Rezension | Gott ist nicht schüchtern von Olga Grjasnowa

Gott ist nicht schüchtern von Olga Grjasnowa

Zwei Menschen, zwei Leben – eine Revolution. Olga Grjasnowas Roman „Gott ist nicht schüchtern“ beschreibt die zerstörerische Gewalt eines Krieges der als friedliche Demonstration begann und in eine gewaltsame Auseinandersetzung mündet, in welcher Leben zerstört werden, Menschen getötet und die Freiheit, ein friedliches Leben zu führen, nicht mehr existiert: Olga Grjasnowa schreibt über die syrische Revolution.

Gott ist nicht schüchtern – 2 Menschen: eine radikale Veränderung

Aus einer beobachtenden Perspektive führt Olga Grjasnowa ihre beiden Hauptfiguren ein. Der Leser verfolgt wie aus einer Vogelperspektive Hammoudi, der in Paris seine Ausbildung zum Arzt abgeschlossen hat, in einer glücklichen Beziehung lebt und eine erfolgreiche Karriere vor sich hat. Um seinen auslaufenden Pass zu verlängern, muss er in seine Heimat nach Syrien zurückkehren. Mit seinem Eintreffen am internationalen Flughafen in Damaskus beginnt sein neues Leben und die Geschichte von „Gott ist nicht schüchtern“. Er weiß noch nicht, dass ihn eine erneute Ausreise in seine Wahlheimat Frankreich verwehrt bleiben wird und stattdessen die Unruhen und gewaltsamen Ausschreitungen der Revolution sein Leben fortan bestimmen werden.

Amal hingegen lebt in Syrien und feiert ihre ersten Erfolge als Schauspielerin. Sie stammt wie Hammoudi aus einer wohlhabenden Familie, ist privilegiert und die ersten Demonstrationen sind für sie mehr ein Spiel als tödlicher Ernst. Nach den ersten Ausschreitungen wird aber auch ihr die Bedeutung einer Revolution und der Ablösung von al-Assads Regime klar. Nicht lange und der Geheimdienst wird auf sie als Aktivistin aufmerksam, verhört sie, bedroht sie, tut ihr Gewalt an.

Gott ist nicht schüchtern: Flucht oder Bleiben?

Einmal im Fokus des Geheimdienstes gelingt es Amal nicht mehr, sich „unsichtbar“ zu machen. Auch nicht mit der Hilfe ihres Vaters, der sie aus der Inhaftierung holen kann. Dessen dunkles Familiengeheimnis entdeckt die junge Frau zufällig und bringt damit ihre stabile, private Welt ebenfalls zum Einsturz: die Zweitfamilie ihres Vaters Bassel. Amal bleibt nur die Flucht. Von einer aufstrebenden Schauspielerin wird sie zum Flüchtling. Eine gefühllose Hülle umgibt sie, um die Schrecken und die Gewalt der syrischen Revolution verarbeiten zu können. Sie stumpft ab.

Hammoudis westliches Leben gehört der Vergangenheit an. Sieben Jahre hat er in Paris gelebt, ist verlobt und doch kann er seiner Verlobten in Frankreich nicht die Wahrheit sagen: eine Rückkehr für ihn scheint ausgeschlossen. Einen neuen Pass  erhält er nicht und seine Fähigkeiten als Arzt werden in dem immer größer werden Kriegsgebiet dringend benötigt. Seine Familie flieht, doch er bleibt, um die Revolution zu unterstützen, doch auch das Regime wird auf den hart arbeitenden Arzt aufmerksam. Sie wollen sein medizinisches Wissen für ihre Seite. Der Zeitpunkt, an welchem er sich für die Flucht oder den sicheren Tod entscheiden muss, rückt immer näher.

Gott ist nicht schüchtern: eine mitreißende, erschütternde, gnadenlose Geschichte

Ja, Olga Grjasnowas Roman ist Fiktion und doch stecken zwischen diesen Buchseiten so viele reale Momente der syrischen Revolution, eines kriegerischen Konflikts; der Gewalt zwischen Menschen. Was können Menschen einander antun? Zu was ist der Mensch in der Lage, wenn er nur eine Motivation hat, die für ihn richtig erscheint? Brutale Momente: Folter, Gewalt, Vergewaltigung. Eine ständige Bedrohung der Bevölkerung durch ein Regime, das mit Waffengewalt an der Macht bleibt. Grausamkeiten unter einst Gleichgesinnten sind nur die eine Seite, welche die Autorin schildert. Viel gewaltiger erscheint aber aus meiner Perspektive das Aufeinanderprallen der gewaltsamen Ausschreitungen der Revolution und Hammoudis Kontakt über Social Media zu seinen westlichen Freunden. Die Normalität Europas und der Zerfall Syriens; die Zerstörung von unzähligen Leben und die Zur-Schau-Stellung von bedeutungslosen Facebook-Posts im Westen.

