[Rezension] Howard, A. G. Dark Wonderland – Herzkönigin

Details:
Autorin: A. G. Howard | Originaltitel: Splintered | übersetzt von Michaela Link | Genre: Jugendbuch | Reihe: Dark Wonderland | Band innerhalb der Reihe: 1 | Gattung: Roman | Verlag: cbt ( 2014 ) | Seiten: 464

Dark Wonderland - Herzkönigin von A. G. HowardAlyssa Victoria Gardner hört Stimmen. Stimmen von Insekten, die sie nur zum Schweigen bringt, indem sie die Insekten für ihre morbiden Mosaike verwendet und tötet. Alyssa weiß, dass diese Wahnvorstellungen vererbter Wahnsinn ihrer Mutter Alison sind. Denn Alison und Alyssa stammen von Alice Liddell ab. Der Alice, die im Wunderland dem Weißen Kaninchen, dem verrückten Hutmacher und der Herzkönigin begegnet ist. Doch was, wenn das Wunderland keine Ruhe gibt? Wenn Alice dort so viel Chaos hinterlassen hat, dass ihre Nachfahren vom Wahnsinn ergriffen werden und ein Flüstern raunt: Er ist hier.

Wenn das Wunderland Realität wird …

Alyssas Mutter ist seit ihrer Kindheit in der Irrenanstalt, als sie ihre kleine Tochter mit einer Gartenschere angriff und damit lebenslange Narben auf Alyssas Händen hinterließ. Sie hat sich damit arrangiert, nur mit ihrem Vater zu leben, verheimlicht vor den meisten Menschen aber, dass ihre Mutter geisteskrank ist. Besonders deshalb, weil die Hänseleien über ihre Wunderland-Abstammung ihr schon genug zu schaffen machen. Denn Alyssa weiß, dass sie nicht normal ist. Seit ihrer Pubertät haben auch bei ihr die Stimmen angefangen zu sprechen. Doch das Mädchen verheimlicht diese Eigenschaft vor allen, denn sie will nicht so enden wie ihre Mutter: in der Irrenanstalt. Die Angst, dass der Wahnsinn, der sie befallen hat, eines Tages aufgedeckt wird, ist ihre größte.

Alyssa hat aber auch Freunde, denen sie soweit vertraut, dass sie ihnen von ihrer Mutter erzählt: die Geschwister Jeb und Jenara, die seit sechs Jahren im Nachbarhaus wohnen. Seit damals ist sie in Jeb verliebt, der ihr bester Freund und Kumpel geworden ist. Doch Alyssa hat Angst, ihm ihre Gefühle zu gestehen. Sie will ihn nicht in all ihre wahnsinnigen Probleme hineinziehen, die sie vor der Welt verheimlicht. Als sich in Soul’s Asylum, der Irrenanstalt, ein schrecklicher Vorfall ereignet und Alison durchdreht, ändert sich alles: Elektroschocks sollen Alyssas Mutter helfen, da die Medikamente nicht mehr wirken. Alyssa ist schockiert, denn sie weiß jetzt endlich, dass das Wunderland existieren muss und ihre Mutter keine zusammenhanglosen Phrasen von sich gibt. Alyssa macht sich auf den Weg nach London, um unter der Uhr ins Kaninchenloch zu gelangen und ihrem Vater zu beweisen, dass Lewis Carolls Geschichte kein Hirngespinst eines kleinen Mädchens war.

Dark Wonderland – Manipulation und Düsternis

Jeb und Alyssa landen tatsächlich im Wunderland und müssen ganz schnell feststellen, dass dort nichts so ist, wie es in Carolls Buch beschrieben ist. Düsternis und Grauen herrschen im Wunderland. Doch Alyssa trifft dort auf alte Bekannte: Morpheus ist der Junge ihrer Kindheitserinnerungen, die Motte, die ihre Mutter Alison damals im Garten versucht hat zu töten, mit der Gartenschere, die Alyssa am Ende getroffen hat. Hat Morpheus ihr die dunklen Albträume aus Wunderland geschickt um ihn zu finden? Und was tat Alice, um ihre Familie mit einem Fluch zu belegen?

Alyssa weiß nicht, wem sie trauen oder was sie glauben kann. Jeb gesteht ihr seine Liebe und sie fühlt sich im siebten Himmel. Gleichzeitig ist sie von Morpheus angezogen, mit dem sie so viele kindliche Erinnerungen teilt. Doch sie weiß auch, dass er ihr nicht die ganze Wahrheit sagt. Manipuliert er ihre Gefühle? Ist Wunderland tatsächlich nur ein Ort grausamer Netherlinge, wie die Wesen, die dort leben genannt werden? Und warum wird Alyssa den Netherlingen immer ähnlicher? Das Wunderland aus Alices Kindheit ist eine Phantasterei, denn die Wahrheit sieht ganz anders aus: Königin Rot ist tot, die Elfenbeinkönigin lebt in Gefangenschaft und Geheimnisse und Intrigen spannen ein Netz um Alyssa und Jeb, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Und die Zeit wird knapp: der Tag, der ersten Elektroschockbehandlung ihrer Mutter rückt näher.

A. G. Howard erschafft mit Dark Wonderland – Herzkönigin ein ganz eigenes Wunderland. Es ist düster, geheimnisvoll, aber ebenso verrückt, wie das von Caroll. Als alter Wunderlandfan konnte ich mich aber mit der dunklen Version des Kindermärchens recht schnell anfreunden. Man trifft alte Bekannte, die sich ganz anders artikulieren und doch nicht so schnuffig-süß sind, wie die Wesen aus der ursprünglichen Geschichte. Dark Wonderland lebt von dieser Welt, die kuriose Gestalten beherbergt, aber leider weniger von seiner Protagonistin.

Alyssa ist im ständigen Zwiespalt und lebt eine starke Passivität während der gesamten Geschichte, die mich als Leser doch sehr angestrengt hat. Sie befindet sich in einer unfreiwilligen Dreiecksbeziehung und stellt alles in Frage. Sie lässt sich blindäugig manipulieren und zweifelt selbst an den Dingen, die ihr vertraut sind. Durchaus ist das Wunderland ein Ort des Chaos, des Lärms und der Verwirrung für Gefühle, Verstand und Körper. Doch Alyssa verblasst gegenüber ihren Mitspielern, denn sowohl Morpheus als auch Jeb strahlen als Widersacher gegeneinander. Sie wissen, was sie wollen, sie spielen das Spiel des düsteren Wunderlands, während Alyssa lediglich ein Spielball im Geschehen ist und sich hauptsächlich damit beschäftigt: will ich ihn oder will ich ihn nicht? Aber auch wenn mich das gestört hat, fand ich die Welt von A. G. Howard aufregend, denn die Netherlinge des Wunderlands sind keine Menschen, sie sind eigennützig, intrigant und bunt. Dark Wonderland hat eine eigene Stimme, die mich auf einen zweiten Band hoffen lässt, in welcher die Heldin des Buches vielleicht aktiver wird – jetzt, nachdem sie weiß, dass die Welt hinter den Spiegeln tatsächlich existiert.

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