[Rezension] Howard Jacobson: Shylock

Shylock von Howard Jacobson Rezension

#Shakespeare400 ist ein Projekt der Hogarth Press & des Knaus Verlags. "Shylock" von Howard Jacobson ist eines der ersten Bücher aus einer Reihe von Romanen bekannter Autoren und Autorinnen, die sich Shakespeares Werken annehmen und diese in moderne Literatur verwandeln. Weitere Informationen zum Shakespeare-Projekt findet ihr in meinem Eröffnungsbeitrag.

Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig

William Shakespeares Stück „Der Kaufmann von Venedig“ (meine Kurzrezension) entstand Ende des 16. Jahrhunderts und gehört zu Shakespeares umstrittensten Werken. Nämlich aufgrund der Figur des Shylocks, eines jüdischen Wucherers, der sehr einseitig und negativ dargestellt wird. Shakespeare wurde daraufhin antisemitisches Denken vorgeworfen. Howard Jacobson hat sich diesem Werk angenommen und es in eine moderne Kulisse gesetzt.

Der jüdische Shylock: die Romanadaption

Simon Strulovitch ist eigentlich ein ganz moderner Jude. Er ist vermögend, sammelt Kunst und seine Ansichten sind weder besonders radikal, noch außergewöhnlich. Doch sobald es um seine Tochter Beatrice geht, sieht er rot. Diese besaß schon als 13-Jährige den Körper einer 23-Jährigen und so rechtfertigt Strulovitch seinen Kontroll- und Überwachungszwang ihrem inzwischen 16-Jährigen Ich gegenüber; besonders nachdem seine Frau Kay einen Schlaganfall erlitt und zum Pflegefall wurde. Die ganze Verantwortung der Familie lastet auf seinen Schultern, auf die sich Strulovitch mit dem Erwachsenwerden seiner Tochter eine weitere Last aufbürdet: was ist des Judens wahre Lebensweise?

Eine absonderliche Zusammenkunft – das Setting

Alles beginnt auf einem Friedhof. Der Tod hat Einkehr gehalten, Strulovitchs Mutter ist verstorben und ebenso die geliebte Ehefrau Shylocks. Seine Tochter Jessica ist verschwunden und das, was Shakespeare im „Der Kaufmann von Venedig“ berichtet, ist längst vergangen, Gemunkel im Munde derer, die Shylock fürchten, ihn verachten oder zu ihm aufsehen. Auch Strulovitch ist voreingenommen gegenüber Shylock und doch fasziniert ihn dieser ernste Mann, der in seinem Denken extrem und in seinen Urteilen schnell ist; er kann nicht vergessen, kann nicht vergeben, kann nicht mehr wohltätig sein. Beide Männer sind von Trauer ergriffen und unterscheiden sich doch drastisch voneinander.

Strulovitch dagegen ist ein wohltätiger Kunstsammler anglo-jüdischer Kunst. Er ist kein echter Gläubiger, sondern ein weltlicher Jude, doch wie weit seine Wohltätigkeit geht, wie sehr sie nur aus dem Schein besteht, bleibt offen. Sobald es um seine Tochter Beatrice geht, wird er zum zwanghaften Kontrolleur; regelrecht zur Bestie, die allem Rationalen entsagt und in unbändiger Wut nur eines will: seine Tochter an einen jüdischen Mann verheiraten – aber weshalb?

Eine kuriose Parodie mit ernstem Kern – die Geschichte

Und dann beginnt die Geschichte. Beatrice gerät in die Kreise der reichen Erbin Plurabelle, die keine Grenzen kennt, die mit Geld alles kaufen kann, sich moralischen Schranken nicht unterwirft und das Spiel mit den Menschen liebt. D’Anton ist ihr Diener und dieser erfüllt der erfolgreichen Moderatorin einer Fernsehsendung jeden Wunsch und sei er noch so an der Grenze des (Il-)Legalen. Plurabelle ist eine tragische Figur, die sich jeden Luxus leisten kann, aber eigentlich nur der Einsamkeit zu entfliehen versucht, den einen Menschen zu finden, mit dem sie ihr Leben teilen kann. Sie existiert in einer Welt der Oberflächlichkeiten, ist gezeichnet von Schönheitsoperationen und nutzt Erfolg und Geld für das Pompöse.

