Rezension | Girlsplaining von Katja Klengel

Girlsplaining von Katja Klengel

Konventionen und gesellschaftliche Erwartungen, Geschlechterrollen und Machtstrukturen. Unsere Gesellschaft ist durchzogen von unterdrückenden Elementen, die besonders auf Frauen einwirken. Warum verwenden wir im normalen Sprachgebrauch nie das Wort “Vulva”? Warum wird die monatliche Periode totgeschwiegen und versteckt als etwas für das man sich als Frau schämen muss? Warum werden im Schulunterricht meist nur männliche Autoren gelesen? Und warum ist es gesellschaftlich anerkannt, dass jeder sich in das Privatleben von Frauen einmischen darf, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben: Wie schaut es eigentlich mit Kindern aus – die biologische Uhr tickt!?

Girlsplaining:
Humorvoller Bericht über tiefgreifende und ernsthafte Themen

Die Comiczeichnerin Katja Klengel hat sich dieser Themen angenommen und ihre eigenen Erfahrungen illustratorisch verarbeitet. Sie beschreibt dabei Szenen aus ihrer Schulzeit sowie aus ihrem erwachsenen Leben. In Momentaufnahmen präsentiert sie ernsthafte Themen, die uns Frauen beschäftigen und mit denen wir uns auseinandersetzen müssen – spätestens ab dem Zeitpunkt, wenn sich unser Körper verändert, wir unsere Periode bekommen und unser Selbstbild mit den gesellschaftlichen Erwartungen und Idealvorstellungen kollidiert.

Die Gesellschaft ist durchzogen von Machtstrukturen, die sich repressiv auf das weibliche Geschlecht auswirken. Meist wirken sie nicht offensichtlich, sondern diese Strukturen haben sich in unser Erziehungssystem, unser tägliches Handeln und unser Unterbewusstsein gegraben, weshalb sie so schwer sind zu durchbrechen. Denn nicht jeder mag diese Machstrukturen erkennen, ganz zu schweigen davon gegen diese anzugehen.

Katja Klengel zeigt viel Humor mit ihrem Comic “Girlsplaining“, wenn sie diese Machstrukturen aufzeigt, denn sie stellt Szenen dar, wie sie waren (oder häufig vorkommen) und Szenen dar, wie sie feministisch betrachtet aussehen könnten – wie handelt man als junges Mädchen oder als Frau in sexistischen Situationen:

  • Muss sich eine 13-Jährige im Krankenhaus für ihre unrasierten Beine schämen?
  • Muss eine erwachsene Frau sich an der Restaurantkasse anbaggern lassen?
  • Darf Mädchen-Spielzeug nur pink sein? Und muss es Mädchen- und Jungen-Spielzeug geben?
  • Können nur Männer Psychopathen sein  und Frauen stattdessen schrullige Alte?

Girlsplaining:
das Leben als Frau im 21. Jahrhundert

Die Vergangenheit zeigt, dass Frauen bereits viel erreicht haben. “Girlsplaining” verdeutlicht allerdings, dass noch viel vor uns liegt. Denn besonders die Kleinigkeiten, die sich in das tägliche Leben einschleichen und Frauen oder Mädchen  dazu drängen sich zu schämen für ihren eigenen Körper, sind gefährliche, patriarchale Strukturen. Sie verhindern, dass wir uns mit den eigentlich wichtigen Themen auseinandersetzen, falsch priorisieren, um in der Gesellschaft möglichst gut dazustehen, gemocht zu werden, anerkannt zu werden. (Nämlich dann, wenn wir möglichst schlank dem Schönheitsideal entsprechen, niemals laut werden und unsere Meinung dezent vermitteln.)

Katja Klengel zeigt vieles, was in unserer Gesellschaft falsch läuft. Sie macht nicht Halt vor Peinlichkeiten, die uns eigentlich gar nicht peinlich sein sollten, weil sie ganz natürlich sind (unsere Vulva, die Periode, Schamhaare,…). Sie zeigt auch, dass wir nur uns selbst Rechenschaft darüber schuldig sind, wie wir unser Leben führen, was uns gut tut und womit wir uns beschäftigen wollen. Sie zeigt, dass die Erwartungen der Gesellschaft, der eigenen Familie und die von Freunden manchmal erdrückend sein können – nämlich dann, wenn es Erwartungen sind, die unter dem Schleier der Sorge stattfinden und uns eigentlich aber nur kontrollieren und zurechtweisen wollen – an einen Platz, den patriarchale Strukturen über Jahrhunderte hinweg entwickelt haben.

Girlsplaining” beschäftig sich aber auch mit den Heldinnen und Vorbildern, wie Prinzessin Fantaghirò, Sailor Moon, Ronja Räubertochter oder Lady Oscar. Heldinnen, die auch mich geprägt haben und die mir aber in meiner erwachsenen Welt abhanden gekommen sind – die ich mit diesem Comic gerne wieder feiere und in mein Bewusstsein hole!

Girlsplaining:
Noch ein paar Worte zum Zeichenstil

Farblich hält sich der gesamte Comic in einem weiß-rosé Stil. Völlig passend für ein feministisches Buch aka ein Buch für Mädchen und Frauen. *hust* Dies könnte man kritisieren, aber andererseits ist genau auch diese Wahl des Farbkonzepts ein erhobener Zeigefinger. Und ich unterstelle der Autorin sowie dem Verlag, dass diese Entscheidung ganz bewusst so gefällt wurde!

Die Zeichnungen an sich haben mir sehr gut gefallen – wir haben eine sehr sympathische Protagonistin, die sich durch allerlei Szenen arbeitet – dabei konzentriert sich der Comic auf die den inhaltlichen Fokus jeder Szene. Es wird nicht zu viel Schnickschnack gezeigt, keine unnötigen Details. Das wichtigste ist abgebildet und durch diese Schlichtheit bleibt auch beim Rezipienten der Fokus auf dem jeweiligen Thema. Aber dennoch wird so viel abgebildet, dass man etwas “zu schauen hat” auf jeder Seite, die man aufschlägt.

Girlsplaining” ist ein Comic, für den ich sehr dankbar bin, denn bringt so viele Erfahrungen auf den Tisch, die ich persönlich auch erlebt habe und die ich zum Teil einfach so hingenommen habe – ohne damals (und manchmal auch heute noch) diese zu hinterfragen, zu erkennen, welche (Macht-)Strukturen da eigentlich wirken. Für mehr Bewusstsein und Tatendrang, für mehr zu sich selbst stehen und weniger rechtfertigen gegenüber anderen!

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Katja Klengel | Illustrationen und Farben: Katja Klengel und Adrian vom Baur | Lettering: Michael Hau | Genre: Feminismus-Sachbuch| Reihe: – | Gattung: Comic | Verlag: Reprodukt ( 2018 ) | Seiten: 160

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