Rezension | Fuminori Nakamura: Der Dieb

Der Dieb von Fuminori Nakamura

Er ist ein Dieb. Seinen richtigen Namen kennt kaum jemand, er hält sich versteckt vor den Augen der Bevölkerung, um seinem Tagewerk nachzugehen: er bestiehlt reiche Leute mitten auf den Straßen der Metropole, in U-Bahnen und an Stationen. Im Menschengedränge lässt er kunstfertig seine Finger in Taschen oder Mäntel gleiten. Denn der Dieb ist geschickt.

Der Dieb – Tokio: eine Rückkehr in die Vergangenheit

Seit kurzem ist der Dieb zurück in Tokio. Die Wogen haben sich geglättet, so vermutet er zumindest. Denn etwas Schreckliches hat sich ereignet bei einem ungewollten Coup, das ihn zwang seinen Wohnort hinter sich zu lassen. Sein einstiger Lehrmeister Ishikawa ist verschwunden, vielleicht sogar tot. Aber sein erneutes Auftauchen in der japanischen Großstadt bleibt nicht unbemerkt. Der Gangsterboss Kizaki wird schnell auf ihn aufmerksam und will den Dieb auch ein weiteres Mal für seine Mafia-Zwecke einspannen.

Aber dieser ist nicht auf der Höhe, denn immer wieder hat er Blackouts und entdeckt gestohlenes Diebesgut in seinen Taschen, von dem er den Akt des Stehlens nicht bewusst miterlebt hat. Aber das ist nicht das einzige, was den Ich-Erzähler umtreibt. Immer wieder hat er einen Traum von einem Turm. Er denkt an seine Kindheit zurück, als er noch ungeschickt war und wie es kam, dass seine Finger plötzlich begannen, das Eigentum anderer zu erhaschen.

Der Dieb und seine Wahrnehmung

Es wirkt beinahe so, als hätte der Dieb Wahrnehmungsstörungen, würde immer wieder abgleiten – so wie er als Mensch auch abgleitet aus der Gesellschaft in den Schattenbereich, der ihn unsichtbar werden lässt. Der Ich-Erzähler ist eine Randfigur, zu der er durch seine Berufswahl geworden ist. Er hat keine richtigen Freunde und Diebeskollegen sind mit Vorsicht zu genießen. Sein wahres Tun kann er nicht jedem anvertrauen – genau wie seinen Namen.

Mit all diesen ungeklärten Dingen, den unerklärlichen Raubzügen, dem Traum und der Unkenntnis über Ishikawas Verbleib, schleicht sich der Dieb in Fuminori Nakamuras Roman durch Tokio. Verzweifelt sucht er seine Existenz nach dem missglückten Coup und seiner Flucht, um zu überleben, wieder ins Lot zu bringen. Da taucht plötzlich ein kleiner Junge auf, dessen Mutter ihn zum Stehlen anstiftet. Und plötzlich fühlt sich der Dieb verantwortlich, dem Jungen das Handwerk beizubringen – ungewollt und doch gewollt. Ein Drang überfällt ihn, führt ihn in die eigene Kindheit. Doch das Kind und seine Mutter, werden zu seinem Schwachpunkt.

Der Dieb: atmosphärisch & düster

Mit „Der Dieb“ hat der japanische Autor Fuminori Nakamura einen atmosphärischen Roman verfasst, der sich mit der düsteren Seite Tokios beschäftigt. Dort, wo illegale Dinge geschehen, Erpressung, Mord und Überfälle geplant und durchgeführt werden. Das Innenleben des Diebes steht dabei im Fokus und dieses Suchen nach dem eigenen Existenzgrund,  der Balance zwischen seinem Leben und dem Leben der anderen Menschen, das Wühlen in der Vergangenheit erschafft eine düstere Atmosphäre, von welcher das Buch lebt. Mit jeder Seite rutscht die Hauptfigur tiefer in die Vergangenheit aber gleichzeitig auch tiefer in die Gegenwart hinein und der Leser wird mitgezogen auf den Straßen Tokios.

Er verstrickt sich immer tiefer in die unbeugsame Welt der Tokioter Unterwelt. Er wird ungerecht behandelt, erpresst und muss sich den Zwängen unterordnen, obwohl er eigentlich kein schlechter Mensch ist und nur sein Leben leben will.   Aber bei all der Innensicht auf den Dieb, bleibt doch immer eine gewisse Distanz, die japanischer Literatur oft eigen ist. Gepaart mit der atmosphärischen Dichte, die Nakamura erzeugt, wird der Leser auf einen düsteren Streifzug durch Tokio geschickt. Eine Reise, die sich auch mit der Verortung des Menschen in der Gesellschaft befasst und wie gefangen dieser durch die ihm vorgegebenen Zwänge sein kann.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Fuminori Nakamura | Originaltitel: Suri | übersetzt von: Thomas Eggenberg | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Diogenes ( 2017 ) | Seiten: 211

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