[Rezension] Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

Details:
Autorin: Emily St. John Mandel | Originaltitel: Station Eleven | übersetzt von: Wiebke Kuhn | Reihe: – | Genre: Dystopie, Postapokalyptischer Roman | Gattung: Roman | Verlag: Piper ( 2015 ) | Seiten: 407

Das Licht der letzten Tage von Edna St. John MandelTag Null: Der Tag, an dem das Virus, später bekannt unter der Georgianischen Grippe, begann die Menschheit völlig unvorbereitet zu vernichten. Innerhalb weniger Wochen tötete das Virus ca. 99 Prozent der Weltbevölkerung. 20 Jahre später ist von der modernen und einst technologisierten Welt nichts mehr zu spüren. Die Übriggebliebenen kämpfen tagein, tagaus ums Überleben, denn nicht mehr der Virus ist die tödliche Gefahr, sondern der Mensch selber, der ohne Moralvorstellungen und Skrupel durch ein wüstes Land streift.

Das Ende der Virtualität

Das Virus nahm den Menschen nicht nur das Leben, sondern auch die Welt, wie wir sie kennen. Was ist das Internet? Wie hat es sich angefühlt in einem Flugzeug zu fliegen? Und wie war es überhaupt möglich so riesige metallene Gebilde in die Luft oder Autos zum Fahren zu bringen? Das Benzin ist schon nach Jahr 3 nicht mehr zu gebrauchen und so wurden Wohnmobile und Autos hergerichtet für „moderne“ Pferdekarren. Junge Menschen, wie Kirsten Raymonde, die an Tag Null acht Jahre alt war, oder jene, die erst nach der Virenkatastrophe das Licht der Welt erblickt haben, können sich die umfassende Virtualität eines bis dahin modernen Lebens mit Hightechnologie nicht mehr vorstellen. Für sie gibt es nur die Erinnerungen der Älteren und den Kampf ums Überleben, der ohne Medikamente und gut ausgebildete Ärzte jeden Tag der letzte sein könnte.

Kirsten Raymonde ist acht Jahre als sie zum letzten Mal auf der Bühne steht; in Shakespeares König Lear hat sie eine kleine Nebenrolle. An diesem Tag stirbt ihr Freund und Vorbild Arthur Leander, ein bekannter Schauspieler, mitten auf der Bühne an einem Herzanfall; sein Andenken bewahrt sie über Jahrzehnte. Es ist Tag Null. Der Tag, an dem die Georgianische Grippe ausbricht und die ersten Todesopfer fordert. Kirsten kannte die Welt der Moderne mit ihren technologischen Entwicklungen, doch auch für sie ist es 20 Jahre nach der beinahe völligen Auslöschung der Menschheit schwer zu begreifen, dass einst Flugzeuge am Himmel flogen und das World Wide Web allgegenwärtig war und jedermann miteinander verbunden hat. 20 Jahre und das Weltbild hat sich radikal verändert. Von den riesigen Metropolen ist nicht mehr viel übrig. Die Natur erobert sich ihren Teil zurück und die Menschen, die überlebt haben, leben in kleinen Gemeinschaften zusammen. Jeder ist für sich, Gastfreundschaft gibt es nur noch selten, denn das Überleben ist hart genug und zu viel freundschaftliche Gesinnung kann den Tod bedeuten.

Der Wille zu überleben und der Mut das Nötige dafür zu tun

Letztendlich hatte Kirsten Glück. Mit ihrem großen Bruder floh sie aus Toronto und kam mit dem Virus nicht in Berührung. An das erste Jahr nach Tag Null kann sie sich nicht erinnern, lediglich eine Narbe auf ihrem Gesicht zeugt davon, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Ihr Bruder starb. Kirsten überlebte und schloss sich der Fahrenden Symphonie an, einer Schaustellertruppe aus Musikern, Schauspielern und Künstlern, die von einem Ort zum anderen ziehen, Shakespeare aufführen und den Menschen ein paar Stunden Flucht aus dem täglichen Kampf bringen. Doch die Zeiten sind hart und neue Gebiete kundschaftet die Fahrende Symphonie schon lange nicht mehr aus. Aber auch auf ihrem angestammten Gebiet lässt die Gastfreundschaft nach, denn der Prophet ist aufgetaucht, ein Endzeitsektenführer, der keine Skrupel kennt.

