[Rezension] Guo, Xiaolu: Ich bin China

Details:
Autrin: XiaoluGuo | Originaltitel: I am China | übersetzt von Anne Rademacher | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Knaus Verlag ( 2015 ) | Seiten: 425

Ich bin China von Xiaolu Guo

London 2013. Die freie Übersetzerin Iona Kirkpatrick erhält ein ganz ungewöhnliches chinesisches Manuskript: wirre Tagebuchseiten mit wenigen Daten und völlig durcheinander gewürfelte Briefe von einer Chinesin namens Mu und einem Chinesen namens Jian. Einst waren sie ein Liebespaar, doch wie es scheint, haben die Umstände sie voneinander getrennt und der revolutionäre Jian muss China verlassen. Mu bleibt bei ihrem sterbenden Vater zurück; ungewiss ist, was die Zukunft für beide bringen mag.

Eine Brücke zwischen China und der westlichen Kultur

Ich bin China entfaltet sich auf ganz langsame Art und Weise zwischen drei Figuren. Die eine ist Mu, eine Chinesin, die westliche Literatur liebt, vom einfachen Land stammt und ihr Glück im Leben sucht. Der andere ist Jian, ebenfalls Chinese, Punkrocker mit revolutionärer Gesinnung, der sich nicht um den Westen schert, sondern die Lebensbedingungen in China verbessern will. Und zuletzt Iona, die in Schottland geboren wurde und in London als Übersetzerin arbeitet, sich bisher aber nur mit langweiligen Übersetzungsdokumenten über Wasser halten konnte.

Stückchenwiese lernt man jede dieser Figuren kennen und mehr ist nicht nötig, um eine greifbar spannende Atmosphäre zu schaffen, die durchzogen ist von Geheimnissen, Enttäuschungen und der Frage: wo sind sie jetzt? Jeder befindet sich auf einer anderen Ebene, auf einer anderen Station seines Lebens und Iona ist die Brücke zwischen dem kommunistischen China und dem demokratischen Westen. Sie ist der Verbindungspunkt, der nicht nur zwischen den unterschiedlichen Schriftzeichen Verständnis erzeugt, sondern die Worte so setzt, dass der Leser sie verstehen kann. Wer sind Jian und Mu? Diese Frage verfolgt die schottische Übersetzerin und der Leser begleitet sie bei der ungewissen Suche. Schrittweise deckt sie immer mehr Hintergrundinformationen auf. Und dabei entfaltet Iona nicht nur zwei völlig fremde Leben vor sich, sondern beschreitet ihren eigenen Lebensweg, den sie mit Anfang 30 noch nicht gefunden hat.

Die kurzen Kapitel wechseln immer wieder zwischen chinesischen Briefen und Tagebucheinträgen sowie Ionas Einträgen, Gedanken und Vermutungen über das Gelesene. Mit Unterstützung von Bildern, Schriftzeichen und fotografierten Dokumenten bildet Ich bin China ein Werk, das sich nach und nach selbstständig entschlüsselt. Mit jedem Kapitel ändert sich immer wieder die Tonalität des Romans, denn chinesische Worte – auch wenn sie übersetzt sind – klingen ganz anders als westlich verfasste Texte. Iona ist die „Autorin“, die den Leser lenkt. Der Roman zeugt demnach nicht nur von der wertvollen Übersetzungsarbeit, die bei fast jedem Buch, das wir lesen, zum Einsatz kommt, sondern eröffnet uns auch die Vielfalt von Worten und wie sie richtig eingesetzt tief ins Herz dringen und uns berühren können.

Keine Liebesgeschichte, sondern eine Lebensgeschichte

Ich bin China ist keine Liebesgeschichte. Vielmehr handelt sie von Liebenden, die das Leben mehrfach voneinander getrennt hat. Liebe kann so unterschiedlich verstanden werden und das nicht nur zwischen einem Liebespaar, sondern auch zwischen unterschiedlichen Kulturen. Der Roman von Xiaolu Guo ist eine Lebensgeschichte dreier Menschen: Iona, Jian und Mu. Drei Personen kommen zu Wort in ihrem Roman und jede für sich erzählt ihre eigene Lebensgeschichte, die sich manchmal überschneiden, meist aber fern vom Verständnis des anderen Entscheidungen treffen. Jeder von ihnen sucht – wie so viele von uns – seinen Platz im Leben. Und diese Suche kann manchmal lange andauern oder unerwartete Wendungen annehmen.

Iona kämpft mit ihrem Dasein mitten in London, um sich lebendig zu fühlen, schläft sie mit Männern, doch das Gefühl, das zurückbleibt, hält nicht lange an. Sie muss den Mut finden, ihren Weg zu gehen und ihn standhaft zu verfolgen. Mus Leben hat einen schwerwiegenden Einschnitt erhalten: den Tod, der harte Entscheidungen von ihr abverlangt hat, um weiterleben zu können. Jian lebt in einem Land, das seine Bevölkerung in vielem noch unterdrückt. So fühlt er sich gefangen und gezwungen Kunst als politisches Werkzeug zu gebrauchen. Drei Personen reichen aus, um einen vielfältigen und spannenden Roman zu schreiben. Denn Missverständnisse, Geheimnisse und der Blick von außen packen den Leser bei seiner Neugierde, die bis zur letzten Seite anhält.

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