Rezension | Die Tage der Anna Madrigal von Armistead Maupin

Armistead Maupin: Die Tage der Anna Madrigal (Stadtgeschichten)

Wir finden uns wieder ein, in San Francisco, dem Schauplatz von Armistead Maupins berühmten „Stadtgeschichten“. Mit „Die Tage der Anna Madrigal“ zelebriert der Autor und auch der Leser die letzten Stadtgeschichten mit der transsexuellen Anna, dem liebenswerten Michael aka Mouse und dem gutmütigen Brian, der noch einmal die Liebe entdeckt. Und dann ist da noch Jake, der sich um die inzwischen 92-jährige Anna kümmert, verrückte Ideen hat und die alte Dame zum jährlich stattfindenden Festival Burning Man schleppen will.

Stadtgeschichten: Die Vergangenheit von Anna aka Andy

Die Barbery Lane 28 ist längst Vergangenheit und ihre ehemaligen Bewohner leben ihr eigenes Leben. Doch dieses Leben hat sich manchmal nicht ganz so entwickelt wie erwartet. Es ist schwierig geworden. Die Zeiten sind hart, das Geld ist knapp und die Erwartungen sind undurchsichtig. Anna Madrigal ist in die Jahre gekommen. Mit 92 hat sie keinen weiten Weg mehr vor sich, um ans Ende zu gelangen, und doch wecken die Menschen in ihrer Umgebung zumindest den einen Wunsch noch, etwas abzuschließen. Eine Sache in ihrem Leben, ein gut gehütetes Geheimnis soll gelüftet werden: in Winnemucca, dem Geburtsort von Andy, der eines Tages zu Anna werden wird.

Winnemucca ist ein verschlafenes Nest, an dessen Rand vor langer Zeit die Blue Moon Lodge residierte, ein Bordell, das Andys Mutter führte. Doch nach all den vergangenen Jahrzehnten bleibt die Angst, dass Winnemucca sich so sehr verändert hat, dass Anna es nicht wieder erkennt. Aber der Drang das Gewicht ihres letzten Geheimnisses von ihren Schultern zu nehmen ist zu groß. Gemeinsam mit Brian und seiner neuen Freundin begibt sich Anna auf ihr letztes Abenteuer – doch das wird nicht in Winnemucca enden.

Stadtgeschichten: Die geliebten Figuren der Barbery Lane

Michael ist immer noch mit Ben zusammen und ganz zufrieden. Dennoch spürt er das Alter und das Geld ist rar gesät. Er weiß aber auch, sein Leben will er unter keinen Umständen mit jemand anderem verbringen. Aber was ist mit Ben – braucht er nicht vielleicht jemand in seinem Alter, der noch richtig mithalten kann? Michael fühlt sich zunehmend distanziert zur Kraft und Neugierde seines Ehemannes. Er liebt die Gemütlichkeit und das einfache, tägliche Leben. Die Fahrt zum Burning Man macht er nur aus Liebe zu Ben mit. Ein Fehler mit schwerwiegenden Folgen?

Brian hingegen entdeckt die Liebe auf’s Neue. Eine alte Bekanntschaft schleicht sich in sein Leben und Shawna ist beglückt, dass ihr geliebter Vater sich noch einmal auf jemanden einlassen kann. Sie sieht ihn gerne glücklich. Shawna selbst hat ein ganz anderes Ziel: die Mutterschaft. Das Gefühl den richtigen Zeitpunkt erreicht zu haben, lässt sie nicht mehr los und so fasst sie den Plan, am Burning Man eine Samenspende zu empfangen. Einen Spender hat sie auch schon auserkoren, nämlich in ihrer nahen „Wahlfamilie“, doch das ruft bei Michael eher Entsetzen als Freude hervor …

Stadtgeschichten: verrückt, großartig, Kult!