Die Fahrende Symphonie gerät in die Schussbahn des Propheten, muss in ein unbekanntes Gebiet fliehen und sich entscheiden, welches Opfer sie bringt, um zu überleben. Die Grenzen der Menschlichkeit werden wiederum neu ausgelotet.

Ein Puzzlestück neben dem anderen

„Das Licht der letzten Tage“ ist ein phantastisches Buch, das mich restlos begeistern konnte und mich gleichzeitig sprachlos macht. Auf jeder Ebene hat es mich überrascht, schockiert und in seine Tiefen gelockt. Wie ein Puzzlewerk setzt die Autorin Emily St. John Mandel ihr Werk zusammen. Es besteht nicht nur aus vielen verschiedenen Perspektiven und Figuren, sondern auch aus Interviews, Erinnerungspassagen, Comicausschnitten – denn zwei Comicbände spielen eine entscheidende Rolle in diesem Roman – Momentaufnahmen, Rückblicken und vermischt Vergangenheit und Gegenwart. Das Buch ist ein Flickenteppich aus Kapiteln und Abschnitten, die alle zusammen ein großes Ganzes ergeben, das nicht schwer verständlich ist. Vielmehr eröffent sich dem Leser mit jeder weiteren Passage, jeder weiteren Information oder jeder neuen Perspektive die Tragweite der Ereignisse um Tag Null und der nächsten 20 Jahre. Die Struktur von Mandels Dystopie ist beeindruckend, denn sie funktioniert trotz ihre scheinbaren Ungeordnetheit. Jedes Teil des Puzzles fügt sich ganz leicht ineinander. Figuren kommen zu Wort, die schon längst nicht mehr sind, die das Virus nicht überlebt haben, und trotzdem sind sie wichtige Stimmen in der Gesamtkonzeption des Buches.

Emily St. John Mandel hat den Blick für’s Detail. Sie greift sich ein paar Figuren heraus, denen sie Stimmen verleiht, deren Leben dem Leser ausgebreitet werden und die stellvertretend für die Menschheit stehen: einige sind gestorben, andere haben überlebt und auf ihren Körpern und Seelen hat die Katastrophe jeweils andere Spuren hinterlassen. Einige werden verrückt, andere bleiben bodenständig. Die einen ziehen sich zurück von dem Menschsein, rauben und morden, um sich als der Stärkere zu präsentieren. Die anderen halten zusammen, suchen Schutz in der profanen Sicherheit einer Gemeinschaft. Die Autorin zeigt aber auch das, was vorbei ist: Dinge – neben den Milliarden Menschenleben – sind zu Ende gegangen. Der Zivilisationszusammenbruch hat sich nicht schleichend eingestellt, sondern ist explodiert und nur wer Glück hatte, hat überlebt. Und dabei beschreibt sie vor allem die Endgültigkeit dieses Zusammenbruchs, denn ein Aufbau der einst hoch entwickelten Weltbevölkerung ist in einem einzigen Menschenleben nicht wiederherstellbar.

Neben den Entbehrungen des neuen Lebens, den Gefahren und den neuen Strukturen, erzählt Mandel aber auch von der Vergangenheit und entwirft dabei ein Bild des Verlustes und der Wandlung. Was war und was ist, fließen ineinander und das Gesamtwerk, was sich daraus ergibt, ist nicht nur lesenswert, sondern beinahe schon ein „Must-read“ (wenn der Begriff nur nicht immer so abschreckend wäre). „Das Licht der letzten Tage“ strahlt kraftvoll heraus aus dem Dschungel an Dystopien, die es besonders im Jugendbuchbereich gibt. Auch diese lese ich sehr gerne, der Roman von Emily St. John Mandel ist aber ganz anders als das, was man bisher gelesen hat. Es ist keine Jugendbuchdystopie, aber auch keine klassische Lektüre à la 1984. Für mich setzt die Autorin hier einen neuen Standard und ich warte begierig darauf etwas Ähnliches – eben Andersartiges – zu lesen!

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