[Rezension] E.M. Forster: Die Maschine steht still

Die Maschine steht still

„Die Maschine steht still“ – die Zukunft, eine Dystopie

Wir schreiben die Zukunft. Die Menschheit hat die Erdoberfläche nachhaltig geschädigt. Die Überlebenden wohnen weit verstreut über den Erdball in einem unterirdischen System. Die Maschine versorgt sie alle.  Sie ernährt die Menschen, kümmert sich um ihre Bedürfnisse, sorgt dafür, dass sie miteinander kommunizieren können, mit verschwommenen Bildern à la Skype und einem Telefonapparat. Jeder Mensch lebt für sich. In Bienenwaben angeordnet atmen sie Wand an Wand, ohne sich je wirklich zu sehen, ohne direkte Kontaktaufnahme. Denn körperlicher Kontakt löst bei den meisten Menschen inzwischen Ekel aus, so abnormal ist das Angesicht eines anderen Menschen, dessen Wärme und sein Körper. Es ist das verstörende Moment des direkten Erlebens, welches kaum noch existiert. Das größte Ziel aller Überlebenden dagegen sind die Ideen und deren Austausch durch die Maschine.

Eine dystopische Schau vom Anfang des 20. Jahrhunderts

1909 wurde E. M. Forsters Erzählung „Die Maschine steht still“ veröffentlicht. Jahrzehnte bevor es den ersten Computer gab und doch scheint es, als hätte der Autor weit in die Zukunft sehen können, denn seine kurze Geschichte zeigt eine Menschheit unter der Kontrolle einer Maschine, einer KI, welche den Menschen ihre Menschlichkeit raubte, indem sie alle Bedürfnisse befriedigt. Immer.

Einer dieser Menschen ist Vashti. Sie ist bereits in die Jahre gekommen, hat Kinder geboren und lebt daher nur noch für die Ideen. Doch diese sprudeln so gar nicht mehr und nicht nur das bereitet ihr Sorgen. Als ihr Sohn Kuno von ihr verlangt, ihn am anderen Ende der Welt zu besuchen, dreht sich ihr der Magen um. Der bloße Gedanke ihre Wabe zu verlassen, über den Gang zum nächsten Luftschiff in Begleitung von anderen Menschen zu gehen, erregt Vasthi auf so unglaubliche Weise, dass sie den Schritt aus ihrem Heim nicht wagen kann. Sie ist vollständig blockiert. Doch Kuno zwingt sie, denn was er zu sagen hat, kann er nicht über die Maschine mitteilen – die alles mithört, alles kontrolliert.

Die totale Kontrolle des menschlichen Seins durch eine Maschine

„Die Maschine steht still“ beschreibt die totale Kontrolle des Menschen durch eine Maschine. Was einst begann als Erleichterung des täglichen Lebens, hat sich in E. M. Forsters Kurzgeschichte ins komplette Gegenteil verkehrt. Der Mensch wurde wieder in seine Unmündigkeit zurückgesetzt, denn die komplette Versorgung läuft über eine Maschine, deren Funktionsweise für jeden einzelnen Waben-Menschen ein blinder Fleck ist. Wie eine Bibel wird das Maschinenhandbuch verehrt und daraus gelesen. Jeder Mensch ist gleich, jeder Mensch besitzt die gleichen Dinge, vom Bett bis zu den Knöpfen an der Wand. Und jeder Mensch hat die gleichen Ziele: Ideen.

