Rezension | Exit West von Moshin Hamid

Exit West von Mohsin Hamid

Ein Land im Bürgerkrieg: Heimlichkeiten in der Nacht, Ausgangssperren, Hamsterkäufe, stetig häufiger werdende Kontrollen, ansteigende Panik und der Totalausfall des Handynetzes und des Internets. Gerüchte von geheimnisvollen Türen, die in den Westen führen, in Länder, die keinen Krieg kennen und Wohlstand im Übermaß haben. In diesen Zeiten verlieben Nadia und Saeed sich ineinander.

Exit West – eine zarte Liebe erwacht

Dabei könnten Nadia und Saeed nicht unterschiedlicher sein: Nadia trägt ein schwarzes Gewand in der Öffentlichkeit, nicht um ihre Religiösität zu demonstrieren, sondern um so viele Freiheiten wie möglich als Frau nutzen zu können, ohne  in Schwierigkeiten zu geraten. Sie lebt allein und hat sich von ihrer Familie losgesagt, um ein unabhängiges Leben zu führen. Saeed hingegen ist religiös, lebt bei seinen Eltern und will diesen alles Recht machen, sie weder enttäuschen noch vor den Kopf stoßen.

Doch das Leben in der Stadt wird immer schwieriger. Nach und nach werden die einzelnen Viertel von Gefechten heimgesucht, Bomben explodieren und Kugeln verirren sich. Auf den Straßen leben Flüchtlinge, die sich provisorische Unterkünfte bauen. Sie gehören ebenso zum Stadtbild, wie die noch „gesunden“ Viertel ohne Kampfspuren. Alles ändert sich, als Saeeds Mutter Opfer der Kampfgefechte wird und es für niemanden mehr eine echte Zukunft in diesem Bürgerkrieg gibt. Der Kontakt zur Außenwelt ist abgeschnitten, Internet und Handy funktionieren nicht mehr und die Kontrolle über die verbleibenden Bürger steigt täglich an. In diesen Wirren wachsen Saeed und Nadia gezwungenermaßen immer enger zusammen, denn wem können sie trauen?

Exit West – Die Flucht durch die Türen

Der einzige Ausweg ist die Flucht durch die ominösen Türen, die überall in der Stadt verteilt sind und in andere Länder führen; in Länder, die vielleicht ebenso arm sind wie ihr eigenes oder in Länder, die friedlich und wohlhabend sind. Doch die meisten Türen werden inzwischen bewacht und kommt man ihnen zu nahe,bezahlt man mit seinem Leben. Nadia und Saed haben Glück. Sie schaffen es mit einem Schleuser und einigem Geld, das Land zu verlassen.

Von nun an begint ihre Zeit als Flüchtlinge. In Camps und nur mit dem nötigsten ausgestattet, reisen sie von einer Tür zur anderen, hören auf der ganzen Welt von Tumulten, denn die militante Gruppe, die ihr Land ins Chaos gestürzt hat, breitet sich aus. Eines Tages landen sie in London in einem Hotel, das plötzlich zur Zufluchtsstädte für Flüchtlinge aus aller Welt wird.

Exit West – ein aktuelles Thema mit phantastischem Hauch

Mohsin Hamid verpackt das Thema Flüchtlinge mit einem Hauch von Phantastik, indem er die Türen einbringt: Ganz normale Türen können von jetzt auf gleich zu Toren in andere Länder werden. Für die vom Krieg gebeutelten Menschen können sie die letzte Rettung sein, für die westliche Zivilisation eine Flucht aus der modernen Einöde, hinein in ein außergewöhnliches Abenteuer. Aber ganz abgesehen von diesem phantastischen Element erzählt der Autor vom Leben als Flüchtling:

Nadia und Saeed sind ständig auf dem Sprung, haben nur noch wenigen funktionalen Besitz, sind von ihren Angehörigen getrennt und heimatlos. Sie haben nur einander und entwickeln sich doch auseinander in den Monaten der Flucht. Ihre junge Liebe musste sich schnell an die härtesten Bedingungen gewöhnen als der einzige Ausweg aus dem Bürgerkrieg die Türen waren. Doch mit jeder weiteren Tür, mit jedem weiteren Land, das sie weiter nach Westen führt, schlägt ihnen auch immer mehr Hass entgegen.

Nadia sucht immer noch nach der Freiheit, die sie schon als Frau in ihrem Heimatland gesucht hat. Saeed hingegen hadert mit seinem Glauben und sucht Seinesgleichen. Dreh- und Angelpunkt für beide ist immer noch ihre Beziehung zueinander und die Versprechen, die sie einander und vor allem Saeeds Vater gegeben haben, von dem sie nicht wissen, ob er noch lebt oder Opfer des Krieges wurde.

Mohsin Hamid wechselt in seinem Roman von den gewaltvollen Auseinandersetzungen, die schon zum Alltag geworden sind, von den Flüchtlingen am Straßenrand, die ignoriert werden, aber ebenso schon zum Stadtbild geworden sind; hin zu einer ungewissen Reise von einem Land ins andere. Er erzählt von der Wandlung seiner beiden Hauptfiguren, die unterschiedlicher nicht sein könnte, durch die Umstände, den Druck und die ständige Angst. Wie zwei Pole um einen Magneten kreisen Nadia und Saeed um den Halt, den sie sich beide gegenseitig geben, während sich die Welt ebenfalls wandelt. Eine Liebesgeschichte in Zeiten des Krieges, ein Roman über die (Un-)Menschlichkeit und den Verlust der eigenen Identität durch den Verlust der eigenen Heimat.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Mohsin Hamid | Originaltitel: Exit West | übersetzt von: Monika Köfper | Genre: Dystopie, Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: DuMont Buchverlag ( 2017 ) | Seiten: 223

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