[Rezension] Donoghue, Emma: Raum

Details:

Autorin: Emma Donoghue
Originaltitel: Room
Gelesen von: Matthias Brandt
Genre: Romane und Erzählungen
Reihe: –
Gattung: Hörbuch
Verlag: HörbucHHamburg ( 2011 )
Dauer: 6 h 28 Min. | gekürzt

Inhalt:

Jack ist fünf Jahre alt und lebt mit seiner Ma in einem Raum von 4×4 Metern Größe. Er schläft in Schrank, spielt auf Teppich und kuschelt mit Ma in Bett. Tages und Nachtzeit wird durch Oberlicht, angezeigt und durch Tür, die aus glänzendem Metall ist, kommt „Old Nick“, der Essen und Kleidung für die beiden bringt. „Old Nick“ hat Jack noch nie gesehen, denn der muss, sobald es neun Uhr schlägt, in Schrank.

Meinung:

Sieben Jahre ist es her, als Ma von „Old Nick“ gestohlen wurde. Sieben Jahre lebt sie in Raum und um Jack zu beschützen versucht sie ihm vorzugaukeln, dass ihre Welt, die aus gerade mal 16 Quadratmetern besteht ganz normal ist. Alles was in Fernseher läuft ist nicht Wirklichkeit. Eiscreme ist fernsehen. Gemüse ist echt. So lernt Jack zu unterscheiden zwischen dem, was wirklich ist, das, was er anfassen kann und dem, was er vielleicht nie zu Gesicht bekommen wird, das es nur in Fernseher gibt. Seine Freunde sind die wenigen Spielzeuge, die er besitzt und Dora, eine Figur aus dem Fernsehen. Mit dem, was ihm gegeben ist, erklärt sich der 5-Jährige die Welt. Eine Welt, die eine einzige Lüge ist, für den kleinen Jungen aber das Natürlichste überhaupt.

Emma Donoghue beschreibt die Geschichte aus der Perspektive des Jungens. Ein beklemmendes Gefühl begleitet den Hörer, der nicht zuletzt dank der grandiosen Stimmarbeit Matthias Brandts Jack sofort ins Herz schließt. Er ist ein kleiner Junge, der seine Ma über alles liebt und eine faszinierende Beobachtungsgabe besitzt. Was er nicht versteht, versucht er sich selbst zu erklären. Diese Beschreibungen sind teilweise wirklich sehr putzig, da sie an die eigene Kindheit erinnern. Mit viel Phantasie erschafft er sich ein eigenes Universum, das eigentlich von Anfang an schon drastisch begrenzt ist – und dieser Gedanke schwingt immer mit.

Jack sieht Dinge und beschreibt sie. Der Hörer hört und gleichzeitig erkennt er häufig die wahre (und oft schlimme) Bedeutung dieser Dinge. Es schwingt in jeder Situation, die Jack mit seiner Ma erlebt, eine Tragik mit, die der Rezipient beinahe hautnah miterlebt. Dies ist besonders der Stimme von Herrn Brandt zu verdanken, die er in eine kindliche Tonlage bringt und es so schafft quengelige Momente wiederzugeben, als wäre wirklich ein 5-jähriges Kind beteiligt. Diese Stimme kann aber ebenso Angst, Überraschung und Verwirrung ausdrücken und das Chaos in Jacks Kopf verdeutlichen, das den kleinen Jungen schier zu übermannen droht.

Raum zeigt aber nicht nur die Gefangenschaft und das beengte Leben, sondern auch das „Danach“. Die Schilderungen wirkten auf mich sehr realistisch und gerade das, was danach mit Jack, aber auch seiner Mutter geschieht – wie sie die wirkliche Welt aufnehmen – machen das Hörbuch zu einer Besonderheit: Jack, der diese zum ersten Mal sieht, der erkennt, dass Eiscreme nicht nur fernsehen ist, sondern echt, die Laute Umwelt, die vielen Menschen und seine Ma, die das alles sieben Jahre lang nicht hatte, stattdessen vergewaltigt und gefangen gehalten wurde, für ihren kleinen Sohn aber eine heile Welt in Miniatur aufgebaut und ihren Hass unterdrückt hat.

Fazit:

Für Raum von Emma Donoghue gibt es keine adäquaten Wörter, die dem Hörbuch gerecht werden würden. Es ist ein bedrückendes, aber auch faszinierendes Buch. Die Autorin schafft es dieses ernste Thema in eine Handlung mit Figuren zu verpacken, die keinesfalls die Ernsthaftigkeit und Tragik herunterspielen, aber doch auch dafür sorgen, dass man als Hörer nicht völlig neben sich stehend und elendig zuhört, sondern neben dem belastenden Gefühl auch manchmal über die Komik des Alltags der beiden Gefangenen schmunzeln kann. Das mag vor allem an dem liebenswerten 5-Jährigen Jack liegen, der sich die Welt auf wunderbare Weise erklärt, auch wenn sie für ihn noch so klein ist.

Bewertung: [5/5]

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