Beatrice und der Christ

So verschafft sie dem Fußballer Gratan Howsome, einem Christen, eine wunderschöne Jüdin: Beatrice. Die darauf anspringt, sich in die exzentrische Welt Plurabelles begibt, die Beachtung jener genießt und weiß: ihr Vater wird explodieren und doch ist sie wild entschlossen, diesen Mann sogar zu heiraten. Denn darum geht es auch in „Shylock“, um eine Vater-Tochter-Beziehung, die aus den Fugen geraten ist, die niemals wirklich normal war, in der Vater und Tochter zwei extreme Pole bilden, die sich abstoßen, auflehnen und gegeneinander prallen. Sie stellen ihre eigenen Bedürfnisse hinten an, um zu schockieren, sich gegenseitig zu verletzen, die Absichten des anderen zu durchschauen und zu durchkreuzen. Das nicht zuletzt, weil der Mann, den Beatrice heiraten will, erst kürzlich in den Schlagzeilen stand als er den Hitlergruß in aller Öffentlichkeit vollführte – ohne dessen Tragweite, den historischen Hintergrund, überhaupt ansatzweise zu verstehen.

Und damit beginnt die Gier nach dem Fleisch: die Vorhaut als Symbol ohne Grundlage.

Die Schuldfrage

Währenddessen lädt Strulovitch Shylock in sein Haus ein, zum Zwiegespräch zweier Männer über gar existentielle Fragen: Wozu ist der Jude fähig? Wie sieht er sich selbst und wie sieht die Welt den Juden? Shylock ist ein gebrochener Mann seit dem Tod seiner Frau. Der Schauprozess, über den alle munkeln, liegt weit zurück und er hat sich von der Welt entfremdet, führt heimliche Gespräche mit seiner toten Frau. Seine Tochter Jessica bleibt verschwunden und er hat verloren, wird zum Beobachter in Strulovitchs Kampf um dessen Tochter, seine Integrität und dem neuen, jüdischen Weltbild, das er sich im Wahn, die Tochter zu beschützen, erschafft.

Was ist die Tochter wert?

Und hier wendet sich irgendwann das Blatt zwischen den Extremen. Wer ist extremer Jude, wer ist weltlicher Jude? Mit der Rebellion seiner Tochter entdeckt Strulovitch seine Religion auf’s Neue und die (nicht-)vorhandene Vorhaut des künftigen Schwiegersohns wird zum Symbolbild einer nicht nur über Jahrtausende andauernden Geschichte, sondern auch über einen persönlichen Feldzug der Rache, die keine Grenzen kennt. Und dort hinein, in die brodelnde, gar brennende Linie zwischen Vater und Tochter geraten alle anderen Figuren: Ein Netz aus Intrigen beginnt sich zu spannen.

Und alles erscheint wie eine Parodie in Howard Jacobsons Roman; überspitzt und unwirklich. Hinter jedem Satz verbirgt sich der reinste Zynismus, den man als Leser erst einmal begreifen muss, um ihn zu extrahieren und das herauszuheben, was dort wirklich steht, zwischen den Zeilen unter all den vielen Worten, die für mich nicht immer ein sinnhaftes Konstrukt ergeben haben; manchmal hätte ich mir etwas weniger Beschreibungen, etwas weniger Wortgewalt gewünscht. Jacobsons Romanadaption befasst sich ebenfalls, ganz klar, mit dem Judentum und dem Antisemitismus, wie dies schon Shakespeare getan hat, doch klärt jener sie mit einer Fülle an Metaphern, die es wiederum erst zu entschlüsseln gilt; wäre da nicht dieses Kabarett der ganzen Geschichte. Manches bleibt dabei auf der Strecke, manches muss der Leser immer und immer wieder lesen, um es zu begreifen, und manches ist einfach und komplex zugleich.

Der Kern des Ganzen – die Figuren

„Shylock“ ist eine überspitzte Geschichte. Hinter jeder Figur verbirgt sich Lug und Trug, jeder besteht nur aus Schein und nicht aus dem eigenen Sein. Maskenhafte Fratzen begegnen sich auf den Straßen einer überaus extravaganten Gegend, bedrohen sich und trauen einander nicht über den Weg. Es gibt kein Schwarz und kein Weiß, sondern nur Chaos und darin eingebettet der Mensch, ob Jude oder Christ, der Mensch, der sich hinter einem Schild versteckt, das er der Welt hinhält, es bemalt und etwas konstruiert, das sein Ich sein soll: das Ich, das er der Welt präsentiert.

