[Rezension] Doctorow, Cory: Little Brother

Details:

Originaltitle: Little Brother
Autor: Cory Doctorow
Genre: Dystopie, Romane & Erzählungen
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: Rowohlt ( 2010 )
Seiten: 482

Klappentext:

Marcus, alias «w1n5t0n», ist 17, smart und ein begeisterter Gamer. Als Terroristen die Oakland Bay Bridge in San Francisco in die Luft sprengen, befinden er und seine Freunde sich zur falschen Zeit am falschen Ort. Agenten der Sicherheitsbehörde halten sie für verdächtig und verschleppen sie auf eine geheime Insel, wo sie tagelang verhört, schikaniert und gedemütigt werden. Als Marcus freikommt, hat sich San Francisco in einen Überwachungsstaat verwandelt. Jeder Bürger – ein potentieller Terrorist; Menschenrechte – zweitrangig; Freiheit – ein «Sicherheitsrisiko».

Marcus und seine Freunde können nicht akzeptieren, was geschehen ist – und beschließen, sich zu wehren. Mit Hilfe subversiver neuer Medien organisieren sie sich zu einer «Gamer-Guerilla». Ihr Plan: Sabotage der staatlichen Überwachung. Ihre Waffen: die Zukunftstechnologien. Ihr Ziel: der Sturz der Regierung.

Inhalt:

Ein Terroranschlag in San Francisco verändert das Leben des 17-jährigen Marcus und seiner Freunde für immer. Als vermeintliche Terroristen werden sie festgenommen, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Verschleppt, misshandelt und gedemütigt kehren sie nach Tagen in ihr altes Leben zurück. Doch sie können sich niemandem anvertrauen, denn keiner darf wissen, was die Heimatschutzbehörde im Namen der Sicherheit treibt.

Meinung:

Stell dir vor, dein Leben ist an einem Tag noch ganz normal und am Nächsten hat sich alles – auf die schlimmste Art und Weise, die man sich nicht einmal vorstellen kann  – verändert. Du befindest dich in einem Albtraum, aus dem es kein Entkommen gibt. Marcus und seine Freunde Darryl, Van und Jolu spielen liebend gern das Alternate Reality Game „Harajuku Fun Madness“. Deshalb stehlen sie sich hin und wieder aus der Schule – täuschen dabei die weit verbreiteten Gangerkennungskameras – und treffen sich, um den nächsten Hinweisen des Spiels in San Francisco nachzugehen.

Bei einem ihrer heimlichen Ausflüge landen die vier Freunde allerdings genau an dem Ort, an welchem – bei ihrem Ankommen – Terroristen Bomben zünden, dabei eine Brücke und eine vielbenutzte Metro in die Luft sprengen. In dem Chaos aus Rauch und verängstigten Menschen wird Darryl niedergestochen und als Marcus Hilfe sucht werden den Jugendlichen wortlos schwarze Säcke über die Köpfe gezogen und sie werden weggeschafft – an einen unbekannten Ort: Sie stehen unter Verdacht den Terroranschlag verübt zu haben.

Nun ist jeder auf sich allein gestellt. Marcus kann es kaum glauben, dass sein eigenes Land sich gegen ihn stellt. Keiner hört ihm richtig zu, jedes Wort wird ihm im Mund herumgedreht. Psychospielchen werden mit ihm gespielt, damit er seine Passwörter für Handy und sonstige Technikgeräte preisgibt. Immer und immer wieder wird nach der Geschichte gefragt, warum er sich ausgerechnet dort – in der Nähe der gesprengten Brücke – befand. Nach Tagen werden Marcus, Van und Jolu freigelassen. Der verletzte Darryl bleibt verschwunden.

Keiner der Jugendlichen ist mehr Herr seiner Emotionen. Sie wurden gedemütigt und als Terroristen hingestellt. Selbst nach ihrer Freilassung ist ihnen klar: Sie werden überwacht. Hinzu kommt, dass sich die Stadt in den letzten fünf Tagen verändert hat. Überall sind Kameras aufgestellt, Sicherheitsleute postiert und jeder Bewohner erhält Chipkarten, die durch weitere Maschinen die Menschen überwachen sollen. Die Freiheit wird unter dem Deckmantel der Sicherheit eingeschränkt.