Vielleicht zeugt schon die inhaltliche Beschreibung von „Die Tage der Anna Madrigal. Die letzten Stadtgeschichten“ davon, dass auch mit seinem letzten Band Armistead Maupin nicht davon abweicht seine Figuren, die allesamt vielleicht bodenständiger sind als noch zu Beginn der Stadtgeschichten in den 1970er Jahren, auf einen verrückten Trip mitzunehmen. Ja, die einst kunterbunte, lebenskluge Anna Madrigal ist alt geworden. Sie ist still und zurückhaltend und dennoch erkennt man auch als Leser immer noch den Funken und die Klugheit, die sie nie ganz verloren hat.

„Die Tage der Anna Madrigal“ erzählen vom Älterwerden genauso wie vom alt werden. Michael hinterfragt sein aktuelles Leben, Shawna sprudelt vor Zukunftsplänen und Anna blickt in ihre Vergangenheit zurück, in die Zeit als sie noch ein Junge war, der wusste, dass er lieber ein Mädchen wäre und der dieses Wissen doch geheim halten musste. Die letzten Stadtgeschichten sind ein Rückblick in die Vergangenheit genauso wie ein Blick in die Zukunft. Auch der letzte Band bleibt ein Ausflug in Lebensausschnitte seiner Figuren, eine Momentaufnahme der Umstände, Veränderungen, die eingetreten sind, und Charaktereigenschaften, die sich entwickelt haben.

Für mich besitzen die Stadtgeschichten Kultfaktor und es gibt keine vergleichbare Reihe, zumindest habe ich bisher keine gefunden, die das gleiche Gefühl in mir hervorruft. Mit Armistead Maupins Figuren habe ich mehr als einmal gelitten. Einige von ihnen habe ich innig geliebt, in manchen Bänden ehrlich gehasst und nun gegen Ende hin, bin ich mit ihnen versöhnt, denn sie haben allesamt nur allzu menschliche Charakterzüge, sind fehlerhaft, eigensinnig und wunderbar.

Es ist ein Abschied, wie ich ihn selten bei einer Reihe erlebt habe. Ein Abschied von lieb gewonnenen Figuren, die einen über Jahre hinweg begleitet haben; deren Leben man als Leser mitverfolgt hat. Die Höhen und Tiefen des Lebens spiegeln sich in jedem einzelnen Band der Stadtgeschichten wider, doch besonders im letzten Band haben sie diesen ungewissen, traurigen Beigeschmack: das Ende, welches nicht perfekt ist. Und dann kommt einem beim Lesen doch wieder dieser eine Gedanke: es geht weiter mit dem Leben, egal wie es verläuft, auch dann, wenn es fernab von „dem perfekten Leben“ ist. Die Stadtgeschichten zeugen von gelebten, verrückten Leben, die Mut und Kraft erfordern.

Bibliographische Angaben zum Buch:
Autor: Armistead Maupin | Originaltitel: The Days of Anna Madrigal | übersetzt von: Michael Kellner | Genre: Klassiker | Reihe: Stadtgeschichten | Band innerhalb der Reihe: 9 | Gattung: Roman | Verlag: Rowohlt  ( 2017 ) |  Seiten: 334

2 Kommentare

  1. Ich liebe die Stadtgeschichten und habe sie alle gelesen. Vor vielen Jahren.
    Diesen letzten Band habe ich ehrlich gesagt abgebrochen.
    Ich konnte mir den Protagonisten und dem Plot nichts mehr anfangen.
    Ich möchte jetzt den ersten Band nochmal lesen, und prüfen ob es an diesem einen Buch liegt, oder daran, dass ich mich verändert habe und nicht mehr zu den Stadtgeschichten passe.
    Viele Grüße
    Silvia

    1. Hallo Silvia,

      ja, du hast Recht. Von der Stimmung her, ist dieser letzte Band anders als die davor. Ich habe das auf den Abstand geschoben, den ich vom Lesen her habe, da die ersten Bände schon wirklich lange her sind und ich auch in einer anderen Lebensphase war. Allerdings trifft für mich dieser Band genau das: eine andere Lebensphase, von mir und von den Figuren.

      Viele Grüße
      Ramona

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.