Rezension | Don DeLillo: Null K

Null K von Don DeLillo

Jeffreys Stiefmutter Artis ist schwerkrank. Sie liegt im Sterben, doch sein reicher Vater Ross Lockhart will seine zweite Frau nicht einfach so gehen lassen. Stattdessen will er sie einfrieren lassen mittels kryonischer Konservierung, um sie eines Tages – wenn es Heilung gibt – wiederbeleben zu können. So reist Jeffrey ans andere Ende der Welt, um seine geliebte Stiefmutter ein letztes Mal zu sehen und sie auf ihren vorerst letzten Weg zu begleiten. Eine verstörende Entdeckungstour beginnt.

Null K – An den Rand der Welt

Das kryonisches Verfahren zur Konservierung von Menschen ist eine kostspielige und bisher recht geheime Angelegenheit. Deshalb muss Jeffrey auch an den Rand der Welt fahren in eine geheime und entlegene Forschungsstation, die strikt abgeriegelt ist und bewacht wird. Er erhält ein Armband, das ihm Zugang zu bestimmten Bereichen des Klinikgeländes gibt. Viele Bereiche sind für ihn allerdings gesperrt und er steht vor verschlossenen Türen. Jeffrey wandelt durch die kühlen Gänge des Gebäudes. Überall findet er Bildschirme, die aus der Wand herausragen und verstörende Bilder zerstörerischer Kriege, Demonstrationen und tote Menschen zeigen. Auch seltsam anmutende Skulpturen begegnen ihm in den Ecken der Klinik. Die meisten Türen, die er zu öffnen versucht, bleiben geschlossen und so streift er durch den sterilen und beinahe menschenlosen Raum der Station.

Hin und wieder begegnen ihm aber seltsame Gestalten. Menschen, die wortkarg sind und an Kommunikation nur das nötigste verlauten lassen. So begegnet ihm ein Mönch, der sich anscheinend um die kranken Patienten kümmert, die kurz vor der Konvergenz stehen. Und doch ist dieser Typ ein gewöhnlicher Mönch, seine Kleidung ist heruntergekommen. Aber er gibt Jeffrey mehr Einblicke in die verborgene Welt der Klinik hinter den für ihn verschlossenen Räumen: Kleine Kabinen mit Patienten, die halbtot vor sich hinvegetieren und darauf warten für die kryonische Konservierung zugelassen zu werden. Manche von ihnen sind kaum bei Bewusstsein oder dämmern in einem halb-bewusstlosen halb-bewusstseienden Zustand. Es ist eine extrem kuriose Szenerie einer (Nicht-)Wirklichkeit, die Don DeLillo hier aufruft. Und dennoch passt sie zum Konzept von „Null K“, das sich mit Räumen und der identitätsstiftenden Macht von Namen beschäftigt.

Null K – ein Nicht-Ort zwischen Zeit und Raum

Aus der Perspektive von Jeffrey erzählt Don DeLillo die Erfahrungen in der abgelegenen Klinik, die eher einer dubiosen Forschungsstation voller Geheimnisse gleicht, als einem Ort, an welchem kranken Menschen geholfen wird. Alles findet hinter verschlossenen Türen statt. Namen stehen dabei im Fokus der Geschichte, so erfährt man, dass Jeffreys Vater vor langer Zeit einen anderen Namen hatte und Jeffrey stellt sich die Frage, wie sehr Namen auch die Identität und Persönlichkeit eines Menschen beeinflussen können. Er hinterfragt in den Räumen der Klinik sein eigenes Ich und wandert dabei von der Gegenwart in die Vergangenheit. Im Anblick des zeitweisen Todes durch die Konservierung, was den Menschen, der sich diesem Verfahren unterzieht, seines Ichs vielleicht beraubt, es einsperrt, trennt vom Körper und eben aufbewahrt für eine ferne Zukunft. Jeffrey durchstreift als Tourist, als ein verwirrtes Ich, das beobachtet wird, die Gänge, die mich manchmal an Resident Evil haben denken lassen. Leer und doch sind sie voller potentieller Gefahren.

Zwischen Hier und Jetzt und irgendwann später

Wie viel Zeit vergeht, bleibt meist verschwiegen, denn die Station hat nur wenige Fenster und nur selten dringt echtes Tageslicht hinein. Stattdessen finden in geheimen Ecken Treffen kultischer Gruppen statt, die Jeffrey heimlich beobachtet; und dann doch wieder nicht, denn er wird explizit an den Spionage-Guckloch hingeführt. Zwischen Kult und Zukunftsforschung steckt das kryonische Verfahren, zwischen dem Hier und Jetzt und der Zukunft moderner Technik. Die monotonen Räumlichkeiten, die zeitliche Unschärfe und das Nicht-Wissen Jeffreys erschaffen einen Nicht-Ort des Realen.

