Rezension | Hilary Mantel: Der Hilfsprediger

Der Hilfsprediger von Hilary Mantel

Hilary Mantels Romane können schockieren. So habe ich den Schock über „Jeder Tag ist Muttertag“ gerade so überwunden, musste ich (freiwillig) auch schon das nächste Buch von ihr lesen. „Der Hilfsprediger“ ist zwar weniger schockierend, dafür aber das Zeugnis einer Gesellschaft, die Andersartigkeit verdammt und durch Machtstrukturen ein ganzes Dorf gefangen hält.

Der Hilfsprediger: ein Dorf abgeschottet vom Rest der Welt

In Fetherhoughton in England ticken die Uhren anders. Und das nicht nur, weil der Schauplatz Mitte der 1950er Jahre stattfindet, als die moderne Technik noch nicht Einzug in jeden Haushalt gehalten hat. In diesem Dorf ist jedem seiner Bewohner eine bestimmte Rolle zu eigen, die er spielen muss und über die er nicht hinaustreten darf. Seine Bewohner sind konservativ und ungebildet. Die Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder, die Männer – nun ja, sie arbeiten sofern das in diesem Dorf möglich ist.

Vater Angwin ist der Priester der Gemeinde, doch seinen Glauben hat er inzwischen verloren und eigentlich will er nur noch seine Ruhe haben. Wäre da nicht der Bischof, jung und motiviert, der auch dieses Dorf in die Moderne führen will – weg von den Götzenbildern, hin zum wahren Glauben. Und so lässt er fast alle Heiligenstatuen aus der Kirche verbannen. Auch das Kloster unter der eisernen Hand von Mutter Perpetua stört Vater Angwin zunehmend. In Fethertoughton ist kein Platz für Individualität. Jeder spielt seine Rolle und Ausbrüche aus diesen werden sofort geahndet oder es wird sich darüber lustig gemacht.

Damit alles nach den Wünschen des Bischofs geschieht, taucht eines Tages ein Hilfsprediger auf, Vater Fludd, der die Bewohner mit leisen Schritten und seiner Art aufrüttelt. Ist er ein Spion des Bischofs oder hat er gute Absichten im Hinblick auf das kleine verschrobene Dorf?

Der Hilfsprediger: Das Aufrütteln von Welten

Es ist ein trostloses Bild, das Hilary Mantel mit ihrem Roman zeichnet. Ein kleines Dorf, abgeschottet von der modernen Welt, versunken in starren Hierarchien bestehend aus Angst und Gewalt. Im Kloster herrscht ein striktes Reglement, wer diesem nicht folgt, wird bestraft. Schwester Philomena fühlt sich schon lange dort nicht mehr Zuhause, wenn man es genau betrachtet eigentlich noch nie. Durch Vater Fludd wird ihr Wille auszubrechen immer stärker.

In der Vergangenheit hat das Dorf viel Tragisches erlebt, als Sozialwohnungen gebaut wurden, die nahe Fabrik geschlossen wurde, Unruhen entstanden und die daraus folgenden Toten begraben wurden. Jeder ist gefangen in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Keiner traut sich individuelle Gedanken oder Träume zu haben. Bis ein Mann auftaucht, an dessen Gesicht sich niemand erinnern kann. Der durch seine bloße Anwesenheit in einzelnen Menschen so etwas wie einen freien Willen wachrüttelt und Dinge verändert. Klammheimlich bis es zu spät ist, den Veränderungen entgegenzutreten.

Als ein fröhliches Buch würde ich „Der Hilfsprediger“ nicht bezeichnen. Vielmehr ein düsteres Buch das den kleinen Kosmos eines Dorfes beschreibt, in der Aberglaube und Intoleranz an der Tagesordnung stehen. In dem klar definiert ist, was richtig und was falsch ist, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Und neben diesen Regeln sind auch die Strafen formuliert. Sprachlich konnte mich das Buch nicht so ganz überzeugen, aber dafür durch diese kleinen Momente und Wendungen, die Hilary Mantel auf gekonnte Art und Weise einspielt. Sie weiß es, den Leser auf eine Spur zu führen, die sich dann wendet und eine weitere, neue Perspektive aufzeigt. So auch der Hilfsprediger, der zu sein scheint, was er nicht ist. Eine starke Figur!

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Hilary Mantel | Originaltitel: Fludd | übersetzt von: Werner Löcher-Lawrence | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Dumont ( 2017 ) | Medium: Hardcover | Seiten: 207

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