[Rezension] Fink & Cranor: Willkommen in Night Vale

Details:
Autoren: Joseph Fink und Jeffrey Cranor | Originaltitel: Welcome to Night Vale | übersetzt von: Wieland Freund und Andrea Wandel | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Hobbit Presse Klett Cotta ( 2016 )

Willkommen in Night Vale„Willkommen in Night Vale“, einer Stadt angrenzend an die Wüste, in welcher nichts so ist wie es scheint, Zeit keine Bedeutung hat, ja geradezu nicht existent ist, und Normalität nur ein bedeutungsloses Wort ist. Dort lebt Jackie Fierro, gerade 19 Jahre alt geworden, doch das schon seit mehreren Jahrzehnten. Sie führt dort ein Pfandleihhaus, allerdings auf ungewöhnliche Art und Weise: Jeder der etwas kauft, muss sterben und wiederauferstehen. Aber ungewöhnlich ist eigentlich das falsche Wort, denn in Nighte Vale wundert sich darüber niemand.

Skurrilität par excellence

Night Vale ist ein Ort, den zu beschreiben schier unmöglich ist. Unter dem Deckmantel einer normalen, amerikanischen Kleinstadt verbirgt sich ein Ort reinsten Chaos, an welchem Gesetze keine Wirkung haben und Logik ihr Ende findet. Dort lebt eine gefühlsbegabte, glühende Wolke, die im Schulausschuss arbeitet, ein Gestaltwandler namens Josh Crayton, der plötzlich verschwindet, und am Ende der Straße, im Haus von Old Woman Josie wohnen die Engel, illegale Wesen, an welche die Einwohner Night Vales nur unter Strafe glauben dürfen. Jede Hypothese, die aufgestellt wird, wird im fast gleichen Atemzug wieder relativiert. Etwas ist und ist zugleich auch nicht. Das ist Night Vale.

Heimat von Diane Crayton, Mutter von Josh, dem Gestaltwandler, aber ansonsten eigentlich eine ganz normale Person mit ganz normalen Problemen. Bis ihr Arbeitskollege Evan verschwindet und sich niemand an diesen Mann erinnern kann. Er scheint aus dem Gedächtnis jedes Menschen ausradiert worden zu sein. Nur die Erinnerung an einen Mann im hellbraunen Jackett bleibt zurück. Eben jener Mann, der auch Jackie Fierro im Pfandleihhaus besucht, ihr einen Zettel mit den Worten „King City“ in die Hand drückt und verschwindet. Den Zettel wird Jackie von nun an nicht mehr los und alles was sie aufschreiben kann ist: KING CITY. Jackie hat die Nase voll. Sie begibt sich auf Spurensuche und die führt ausgerechnet in die Städtische Bibliothek, dort wo die menschenfressenden Bibliothekare hausen. Ein Unterfangen, das eigentlich nur mit dem Tod enden kann …

Wo steckt der Sinn, wenn der Sinn sinnlos geworden ist (oder so ähnlich)

Aus einer Ansammlung von Unerklärbarem besteht die Stadt Night Vale; Realität ist nicht gleich Realität, denn was dort als real bezeichnet wird, gilt für den Rest der Welt nicht. Autofahren ganz einfach? Nicht in Night Vale, dort muss man Kurioses über sich ergeben lassen, um sein Gefährt zum Starten zu bringen. Und das ist noch lange nicht das Verrücksteste. Die Begegnung mit einem Bibliothekar hat bisher kein Mensch überlebt, im Moonlite All-Nite gibt es unsichtbares Essen und man erwischt sich als Gast dabei unbelebten Objekten beizupflichten. Klingt seltsam? Ist aber so! Nämlich in Night Vale, einer Stadt ohne erkennbare Gesetzmäßigkeiten, wo das, was normalerweise Sinn ergibt, schon lang nicht mehr sinnvoll ist.

Und mitten rein geraten die beiden doch sehr unterschiedlichen Heldinnen der Geschichte: Jackie Fierro und Diane Crayton. Jene jung und vergesslich, was ihre eigene Vergangenheit betrifft, diese gefestigt im Leben, doch unsicher und besorgt um ihren Sohn Josh, der sich in wahrlich ALLES verwandeln kann. „Willkommen in Night Vale“ ist ein verrücktes Buch, das sich höchstens noch mit Matt Ruffs „Fool on the Hill“ vergleichen lässt, einem Meisterwerk der kuriosen Schreibkunst. Aber genau in diesem Vergleich fehlt mir dann etwas im Night-Vale-Roman und zwar das große Ganze & das gewisse Etwas. Es ist alles verrückt, Nichts besitzt Gültigkeit und die Figuren sind sympathisch, abgehoben, störrisch und ehrgeizig, konzis ausgedrückt: vielschichtig.

