[Rezension] Isabel Abedi: Die längste Nacht

Die längste Nacht von Isabel AbediIhr Abiball ist vorüber und nach der Schulzeit beginnt für Vita und ihre Freunde ein neuer Lebensabschnitt. Doch bevor sie an Universitäten oder zu Ausbildungen verschwinden und der Ernst des Lebens beginnt, beschließen Vita, Danilo und Trixie gemeinsam mit einem VW-Bus durch Europa zu reisen. Vita, die eigentlich Viktoria heißt, ist froh ihrem Zuhause entfliehen zu können: mit einem Vater, der sich in die Arbeit stürzt, und einer Mutter, die keinerlei Interesse an ihrer Tochter zu haben scheint.

Ein Geheimnis in Italien

Aber Vitas Weg endet schon in Viagello, einem kleinen Ort in Italien, den sie nicht zufällig besucht: In einem Manuskript, das ihr Vater erhält, geht es um dieses italienische Städtchen, dessen Nennung jenen vollkommen entsetzt. Doch den Grund erfährt Vita nicht. Ihr Vater schweigt und mehr als einen Blick konnte sie auf die Seiten des Manuskripts nicht erhaschen. In Viagello fühlt Vita sich unheimlich wohl, obwohl sie vorher noch nie in Italien gewesen ist. Das hat nicht zuletzt mit dem jungen und charmanten Seiltänzer Luca zu tun, der die drei Freunde auf seinem kleinen Grundstück, nahe seines Elternhauses, übernachten lässt.

Vita kann die Freiheit spüren, die sich mit dem Loslösung ihrer Familie einstellt, und zum ersten Mal hat sie in Viagello das Gefühl angekommen zu sein, an einem Ort, der ihr plötzlich immer wieder Szenen ins Gedächtnis ruft, so als hätte sie lang vergessene Erinnerungen, die sich hier in Italien wieder zeigen. Und als Vita auf Lucas Eltern trifft, scheint sich das Geheimnis zu lüften: denn über den Namen ihres Vaters, Thomas Eichberg, sind jene vollkommen entsetzt und fordern die sofortige Abreise von Vita und ihren Freunden. Aber Vita kann nicht gehen, denn wie es scheint, kennt Lucas Familie nicht nur ihre Eltern, sondern auch ihre tote Schwester Livia, die vor Jahren bei einem Unfall gestorben ist. Was ist in Viagello geschehen? Und was hat Vitas Traum womöglich damit zu tun: das kleine Mädchen im Brunnen ohne Mund und mit großen traurigen Augen?

Ein Geheimnis, das seit langem nicht nur auf Vitas Familie lastete, droht ans Licht zu kommen. Denn noch jemand weiß von der Vergangenheit: Sol Shepard, der Thrillerautor, der die Geschichte aus Viagello in seinem Manuskript niedergeschrieben hat. Doch wer ist der berühmte Autor ohne Gesicht? Ein fremder Beobachter schleicht sich im Dunkeln herum und beobachtet Vita und ihre Freunde.

Über Freundschaft, Familie und Verlust

Um dieses eine Geheimnis, das Vitas und Lucas Familien in ihrem gesamten Dasein fesselt, baut Isabel Abedi eine spannende Geschichte, die nicht nur durch ihren Aufbau bestimmt ist, denn in einigen wenigen, aber unheimlichen Zwischensequenzen, die dem unbekannten Fremden gewidmet sind, erzeugt die Autorin greifbare Aufregung beim Leser. Aber auch Vitas Träume und Erinnerungen, die mit jedem neuen Moment, jeder Kleinigkeit ein wenig klarer in die Verwirrungen und Verstrickungen der beiden Familien eintauchen, sind gut gewählt und ergeben am Ende ein großes Ganzes. Was ist geschehen, von dem Vita nichts mehr weiß? Jenes Geheimnis, jenes Trauma, das sie vollständig verdrängt hat, zwängt sich immer mehr ans Licht und es stellt sich die Frage: wer kennt die Wahrheit?

Und neben der Geheimniskrämerei ihrer Familien und der Vergangenheit, kommen sich Luca und Vita näher, fast wie eine moderne Version von Romeo und Julia, deren Familien zerstritten sind. Doch statt einen unglücklich-tödlichen Ausweg zu wählen, begeben sich die beiden auf die Suche nach der Wahrheit. Mutig schreitet Vita dabei voran, die schon seit langem ihren Weg selbst gehen muss, aber immer in Unterstützung ihrer Freunde. Denn Freundschaft ist ein bedeutendes Thema in „Die längste Nacht“, ob neue oder alte Freunde, das Verständnis und die Liebe von Menschen, denen man vertrauen kann, ist bedeutsam.

Wohl durchdacht und konstruiert hat Isabel Abedi ihren Jugendroman, der sich eben nicht nur mit einem Familiendrama beschäftigt, sondern auch mit Freundschaft, Liebe und auch dem Erwachsenwerden. Und all diese Stricke laufen zu einem Knotenpunkt zusammen, sind Teile des Puzzles, das Vita zu lösen versucht. Vergangenheit, Gegenwart und auch die Zukunft, die ihr als Abiturientin nur allzu bewusst ist, verbinden sich miteinander. Und neben diesen Handlungssträngen sind auch ihre Figuren wichtige Elemente, von welchen „Die längste Nacht“ belebt wird. Jede einzelne Figur hat so viel Charakter und ihr wird viel Aufmerksamkeit geschenkt, wie ich es bewusst nur selten in Büchern wahrnehme. Abedis Figuren strahlen regelrecht durch die Handlung hindurch, verbinden sich mit ihr und ergeben ein tolles Jugendbuch – unterhaltsam, spannend und mysteriös – ein Leseerlebnis, das sich lohnt!

Details zum Buch: Autorin: Isabel Abedi | Genre: Jugendbuch | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Arena ( 2016 ) | Seiten: 408

Weitere Rezensionen zu „Die längste Nacht“:

Damaris liest | TraumBuchFänger | Büchersalat | Skyline of Books

Noch mehr von Isabel Abedi? Hier kommt ihr zum Interview mit der Autorin, das ich im Rahmen der Blogtour „Die längste Nacht“ mit ihr geführt habe!

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