Shylock

Und dann trennt Howard Jacobson doch den Juden vom Christen und setzt den einen auf die eine Seite und den anderen auf die andere Seite – mit einem winzigen Detail, das die Sache wieder zum Kippen bringt – am Ende. Und was macht Shylock? Er spielt eine Rolle am Rande des Romans. Er ist bodenständiger als in Shakespeares Komödie, hat von seinem Schicksal „gelernt“ und man betrachtet ihn als Leser ganz anders in diesem modernen Stück: Er hat mehr Tiefe erfahren, bleibt nicht der stereotype, jüdische Wucherer, sondern wirkt besonnener mit der Welt und den Menschen darin. Aber dennoch ist er ein düsterer Charakter, den man nicht vollständig durchdringen kann, er ist undurchschaubar in seinen Motiven und spricht nie klar über seine Ansichten. Aus Erfahrung?

Simon Strulovitch

Strulovitch dagegen wird zu einer Art Spiegelbild des Shakespearschen Shylocks, der sich seiner neu gewonnenen Religiosität hingibt, aber nicht der Religion wegen, sondern des Prinzips und somit forciert er die Vorhaut zum einzigen wahren und aussagekräftigen Symbol des Juden. Diese unsagbare „Verstümmelung“ wird Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und es ist ein Ziehen und Zerren auf allen Seiten, wen es am Ende treffen wird. Während der Shakespeare-Shylock allerdings sehr einseitig dargestellt wird, so besitzt Strulovitch Entwicklungspotenzial (wenn auch in eine sehr bedenkliche Richtung).

Exzentrische Figuren

Eine exzentrische Figur neben der anderen versammelt Howard Jacobson in seiner Romanadaption und genau an diesen Figuren habe ich einen Narren gefressen. Das beginnt schon allein bei der Namensgebung der Figuren, die Jacobson neu ins Spiel bringt und die denkwürdig ist: Anna Livia Plurabella Cleopatra Eine-Schönheit-ist-eine-ewige-Freude-weiser-als-Salomon Christine oder auch Gratan Howsome.

Während die Geschichte mal mehr mal weniger durchschaubar in ihren Strukturen und in ihren großen Fragen über das jüdische und christliche Dasein in der modernen vom Konsum zerfressenen Welt war, so waren die Figuren durchweg herausragend. Nicht aufgrund von Sympathie, Intelligenz oder Charisma, sondern aufgrund ihrer Exzentrik und ihrer überspitzten Darstellung, der vielen unterschiedlichen Beweggründe und der darüber hinaus bestehenden Tiefe ihres Daseins. Der Leser kann jeder Figur mehr als nur einen Charakterzug abgewinnen, sie hinterfragen und dahinter noch Seiten entdecken, die sich verstecken, nur ein bisschen zwischen den Zeilen hindurch blinzeln. Für das gesamte Buch bedarf es eine aufmerksame Lektüre, sonst verliert man als Leser nur allzu leicht den Durchblick, den Anknüpfungspunkt an die ernsthafte Thematik, die in diesem Buch steckt, trotz all der überbordenden Verrücktheit.

Fazit zum Schluss

Kein leichter Einstieg ist Howard Jacobsons„Shylock“ in das Shakespeare-Projekt. Aber ein durchaus lohnenswerter, besonders nach der Lektüre des Originals. Ich empfand diesen Roman als Zusatzlektüre für „Der Kaufmann von Venedig“ spannend, denn er beleuchtet noch einmal ganz andere Perspektiven, nimmt eine Metabetrachtung vor, indem er die eigentliche Handlung Shakespeares Komödie in die Vergangenheit und seine eigene als Fokus setzt. Und dabei entsteht eine Art Reflexion für den Leser und für die Figuren, der ich immer noch nachhänge – ist Shylock geläutert?

Aber ebenso ist es dem Autor gelungen, dem Buch eine eigene Stimme zu verleihen, „Shylock“ ist keine einfache Adaption des Shakespearschen Originals in eine moderne Zeit, mit anderem Ort und denselben Figuren. Es ist weit mehr in sehr komplexer Struktur, mit Vernetzungen, besonderem Setting und überspitzten Formulierungen.

Details zum Buch: Autor: Howard Jacobson | Originaltitel: Shylock is my name | übersetzt von: Werner Löcher-Lawrence | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Knaus ( 2016 )

Weitere Rezensionen: Herzpotenzial | stories on paper

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