Rezension | Fox Benwell: Es.Ist.Nicht.Fair.

Es.Ist.Nicht.Fair von Sarah Benwell

Sora ist 17 Jahre alt und leidet an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Er weiß, dass er bald sterben wird. Er weiß, dass er sich immer weniger bewegen können wird. Er weiß, dass er bald bei der kleinsten alltäglichen Übung Hilfe nötig haben wird: aus dem Bett aufstehen, sich waschen oder anziehen, essen. Sora und seine Mutter leben täglich mit der Diagnose und dem Wissen: Es wird nur noch schlimmer werden.

Es.Ist.Nicht.Fair – Über Selbstbestimmung und Würde

Sora lebt mit seiner Mutter alleine und für ihn ist der Gedanke unendlich schmerzvoll, dass er sie allein zurücklassen muss. Aber noch unvorstellbarer ist es für ihn, dass er eines Tages – bevor er stirbt – nicht mehr allein auf die Toilette gehen kann oder sich nicht einmal mehr allein aus seinem Bett aufrichten kann. Dieses „eines Tages“ rückt konsequent näher und jeden Tag spürt Sora, dass die Kraft in seinen Muskeln nachlässt, dass das Zittern in ihnen stärker wird und die Schübe, die ihm etwas, das er tun konnte für immer nimmt, häufiger werden.

Sola hat keine Freunde, denn er kann das Mitleid und Bedauern nicht ertragen, die fehlenden Worte und das betretene Schweigen. Stattdessen flüchtet er sich in einen Internetchat, wo er verschweigen kann, was für eine Krankheit er hat und stattdessen so tun kann, dass er sich wie alle anderen Jugendlichen mit Hausaufgaben und Lernen herumschlägt. Er nennt sich dort „Samurai“ und trifft im Chat auf Mia „AffenUndNOchMehrAffen“ und Kaito „JungeOhneGesicht„. Zwischen den Dreien entwickelt sich nicht nur eine digitale Freundschaft, sondern den beiden  gesteht Sola sein Schicksal – aber nicht nur das, er bittet seine Freunde um Unterstützung dabei selbstbestimmt und in Würde von dieser Welt zu scheiden.

Es.Ist.Nicht.Fair. – der Selbstmord-Club

Über den Hausaufgaben-Chat geistern auch E-Mails des sogenannten S-Clubs herum für Teenager, die nicht nach den Regeln der Gesellschaft leben wollen, die sich eher mit einem großen Puff aus dem Leben verabschieden als sich dauerhaft an den Zwänge der Gesellschaft zu orientieren. Solas Freunde Mai und Kaito sind von den E-Mails abgestoßen, denn schließlich gibt es nichts, was seinen eigenen Freitod rechtfertigt. Es gibt immer eine Möglichkeit sich Hilfe zu suchen und sein Leben neu zu strukturieren, einen anderen Weg einzuschlagen oder aus den tiefen dunklen Gedanken herauszufinden.

Doch für Sola sieht das alles anders aus: Seine Diagone ist eindeutig. Sein Körper versagt langsam – jeden Tag ein Stückchen mehr. Und zu allem Überfluss gibt er sich die Schuld daran, dass seine Mutter traurig ist und er so viel Unglück über sie geladen hat. Er will nicht, dass sie mit ansehen muss, wie sein Körper immer mehr abbaut, bis Sola nicht mehr derjenige ist, der er war.

Es.Ist.Nicht.Fair. – ein knallharter Roman über das Leben

Wie geht man mit einer so schrecklichen Diagnose um, dass das eigene Leben nicht nur bald vorbei sein wird, sondern man einen gewissen Lebensstandard, eine Lebensqualität, nicht mehr halten kann? Wie geht man damit um, dass der eigene Körper ein Gefängnis ist und die Muskeln immer zittriger und schwächer werden? Sola durchlebt diese wohl schrecklichste Diagnose mit Schuldgefühlen gegenüber seiner Mutter und Wut gegenüber seinem Körper. Mich hat dieser Jugendroman mitgerissen – auch wenn für mich Solas Schuld-Blase viel zu überbordend und zum Teil sehr nervig war. Denn an so einer schlimmen Krankheit ist man selbst niemals Schuld – niemals -, aber vielleicht ist genau das, was dazugehört: das Gefühl, die Menschen im Stich zu lassen und das, was gesagt werden muss, nicht sagen zu können.

Er muss sich mit Fragen auseinandersetzen, mit denen sich eigentlich kein 17-Jähriger auseinandersetzen sollte. Er muss dem ins Auge sehen, was die meisten erst im hohen Alter erleben müssen. Er muss erkennen, wie grausam der Tod sein kann und wie schmerzvoll er sich heranschleichen kann. „Es.Ist.Nicht.Fair“ ist ein Jugendbuch, das vom Erwachsenwerden berichtet und gleichzeitig von Freundschaft und Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Es erzählt von einer schrecklichen Krankheit mit tödlichem Ausgang und wirft die Fragen nach einem würdigen Ende und einer selbstbestimmten Entscheidung auf. Wie wertvoll ist das Leben, wenn es nicht mehr in Würde gelebt werden kann?

Fox Benwell nähert sich zaghaft dieser Thematik vom selbstbestimmten Sterben, indem er die Unterscheidung eröffnet zwischen dem S-Club und Solas tödlicher Diagnose. Er zeigt auf, wie Probleme Jugendliche überfordern können, dass es aber doch immer diesen Unterschied zwischen einer ausweglosen Situation und einer ausweglos scheinenden Situation gibt. „Es.Ist.Nicht.Fair.“ stellt aber nicht das selbstbestimmte Sterben in den Vordergrund, sondern das Thema Freundschaft und die Bedeutung von wahren Freunden selbst in Lebenssituationen, die schlimmer nicht sein könnten.

Jugendliche sollten, wenn sie „Es.Ist.Nicht.Fair.“ lesen, auf jeden Fall in Dialog treten, um sich mit dem Gelesenen nicht allein auseinandersetzen zu müssen.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Fox Benwell | Originaltitel: The Last Leaves Falling | übersetzt von: Ute Mihr | Genre: Jugendbuch | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Carl Hanser Verlag ( 2015 ) | Seiten: 341

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.