Little Brother ist ein grandioses Buch – so viel vorne weg. Cory Doctorow konstruiert das Szenarium eines Überwachungsstates, das erschreckend, realistisch und spannend ist. Marcus, der Protagonist, ist ein Junge, der das Spiel liebt, der sich mit Computern auskennt und nicht auf den Kopf gefallen ist. Sein Leben verändert sich schlagartig und dieser Veränderung muss er sich anpassen. Er entwickelt sich im Verlauf der Geschichte weiter, wird erwachsen und vor Entscheidungen gestellt, bei denen viele von uns verzweifeln würden. Der Leser wird in die Emotionen, die Gefühle, Ängste und Sorgen der Hauptfigur direkt mit eingebunden, kann sie nachempfinden und wird manchmal sogar von den greifbaren Beschreibungen des Autors innerlich aufgewühlt bzw. berührt.

Manch ein Leser muss sich vielleicht am Anfang des Buches erst an die teilweise sehr jugendliche Sprache gewöhnen. Es werden viele technische Modi erklärt und der Autor führt in das Gamer-Vokabular ein. Dennoch passt dieser Erzählstil zum Buch. Er verstärkt die Tragweite der Ereignisse sogar, denn Jugendliche werden nach einem Terroranschlag gefangen genommen, verschleppt, verhört und gedemütigt. Die Verbindung des Protagonisten zum Leser wird auch dadurch hervorgehoben, dass jener hin und wieder den Rezipienten direkt anspricht und ihn in sein Denken mit einbezieht.

Dies führt mich zum nächsten Punkt: Das Buch ist auf erschreckende Art und Weise realistisch, denn man kann sich als Leser vorstellen, dass die Ereignisse wirklich so, wie sie geschildert werden, passieren könnten. Völlige Überwachung und Kontrolle unter dem Deckmantel der Sicherheit und der Terrorbekämpfung. Eine Bevölkerung, welche die Augen davor verschließt, was wirklich passiert – dass ihnen ihre verfassungsgegebenen Grundrechte geraubt werden – bis es beinahe zu spät ist. Schon heute werden wir überwacht. Es gibt fast überall Kameras und Videoüberwachung ist schon lange kein Sci-Fi-Element mehr. Aber während wir diese Überwachung kaum wahr nehmen, treibt Cory Doctorow dies in seinem Buch auf die Spitze.

Fazit:

Cory Doctorows Roman Little Brother ist ein spannendes und erschreckend realistisches Buch zugleich. Der Leser wird völlig in den Bann gezogen, denn hin und wieder verschwimmt beim Lesen sogar der Gedanke, dass es sich hierbei um Fiktion handelt. Die Entscheidungsmöglichkeiten, vor die der Protagonist gestellt wird und die Emotionen und das Verhalten, welches er zeigt sind vielschichtig, realistisch und lassen ihn wie einen lebendigen 17-Jährigen erscheinen, dessen Welt von einem Tag auf den anderen nicht mehr dieselbe ist. Dabei zeigen sich beängstigende Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft.

Daher gibt es von mir 5 von 5 möglichen Sternen.

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Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar!

3 Kommentare

  1. Little Brother ist einfach super…bin grad dabei es zu lesen und bin schon super gespannt wie es weitergehen wird. Danke für die tolle Rezi !
     
    LG Bella

  2. Hi,

    Ich hab mich zum ersten Mal auf deinem Blog verirrt und gleich eine Rezi (bzw. ein Buch) erwischt, die (/das) mir gefällt.
    Sehr schön gemacht und sehr eingängig beschrieben.

    Mir gefällt die Anspielung auf „Big Brother“ im Titel.
    Mal überlegen, ob ich meinen SuB noch um ein Buch vergrössern soll 😉

    Gruss Vega

  3. Hab ich mir gedacht, dass du das Buch auch gut finden wirst 🙂 Ich fand, dass es einfach nur der Hammer ist! Hast du das Nachwort noch gelesen? Nach dem Buch bin ich jedenfalls wirklich leicht paranoid durch die Stadt gelaufen und habe mal darauf geachtet, wo überall Kameras sind 😉

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