[Rezension] Draper, Sharon M.: Mit Worten kann ich fliegen

Details:

Originaltitel: Out of my mind | Autorin: Sharon M. Draper| übersetzt von: Silvia Schröer | Genre: Jugendbuch | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Ueberreuter ( 2014 ) | Seiten: 317

Mit Worten kann ich fliegenKennt ihr das? Den Moment, wenn irgendetwas Peinliches passiert und sich jeder nach euch umdreht, ihr am liebsten im Erdboden versinken wollt, den Tag ungeschehen werden lassen möchtet oder ihr allen fies Starrenden um euch herum am liebsten eine klatschen möchtet?

Für Meldoy Brooks ist jeder Tag genau so. Nicht, weil sie etwas Peinliches tut, sondern weil sie seit ihrer Geburt an einer schlimmen Krankheit leider. Sie hat Zerebralparese. Ihr gesamter Körper ist gelähmt und gehört ihr nur bedingt. Sie kann ihren Kopf bewegen, mit der Hand deuten, aber laufen oder sich selbst aufrecht hinsetzen ist für Melody nicht möglich.

Sie muss gefüttert werden, ihr muss jemand beim Anziehen oder bei der Toilette helfen. Melodys physische Erscheinung ist außergewöhnlich, doch ihre physischen Fähigkeiten sind beeindruckend. Sie saugt Informationen regelrecht in sich auf, liebt Hörbücher und hat schlaue Gedanken. Doch kaum ein Mensch in ihrer Umgebung glaubt, dass in dem 11-jährigen Mädchen ein intelligentes Wesen steckt.

Gefangen im eigenen Körper

Und so muss Melody Tag für Tag mit den Vorurteilen ihrer Umwelt kämpfen. Den Ärzten begreiflich zu machen, dass sie intelligent ist, hat sie aufgegeben, nur ihre eigene Familie glaubt an ihre Intelligenz und so hat sie es ihrer Mutter zu verdanken, dass sie zur Schule gehen darf. Aber zur Schule gehen bedeutet nicht auch automatisch etwas zu lernen oder Freunde zu finden. In ihrer Klasse wechselt ständig der Lehrer und kaum einer bemerkt das Mädchen im Rollstuhl, das sich nur durch seltsame Geräusche bemerkbar machen kann. Dabei besitzt Melody so viele Worte und so viel Wissen, das sie gerne mitteilen möchte.

Aber es gibt auch kleine Lichtblicke in Melodys Leben und zwar in Form von Menschen, die an sie glauben und die ihre Fähigkeiten bis zum Letzten ausreizen. „Mit Worten kann ich fliegen“ ist aus der Perspektive von Melody geschrieben und auch wenn sich niemand in ihre Lage hineinversetzen kann, der nicht selbst an Zerebralparese leidet, so schafft es die amerikanische Autorin Sharon M. Draper dennoch, dass man sich in ihr Denken hineinversetzen kann. Dieses Denken ist nicht unähnlich unserem Eigenen. Die Verzweiflung, die sich in Melody breit macht, ist eine Verzweiflung, die jeder von uns schon einmal erlebt hat, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt, oder vor einer schier nicht zu bewältigenden Aufgabe oder einer ausweglosen Situation steht. Nur, dass Melodys Situation ausweglos ist, denn niemand kann sie heilen und es ihr ermöglichen zu laufen. Für sie ist die Vorstellung vom Fliegen ebenso ein Wunschtraum, wie eines Tages auf ihren eigenen Beinen zu stehen.

Jeden Tag aufs Neue lohnt es sich zu kämpfen

Aber Melody arrangiert sich mit ihrem Schicksal. Sie ist eine starke Persönlichkeit, die sich nicht unterkriegen lässt und auch wenn sie manchmal den Kopf in den Sand stecken möchte – und dies auch tut – so kriecht sie auch wieder daraus hervor. Und dieses Buch ruft dazu auf, manchmal erst nachzudenken, bevor man etwas sagt. Manchmal sich in eine andere Person hineinzuversetzen, bevor man diese verurteilt. Manchmal einfach nicht das zu sagen, was man denkt, weil man damit einen anderen Menschen verletzt.

Von ihr kann sich jeder Leser eine Scheibe abschneiden. Wir tun manche Dinge nicht, wir erzählen einen Witz nicht oder halten uns zurück, nicht weil wir physisch nicht dazu in der Lage sind, sondern weil wir uns Grenzen setzen in unserem Kopf. Melody ist von ihrem Körper im Stich gelassen worden und ihr widerfahren Dinge, die ungerecht und gemein sind – Dinge, die jeder einmal erlebt. Mit Worten kann ich fliegen ist ein Statement, für das Leben zu kämpfen und sich jeden Tag weiterzuentwickeln, niemals aufzugeben, egal welches Schicksal das Leben für uns bereithält.

Und nicht zuletzt ist auch die Sprache Draupers und ihre gewählte Perspektive einer ungewöhnlichen Heldin zu bemerken. Als Leser sitzt man direkt in Melodys Kopf und spürt, was es bedeutet Worte zu besitzen, diese aber nicht seiner Außenwelt mitteilen zu können. Wie in einem Gefängnis lebt sie mit ihrem Schicksal, in einem Körper, der ihrem Willen – einem starken Willen – nicht gehorcht. Mit Worten kann ich fliegen ist ein wunderbares Buch, das seine Leser zum Nachdenken anregt. Es erzählt davon mutig zu sein, sich selbst jeden Tag von Neuem zu überraschen und Hindernisse zu überwinden.

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