[Rezension + Filmtipp] Auf Hemingways Spuren …

Als ich vor ungefähr zehn Jahren Hemingways Novelle Der alte Mann und das Meer gelesen habe, war es ein Graus und nur die Kürze des Buches ließ mich auch wirklich durchhalten. Ich schwor mir NIE WIEDER, schließlich muss man nicht Fan jedes Klassikers sein. Und doch, dieses Jahr (oder war es schon letztes Jahr?!) lief ich durch Buchhandlung meines Vertrauens und entdeckte beim Stöbern einen Hemingway, der mir irgendwie Lust auf eine zweite Chance machte: Nach ein paar Tagen Überlegungszeit wanderte also Paris. Ein Fest fürs Leben in mein einen Einkaufskorb und auf meinen SuB. Nach den ersten Seiten erst einmal wieder beiseitegelegt, wurde es nun innerhalb von wenigen Wochen vor und nach der Arbeit gelesen und zwar mit Erfolg.

Das posthum erschienene Werk Hemingways beschreibt seine Zeit in den 20er Jahren, als er zum ersten Mal in Paris war, mit seiner ersten Ehefrau Hadley und seinem kleinen Sohn lebte. Armut und das Ziel ein großartiger Schriftsteller zu werden, treiben Hemingway durch die Cafés und Straßen von Paris. Die Bekanntschaft mit Gertrude Stein ermöglichen ihm neue Kontakte, andere Perspektiven und Unterhaltung. Einzelne Essays, die Hemingway 30 Jahre später, als er nach Paris zurückkehrt, wieder an sich nimmt, ausgräbt und umarbeitet. Nur wenige Texte sind von jener Zeit übernommen worden, als er sich daran machte, ein Buch daraus zu erstellen.

Paris - Ein Fest fürs Leben
Paris. Ein Fest fürs Leben ist nicht wirklich eine autobiographische Sammlung von Hemingways Texten, aber genauso wenig eine rein fiktive Kurzgeschichtensammlung. Paris Ein Fest fürs Leben ist das Flair, der 20er Jahre, die Atmosphäre der exzentrischen Schriftstellerkollegen wie Scott und Zelda Fitzgerald oder Ezra Pound. Einer der größten Schriftsteller der Welt erzählt von seinen Anfangsjahren, als er noch kein bekannter Autor war, der in Saus und Braus leben konnte. Er erzählt von entbehrungsreichen Jahren, aber genauso von Spaß, von Reisen, Freunden und Bekannten. Einer, dessen Welt nicht in vorgefertigten Bahnen verläuft, der Opfer bringt, um seine Träume zu verwirklichen.

In den Fragmenten am Ende des Buches wird noch einmal ein ganz anderer Hemingway gezeigt. Einer, der ein Vorwort zu verfassen versucht, das er nie zu Ende geschrieben hat. Ausschnitte aus verschiedenen Versuchen, die immer eines betonen: Diese Geschichten sind erfunden. Denn allein die Erinnerung ist eine Erfindung des Geistes. So wird durch die Herausgeber am Ende all das, was der Leser zuvor entdeckt hat, den Hemingway, den er kennengelernt hat, wieder in Frage gestellt. Denn wer war dieser Schriftsteller, der oft auch misanthropisch dargestellt wird, wirklich? Was soll man ihm glauben? Offensichtlich Nichts und doch vermittelt sein Pariser Buch ein ganz bestimmtes künstlerisches Feeling im Paris der 20er Jahre. Einer Stadt, in welcher er seine Journalistentätigkeit aufgibt, um sich voll der Schriftstellerei zu widmen. In welcher er mit Hadley in Armut lebt, sogar manchmal das Mittagessen ausfallen lässt, um Geld zu sparen, auf jeden Cent setzt und dennoch ein faszinierendes Leben führt. Ein Leben, über das sich schreiben lässt. Und doch muss immer bedacht werden, so schreibt er selbst, dass die Themen von Schriftstellern nicht nur von ihnen selbst stammen, sondern von allem und jedem, dem sie begegnen. Irgendwie ist Paris. Ein Fest fürs Leben also doch eine biographische Quelle, bei der Hemingway seine Leser aber immer mit einem Funken Misstrauen zurücklässt, da man nie wissen kann, wo hören die tatsächlichen Ereignisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf und wo beginnen Hemingways fiktive Ergänzungen.

Das Interesse für dieses Buch wurde bei mir durch ein anderes Medium geweckt. Mir ist nicht einfach beim Buchtitel und Cover durch den Kopf geschossen, dass ich es mal wieder mit dem guten alten Ernest versuchen könnte, sondern beim Lesen des Klappentextes und des Inhaltsverzeichnisses schossen mir unweigerlich Bilder der Filmkomödie Midnight in Paris von Woody Allen ins Gedächtnis. Ein herziger, einfach nur schöner Film zum Träumen und sich Wohlfühlen. In der Hauptrolle mit Owen Wilson, der einen erfolgreichen Hollywood-Drehbuchautor spielt, der sich nichts sehnlicher wünscht als seinen eigentlich fertigen Roman druckreif zu schreiben. Gemeinsam mit seiner Verlobten und deren Eltern befindet er sich auf einer Parisreise und ist von der Stadt völlig angetan. Genau wie Hemingway empfindet er die europäische Großstadt als schöpferische Quelle für sein Schreiben, besonders dann, als er eines Nachts durch die Straßen wandelnd, Bekanntschaft mit Scott und Zelda Fitzgerald, ebenso wie mit dem großen Ernest Hemingway, der berüchtigten Gertrude Stein und niemand Geringerem als Picasso höchst persönlich Er ist im Paris der 1920er Jahre gelandet. Den Goldenen Jahren, die für Gil, so der Name des Protagonisten, die Zeit für Künstler und Schriftsteller schlechthin ist. Neben vielen anderen Persönlichkeiten und kreativen Köpfen, die er trifft, ist auch eine geheimnisvolle Frau, die ebenfalls in den Künstlerkreisen verkehrt und nostalgisch veranlagt ist.

Die Figur des Hemingway, einen trinkenden, teilweise unfreundlichen, etwas abgefuckten, von sich überzeugten Schriftsteller – gespielt von Corey Stoll – habe ich vor meinem geistigen Auge, wenn ich an Hemingway denke. Und so geisterten auch die anderen Figuren in meinem Kopf herum, als ich Paris. Ein Fest fürs Leben las. Für mich eine perfekte Kombination, die eine gewisse Balance zwischen den feuchtfröhlichen Dauerfesten der Pariser Künstlerszene und der Welt des beginnenden Schreiberlings mit kaum genug Geld in der Tasche, um sich ein Mittagessen zu kaufen. Wer sich also gerne einmal näher mit den Paris der 1920er Jahre, mit den noch heute weltbekannten Schriftstellern, wie Hemingway, Fitzgerald oder Pound auseinandersetzen möchte, oder nur einen Hauch der alles einnehmenden, dynamischen Gertrude Stein erwischen möchte, der ist mit dieser Sammlung an Hemingway-Texten sehr gut bedient!

Buchdetails:
Ernest Hemingway | Paris. Ein Fest fürs Leben (orig.: A Moveable Feast. The Restored Edition) | übersetzt von Werner Schmitz | TB | Rowohlt Taschenbuch Verlag ( 2012 ) | 316 S.

Ein Kommentar

  1. Pingback: El Tragalibros - der Bücherwurm: Blog über Literatur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.