Die Maschine bekommt alles mit. Sie ernährt, sie vernetzt und sie sorgt für Kommunikation. Alles was notwendig ist, wird dem Menschen geliefert, direkt in seine Wabe, die Welt draußen sieht überall gleich aus, jede Wabe ist identisch und wenn ein Mensch stirbt, wird die Wabe frei für einen anderen, jungen Menschen. Die elterlichen Pflichten enden mit der Geburt. Babys, die zu stark sind, werden eliminiert, denn sie passen nicht in das System. Freiheitsdrang und körperliche Betätigung lassen sich nur schwer in einer kleinen Wabe verwirklichen. Diese Menschen wachsen zu Störenfrieden heran, weshalb sie schon mit der Geburt aussortiert werden. Individualität ist gefährlich und wird sanktioniert. Ein konformes, angepasstes Leben ist das einzig erlaubte. Heimatlosigkeit bedeutet den Tod, denn dann sorgt die Maschine nicht mehr für den Menschen.

Ein beeindruckendes Buch: „Die Maschine steht still“

Auf gerade mal 78 Seiten erschafft E.M. Forster ein beeindruckendes Werk, das weit in die Zukunft hineinreichte und noch immer hineinreicht. „Die Maschine steht still“ ist eine Erzählung, deren Weitsicht beinahe schon divinatorisch ist, auch wenn wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch nicht an diesem überspitzten Punkt angelangt sind. Und doch wird unser Leben auf allen Ebenen von Maschinen kontrolliert. Seien es die Ampeln im Straßenverkehr, die Rechner, welche das Internet am Laufen halten oder der Provider, der uns mit diesem verbindet. In fast (?) allen Lebensbereichen beherrscht uns die Digitalisierung, erleichtert uns das Leben und kontrolliert uns doch auch mit Daten, die wir senden.

„Die Maschine steht still“ hat mir einen kleinen Schauer über den Rücken gejagt, angesichts ihres Entstehungsjahres (1909) und der Parallelen die sich schon in unserer heutigen Gesellschaft auftun. Sie bringt das Negative zum Vorschein, was die Kontrolle durch Maschinen, die Digitalisierung und Technologisierung bewirken kann, wenn der Mensch sich vollständig fallen lässt, um alle Annehmlichkeiten des digitalen Zeitalters zu genießen und den kritischen Blick, das eigenständige Denken aufgibt und sich falschen Zielen hingibt. Ja, sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit nicht heraus bewegt, sondern zurückkehrt in vor-aufklärerische Zeiten und Denkmuster.

Buchdetails:
Autorin: E.M. Forster | Originaltitel: The Machine Stops | übersetzt von: Gregor Runge | Genre: Dystopie | Reihe: – | Gattung: Erzählung | Verlag: Hoffmann und Campe ( 2016 ) | Seiten: 78

Weitere Rezensionen: SL Leselust | Sätze und Schätze | little words

4 Kommentare

  1. Ich habe diese Erzählung erst vor kurzem entdeckt, bin in der Bibliothek drüber gestolpert. Was du schreibst, klingt wirklich faszinierend! Von Forster habe ich nur A Room with a View gelesen und mir hat der ironische Ton sehr gefallen. Das hier ist zwar ein ganz anderes Genre, wird aber sicher das nächste, was ich von Forster lese 🙂

    1. Hallo Sam!
      „A Room with a View“ habe ich leider und aus mir unbekannten Gründen bisher noch nicht gelesen. „Die Maschine steht still“ lohnt sich echt und aufgrund der Kürze ist auch etwas für Zwischendurch. Melde dich doch mal, würde mich interessieren, wie es dir gefallen hat, wenn du es gelesen hast. (:

      Viele Grüße, Ramona

      1. So, da bin ich wieder, nachdem ich endlich „Die Maschine steht still“ gelesen habe 🙂 Was für eine unheimliche Voraussicht! Während der ersten paar Seiten dachte ich immer wieder „Ah ja, das ist Skype“ „Und das ist IoT“. Auch die Kritik, das man durch Technik in seiner eigenen Filterblase lebt, ist ja schon da drin! Vom Stil her fand ich die Sache etwas altbacken (was zu erwarten war), aber das hat mich nicht gestört. Ich war wirklich fasziniert und habe die Geschichte auch ein zweites Mal gelesen.Danke noch mal für den Tipp!

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