotz ist sie entsetzt darüber, als ihr Vater vorschlägt, sie könnte mit seinem Assistenten Pjotr eine Scheinehe eingehen. Pjotrs Arbeitsvisum läuft in wenigen Monaten aus und dann muss er Amerika verlassen. Für ihren Vater scheint dies das Ende aller Tage zu sein, denn seine Forschungen sind dank Pjotr weit fortgeschritten.

Die störrische Braut: Das Problem mit der Sprache

Das Problem mit der Sprache bemerkt der Leser in Anne Tylers Shakespeare-Adaption „Die störrische Braut“ recht früh. Bunny, die 15-jährige Schwester von Kate, beendet jeden normalen Satz so als wäre es ein Fragesatz. Sie scheint einfältig zu sein – ja ganz klischeehaft dumm und blond – und hat keinen Respekt vor ihrer älteren Schwester. Und ihr Vater ist mit seinem Kopf ständig bei der Arbeit, sodass er das Familienleben oft komplett ausblendet. Dinge werden gesagt und nicht verstanden und das zwischen allen Figuren, was zu einer seltsam-witzigen Stimmung führt, die immer wieder ins lächerliche kippt. Die Kommunikation funktioniert zwischen kaum einem Figurenpaar.

Pjotr, dessen Name niemand außer Kate richtig aussprechen kann, wird von allen Pjoder genannt. Er spricht mit einem ausländischen Akzent. Und genau diese Tatsache lässt seine Intelligenz zum Teil hinter seinen Sprachschwierigkeiten verschwinden. Er drückt sich vor Kate in einfachen Worten aus und genau diese Worte scheinen bei Kate Anklang zu finden. Sie findet Gefallen daran und stimmt nach großem Hin und Her einer Hochzeit zu. Denn mit Pjotr scheint aus Kate, die auf der Kommunikationsebene zwischenmenschlicher Beziehungen nicht sonderlich talentiert ist, plötzlich ein Gespür für ihr Gegenüber zu bekommen. Kate wird zur Menschen-Versteherin.

Die störrische Braut: ein komödiantisches Stück

Und allein das Problem mit der Sprache entwickelt sich in „Die störrische Braut“ gemeinsam mit der inhaltlichen Konstellation zu einer eher schlechten Mischung. Klar lässt sich eine Shakespeare-Adaption von „Der Widerspenstigen Zähmung“ nicht so abwandeln, dass wir uns uneingeschränkt in feministisch klaren Bahnen bewegen (Oder vielleicht doch?). Dennoch hat Anne Tyler diesen Absprung nicht wirklich geschafft, auch wenn sie ironische Elemente mehrfach hinzu zieht.

So ist Bunny ein ganz extremer Charakter, den man mit den fragestellenden Aussagesätzen kaum ernst nehmen kann. Auch wenn sie als Figur eher unverstanden als verstanden ist, sowohl von den anderen Figuren als auch durch den Leser, da dieser sie nur oberflächlich kennenlernt. Sie bleibt schwer durchschaubar. Aber spätestens bei der abstrusen Situation, die der Vater mit seinem Vorschlag hervorruft, gerät Anne Tylers Roman in eine komödiantische Schräglage.

Die Dialoge sind zum Teil unglaubwürdig, gerade zu herbeigezaubert. Aber vielleicht erfordert das auch diese Situation, in welche Kate gerät und in die sie einwilligt. Kate ist eine verlorene Figur, die ihr Leben auf keiner Ebene wirklich im Griff hat. Sie hat einen Job, den sie nicht leiden kann, wird von ihrer Familie eher bemitleidet und nicht ernst genommen. Ein bisschen hatte ich beim Lesen das Gefühl, als würden wir einem Theaterstück folgen (was aus Sicht der Adaption ja doch ein ganz geschickter Clou wäre). Alles wirkt überzogen, sowohl die Dialoge als auch die Figuren und der Handlungsverlauf.

Die störrische Braut: ein fehlbares Zusammenspiel

Anne Tyler versucht mehrere Ebenen in ihrem Roman zu vereinen. Da wäre zum einen die Bedeutung der Sprache, aber auch der (un-)verständlichen Kommunikation oder die Manipulationsstruktur innerhalb einer Familie sowie die vielen humorvollen Elemente, die sich daraus ergeben. Und all diese Punkte finde ich sehr spannend. Doch in ihrem Zusammenspiel entwickelt sich eine Lächerlichkeit, die mir den Inhalt des Buches zu unglaubwürdig werden lies.

Aus feministischer Perspektive finde ich „Die störrische Braut“ dennoch bedenklich, auch wenn wir eine Komödie vor uns haben. Das Verschachern der eigenen Tochter ist und bleibt problematisch, auch wenn man Kates Reaktionen betrachtet. Mir scheint die Autorin hat ihrer Hauptfigur zwar mehr Eigenwillen als dem Original mitgegeben, deren Entwicklung bleibt mir aber auf diversen Ebenen unverständlich. Sie stolpert in die Abmachung mit ihrem Vater und Pjotr hinein, weil sie es in ihrem Leben nicht schafft, eine andere Option auszumachen. Sie ist ein sehr passiver Charakter, der sich – ein Glück – zu einer recht aktiven Figur entwickelt, doch auch das: zu schnell, zu heftig. Das Schicksal, das sie dann ereilt, ist zwar nicht die Unterwürfigkeit der Frau, sondern eine Art Befreiung aus ihrer Lethargie. Und das auf eine sehr konstruierte Art und Weise. Selten habe ich Bücher gelesen, bei denen die Struktur des Werks so heraussticht und das nicht als Kunstgriff.

Die störrische Braut: zu viel Fun und zu wenig Ernst

Die Ernsthaftigkeit hat mir in diesem Werk eindeutig gefehlt. Dies soll sicherlich so sein, und doch hat es mir auf diese Weise die Figuren nicht näher gebracht, da ich sie auf keiner Ebene für voll nehmen konnte. Lediglich dieser eine Moment, als Kate über den Vorschlag des Vaters zu tiefst entsetzt und verletzt ist, hat mich überzeugt. Möglicherweise liegt es an der Kombination von Roman und Komödie, mit teilweise satirischen Momenten, um auch die Shakespeare-Adaption nicht aus dem Blick zu verlieren. „Die störrische Braut“ versetzt Shakespeares Stoff in die Moderne, doch die komödiantischen Elemente überspülen die eigentlich klug durchdachten Ebenen der Autorin.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Anne Tyler | Originaltitel: Vinegar Girl | übersetzt von: Sabine Schwenk | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Knaus Verlag ( 2016 ) | Seiten: 219

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