So abgeschottet die Station von der Gesellschaft ist, so sehr verweist sie auf die Gegenwart durch die immer wieder auftauchenden Monitore aus den Wänden. Diese bilden einen direkten Link zur grausamen Wirklichkeit der Gesellschaft: Kriege, Selbstverbrennungen und anderen Grausamkeiten werden dort abgebildet. Wer sie zu sehen bekommt? Es scheint willkürlich und doch bleibt immer der Gedanke daran, dass die Dinge, die Jeffreys Weg durch das Gebäude kreuzen einem Plan folgen.

Null K – die Rückkehr in die Wirklichkeit

Und dann kehrt Jeffrey in die Wirklichkeit zurück. Er lernt eine Frau mit einem Sohn kennen und versucht beruflich Fuß zu fassen. Bis ihn sein Vater eines Tages vor vollendete Tatsachen stellt und er zurückkehren muss an den rätselhaften Ort des kryonischen Verfahrens. Und dort fallen die Stricke zusammen, zwischen der desaströsen Gesellschaft, Krieg und Mord und Tod, dem verlorenen Sohn seiner Partnerin und der Flucht in eine unbestimmte (menschliche) Zukunft: die Konservierung.

Null K – nun ja …

Ein bisschen ratlos hat mich „Null K“ von Don DeLillo zurückgelassen. Vielleicht lag es an der Ich-Perspektive Jeffreys, der selbst kaum weiß, was vor sich geht. Diese Unwissenheit transportiert er an den Leser, der wie ein Beobachter dieser Figur durch die kuriose und sterile Umgebung streift, Dinge erlebt, die er nicht konkret benennen kann. Sprachlich ist das Buch auf seine eigene Art und Weise herausfordernd, denn nicht nur durch die Perspektive, sondern auch durch die Thematik und die eher verwaschenen Gespräche, die Jeffrey führt, muss der Leser genau lesen und reflektieren.

Null K“ erzählt die (wahnsinnige), wissenschaftliche Vision einer menschlichen Zukunft mit verbesserten Menschen, die aus der Konservierung auferstehen und eine neue isolierte Sprache sprechen. Es ist ein Zukunftsversprechen, das rational kaum zu fassen ist, da die Möglichkeit der Realisierung noch nicht greifbar ist. Gerade deshalb ist das Lesen dieses Buches mit einem Gruselfaktor verbunden. Der Grat zwischen echter Zukunft und wahnwitziger Forschung schwankt hin und her.

Welchem Genre ich das Buch zuordnen soll, hat mich lange beschäftigt. Ja es ist Gegenwartsliteratur, hat aber auch einen Hauch Science Fiction parat, der aber nicht so ganz greifbar ist. „Null K“ ist irgendwie abgehoben und zugleich bodenständig, denn es ist eine Kritik an der sich zerstörenden Gesellschaft durch Hass und Wut und Krieg. Aber darüber hinaus ist es auch ein Fluchtpunkt in eine alles umkehrende Realität, in eine Zukunftsvision, die erschaffen werden kann und der Frage: was bleibt vom Ich des Menschen, wenn der Körper aufhört zu existieren? Und was sind wir bereit zu geben, für ein ewiges Leben?

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Don DeLillo | Originaltitel: Zero K | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Kiepenheuer & Witsch ( 2016 ) | Medium: Hardcover | Seiten: 288

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BücherKaffee

2 Kommentare

  1. Hallo Ramona,
    danke für deine schöne Besprechung von Null K. Ich mag DeLillo sehr, auch wenn er mich manchmal ebenso wie dich etwas verstört und ratlos zurücklässt. Hier im Regal steht noch ungelesen „Unterwelt“, ein Riesenwälzer, der mich immer vorwurfsvoll anschaut. Vielleicht wage ich mich bald mal daran.
    Liebe #litnetwerk Grüße
    Julian

    1. Hallo Julian,

      wie gut, dass es nicht nur mir so geht! Allerdings muss ich sagen, je länger ich über „Null K.“ nachdenke, desto besser gelungen finde ich den Roman – das passiert mir wirklich nur sehr selten bei Büchern. xD

      Viele Grüße
      Ramona

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