Ich mag es abgedreht und witzig und skurril und all diese Aspekte und noch weit mehr haben Joseph Fink und Jeffrey Cranor in ihrem Roman verarbeitet. Der Ideenreichtum ist dabei nicht auf der Strecke geblieben und der Leser wird gefordert, denn das, was er liest, hat nichts mit dem zu tun, was er kennt. Altbewährtes, ganz Normales existiert in Night Vale nicht. Hinter jedem Satz verbirgt sich der Bruch mit der (meta)physischen Welt, mit allem, mit jedem und wiederum mit nichts. „Willkommen in Night Vale“ ist eine aufregende Achterbahnfahrt, die in dunkle Tunnel führt mit Überraschungen, die man nicht erahnen kann; kopfüber stürzt der Leser in den nächsten Looping, bis er irgendwann aufgibt zu zweifeln und stattdessen die Dinge so nimmt, wie sie an ihm vorüberflitzen.

Bei aller Kuriosität, Aufregung und überraschender Ereignisse hat mir aber das gewisse Etwas gefehlt, nämlich der Loop, der alles miteinander verbindet, der den verrückten Dingen zumindest in ihren Ansätzen einen Funken Sinn verleiht – falls das überhaupt möglich ist. Ich habe „Willkommen in Night Vale“ gerne gelesen, mit viel Aufmerksamkeit (und dabei auch ein Detail entdeckt, das so nicht ganz stimmt ist – oder doch? – ich muss es mit anderen Night-Vale-Lesern unbedingt noch besprechen!), doch am Ende des Buches, wenn ich zurückblicke auf die Lesezeit, so war es zwar besonders, aber insgesamt dann doch wieder nur ein normales Leseereignis, das Kurioses behandelt hat.

9 Kommentare

  1. Ich bin super gespannt auf das Buch. Ich bin totaler Fan des Podcasts und habe mich total gefreut, als ich rausgefunden habe, dass es dazu auch einen Roman gibt. Einziehen musste er sofort, aber gelesen ist das Buch noch nicht. Ich bin sehr gespannt, wie es mir gefallen wird. Zumindest weiß ich schon in etwa, was mich so absurdes erwarten wird 🙂

    1. Hallo Jacquy!

      Den Podcast habe ich tatsächlich nicht gehört, aber schon von ein paar Leuten erfahren, dass er richtig toll sein soll. Ich hadere immer noch mit diesem Buch. Irgendwie hab ich das Gefühl es muss einfach gut sein, aber nach der Lektüre war es für mich dann eben doch nicht dieses „muss“, sondern eher ein O.K.

      Viele Grüße, Ramona

      1. Das ist einfach etwas, was extrem vom Geschmack abhängig ist und was einen einfach ansprechen muss. Ich denke auch nicht, dass man dieses Buch ganz objektiv als gut oder schlecht bewerten kann, weil es einfach darauf ankommt, wie man das selbst empfindet. Manche lieben dieses völlig absurde, andere finden das übertrieben oder können damit gar nichts anfangen. Also völlig subjektiv und wenn es dich nicht komplett überzeugt hat, ist das natürlich auch okay und du solltest nicht das Gefühl haben, dass deine Meinung jetzt in irgendeiner Weise „falsch“ ist 🙂

  2. Oh hey, ich wollte gerade kommentieren und sehe, dass ich das sogar schon getan habe. Mittlerweile habe ich aber auch das Buch gelesen und kann noch hinzufügen, dass ich dir da zustimme. Das Abgedrehte und Verrückte liebe ich hier auch, aber mir fehlte manchmal doch der rote Faden. Einiges wurde nur eingeworfen um zu zeigen, wie verrückt die Stadt ist und war eigentlich nicht relevant für die Handlung.

    1. Ha! Freut mich, jemanden zu finden, der die gleiche Meinung hat. Viele sind ja total begeistert von diesem Buch und ich kann das so uneingeschränkt eben nicht bestätigen. Aber eine unterhaltsame Leseerfahrung war’s ja trotzdem!

  3. Hi Ramona,

    ja, Night Vale ist einfach wunderbar skurril. Ich habe es ganz am Ende als ein Familienroman empfunden, wenn auch der besonderen Art 😊

    Deine Buchbesprechung gefällt mir sehr gut. Dein Blog übrigens auch. Ich werde jetzt häufiger vorbeikommen.

    Liebe Grüße,
    Sandra

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