Eine ganz seltsame Stimmung vermittelt „Gott ist nicht schüchtern„. Knallhart führt die Autorin ihren Lesern vor Augen, was sich in Syrien zuträgt. Und schildert dabei nicht nur ihre eigentlich privilegierten Hauptfiguren, sondern setzt den Fokus auch auf ausgewählte Nebenfiguren, die Opfer der Revolution bzw. des Regimes werden – auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Gewalt und Krieg fordern nicht nur tödliche Opfer, sondern hinterlassen bei jedem Menschen auf verschiedene Art Spuren – innerlich und äußerlich, in der Seele und am Körper.

Gott ist nicht schüchtern: #lesenswert & #wertvoll

Von oben herab verfolgen wir die Pfade von Grjasnowas Figuren, wir fühlen mit ihnen, sind erschrocken darüber, was ihnen widerfährt und doch sind wir nicht mit ihnen verwachsen. Das 1:1 Miterleben bleibt durch die distanzierte Perspektive aus und das ist auch besser so, denn die Schrecken sind groß und das Erzählte nimmt auch auf dieser Ebene den Leser mit. Lässt ihn nachdenken über seine eigene Situation und eine andere Welt, die parallel zu unserer eigenen in Syrien existiert.

Gott ist nicht schüchtern“ ist ein wertvoller Roman, der aktueller nicht sein könnte. Er greift eine gesellschaftliche Krisensituation auf, von der wir über die Nachrichten viel erfahren und die uns direkt betrifft. Und doch sind wir nur Außenstehende, die von den wahren Auswirkungen in Syrien nur einen geringen Teil wahrnehmen. Über Flüchtlinge wird derzeit viel geschrieben, ob fiktiv, faktisch in Zahlen oder in den Nachrichten. Aber was es bedeutet ein Flüchtling zu sein, bleibt oft verschwommen; blenden wir vielleicht sogar absichtlich aus, weil es uns anders nicht möglich ist. Olga Grjasnowas Buch ist erschütternd, ergreifend und extrem lesenswert. Es ist bedeutend in Zeiten von Krieg und Flucht und Hass; es führt uns vor Augen, was es heißt, seine Heimat zu verlieren.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Olga Grjasnowa | Originaltitel: Gott ist nicht schüchtern | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Aufbau Verlag ( 2017 ) | Seiten: 309

Weitere Rezensionen zu „Gott ist nicht schüchtern“:

BücherKaffee | Nana – Der Bücherblog | Leseschatz

7 Kommentare

  1. Dieses Buch steht auf meiner Liste, seit ich auf der Messe zum ersten Mal etwas davon gehört habe. Ich habe ihr erstes Buch mit Begeisterung gelesen und bin hier leider immer noch nicht dazugekommen. Wenn ich deine Rezension aber lese, dann muss ich das dringend und unbedingt ändern.

    Liebe Grüße
    Petzi

    1. Liebe Petzi, definitiv! Und weißt du was? Ich schau mir gleich mal ihr erstes Buch an und lege es mir auf die Wunschliste. Das lohnt sich ganz sicher (sozusagen in beide Richtungen).

      Viele Grüße, Ramona

  2. Hallo Ramona,

    ich habe das Cover des Buches mehrmals wahrgenommen, dem Klappentext & Inhalt jedoch bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt. Eine tolle Rezension, die Lust auf das Buch macht – trotz schwerer Kost. Aber hochaktuell und scheinbar ein must-read.

    Viele Grüße,

    Jemima #litnetzwerk

    P.S: Dein „Folg mir auf Lovelybooks“ führt leider ins Leere. 🙁

    1. Liebe Jemima,

      danke für den Hinweis. Der LovelyBooks-Link funktioniert nun wieder. Ich hatte meinen LovelyBooks-Namen an meinen Blognamen anpassen lassen und vergessen es hier zu aktualisieren. Ups. (-;
      Ich fand das Buch wirklich überragend, obwohl ich erst etwas abgeschreckt war, ob ich es wirklich lesen will, aber ich bin so froh, dass ich es getan habe!

      Viele Grüße, Ramona

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