Rezension | Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien

Wien 1910. Marie kann ihr Glück kaum fassen: Sie ist seit kurzem Kindermädchen bei der Familie Schnitzler, lebt deshalb in einem schönen Haus, hat ein eigenes Zimmer und die anderen Angestellten des Hauseses sind gut zu ihr. Sie bekommt täglich zu essen und die Kinder – die kleine, lebensfrohe Lili und der liebenswerte Schuljunge Heinrich – sind vernarrt in ihr neues Kindermädchen.

Ein Winter in Wien – zwei Welten

Marie stammt aus einer armen Bauernfamilien, in welcher die Kinder lediglich Arbeitskräfte waren und Mäuler, die es zu stopfen galt. Ihr Vater war wortkarg und er schlug schneller zu als man sich umschauen konnte. Am Küchentisch herrschte Disziplin und Ordnung, Unterhaltungen über Träume und die guten Dinge des Lebens gab es nicht. Nur Maries Großmutter war eine gute Seele, die sich für das intelligente Mädchen eine bessere Zukunft wünschte. Doch mit 13 Jahren – dem Ende der Schulpflicht – nimmt Maries Vater sie von der Schule und schickt sie an einen fremden Hof, um dort zu arbeiten. Seither hat Marie ihre Familie nicht mehr gesehen.

Über Umwege landet Marie bei der Familie Schnitzler. Sie kann lesen und ist damit vielen anderen jungen Frauen im Vorteil. Ihr Glück kann sie nicht fassen, denn bei Arthur Schnitzler und seiner Familie herrscht eine ganz andere Stimmung als in ihrer eigenen Familie. Der Vater liebt seine Kinder abgöttisch. Er nimmt sich Zeit für die kleine Lili und genießt jede Minute mit dem lebhaften Heinrich. Sie unterhalten sich über griechische Mythologie, den Schulalltag und Dinge, die den Jungen beschäftigen. Auf diese innigliche Beziehung blickt Marie etwas neidisch, denn das kannte sie bisher nicht. Bei ihrer eigenen Familie ging es immer nur um das Überleben. Was die Kinder dachten, welche Träume sie hatten oder was sie beschäftigte, war nicht von Bedeutung.

Zwei Welten eröffnet Petra Hartlieb in ihrem kurzen Roman „Ein Winter in Wien„, die immer wieder aufeinanderprallen. Zum einen die privilegierte Welt des Gelehrten Schnitzler, der mit Büchern und Theaterstücken sein Geld verdient. Zum anderen die unerbittliche Arbeiterwelt aus der Marie stammt, mit einengenden Moralvorstellungen und in welcher Privilegien ein Luxusgut sind, denn das tägliche Brot auf den Tisch zu bekommen, ist alles was zählt.

Ein Winter in Wien – eine zarte, nicht kitschige Liebesgeschichte

Unter allen Umständen will Marie ihre neue Arbeitsstelle behalten. Sie weiß, dass die Herrin des Hauses Schnitzler sie für zu jung hält – auch, weil sie ihr Mann einen gewissen Ruf hat, was junge Frauen betrifft – und gerade deshalb versucht Marie alles richtig zu machen und nicht aufzufallen. Doch die Angst schwingt immer mit, dass sie wieder auf der Straße landen könte, ohne Optionen für die Zukunft – auf der Brücke am Fluss, um allem ein Ende zu setzen. Doch sie genießt auch ihr Glück, das sie zu den Schnitzlers gebracht hat. Besonders dann als sie den jungen Oskar, einen Buchhändler kennenlernt, der vom ersten Momentan begeistert von der jungen Frau ist.

Ein Winter in Wien“ ist keine schnulzige Liebesgeschichte. Ganz im Gegenteil: Petra Hartlieb kommt ohne Kitsch aus und lässt sich ihren Roman ganz langsam entfalten. Sie bleibt sprachlich dabei eher zurückhaltend und manchmal könnte man glauben, dass dieser Roman direkt aus Maries Zeit heraus geschrieben wurde.

Es ist ein unaufgeregtes Buch, in dessem Zentrum eine junge Frau steht, deren Leben durch Zufall die richtige Wendung genommen hat. Hartlieb zeigt auf, wie unterschiedlich das Leben der Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts war. Wie sehr die Moralvorstellungen jener Zeit die Menschen gelenkt haben und jede Verfehlung wahrlich das Ende eines Lebens bedeuten kann. Und genau hier zieht Petra Harliebt den Spannungsbogen. Maries Zukunft ist ungewiss und in keinem Fall abgesichert. Petra Hartlieb zeigt auch, wie viel Bildug wert ist, um Chancen zu ermöglichen und was es ausmacht in einem Umfeld aus Freundlichkeit und Liebe aufzuwachsen.

Der Roman „Ein Winter in Wien“ ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, das perfekt in die kalte Jahreszeit passt, wenn man eingemuckelt in eine Decke mit einer Tasse Tee eine schöne und zugleich unaufgeregte Lektüre sucht.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Petra Hartlieb | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Rowohlt  ( 2018 ) | Seiten: 173

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