[Rezension] Jenny Downham: Die Ungehörigkeit des Glücks

Nach der Scheidung ihrer Eltern leben Katie und ihr jüngerer Bruder Chris gemeinsam mit ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung. Katie steht kurz vor ihrem Schulabschluss und ihre Mutter Caroline, Typ ängstlicher Kontrollfreak, verlangt von ihr vollen Einsatz für ihre Ausbildung, um erfolgreich zu sein und sich eines Tages um ihren Bruder kümmern zu können, der besonders gefördert werden muss. Doch Katie hat ganz andere Probleme: sie hat ihre beste Freundin Esme verloren, ist auf der Suche nach sich selbst und droht doch durch den Druck gerade dieses Selbst zu verlieren.

Eine Familie, eine Vergangenheit & viele Perspektiven

Von einem Tag auf den anderen verliert Katie nicht nur all ihre Freunde, sondern auch ihr eigenes Zimmer. Denn obwohl ihre Familie mit der Mutter ihrer Mutter keinen Kontakt hat, sitzt nun die alte und demenzkranke Dame in ihrem Zimmer. Nirgends sonst scheint Platz für Großmutter Mary zu sein und Caroline ist alles andere als erfreut darüber ihre eigene Mutter, die sie als Baby im Stich gelassen hat, bei sich aufnehmen zu müssen. Die Wohnung, in welcher die Familie seit kurzem lebt, ist viel zu klein für vier Personen und auf engstem Raum stauen sich Emotionen an, solange, bis diese explodieren.

Die Vergangenheit ist Tabu: Katies Mutter schweigt über ihre Kindheit und Jugend, als Mary sie im Stich ließ, Pat – deren Schwester – sie aufzog und eines Tages, als Pat zu krank wurde, in die Welt von Mary entführt wurde, die sie bis heute nicht verarbeitet zu haben scheint. Die tiefen Wunden der Vergangenheit tragen auf allen Seiten Narben, die durch das erneute Zusammenleben wieder aufreißen. Zumindest bei Caroline, die sich plötzlich nicht mehr nur um ihre beiden Kinder kümmern muss, sondern um ihre Mutter, die mehr als nur vergesslich geworden ist.

Doch Mary hat auch strahlende Momente, wenn sie sich an ihre Vergangenheit erinnert. Wie hell erstrahlende Blitze durchzucken sie ihr Gehirn und sie erinnert sich an ein Damals, das selbst Caroline nicht kennt. Mary war jung und sie hatte das Gefühl die Welt läge ihr zu Füßen. Ihr Vater verehrte sie, kaufte ihr Geschenke und verwöhnte sie, wo es nur ging. Pat dagegen war die Vernünftige der beiden Schwestern und nahm die Rolle der Mutter ein. Neid und Eifersucht, Fürsorge und Liebe führten zu einem unentwirrbaren Familiendrama, als Mary 1954 ein uneheliches Kind zu Welt brachte …

Drama & Hoffnung: Das Leben

Mittels Rückblenden und Perspektivwechseln erzählt Jenny Downham die Geschichte dreier Frauen, dreier Generationen. Katie, die auf der Suche nach sich selbst und ihrer Sexualität ist, Caroline, die eine schwierige Kindheit hatte und mit ihrer Scheidung nicht wirklich zurechtkommt und Mary, die ihren Lebensgefährten verliert und dazu noch ihr Gedächtnis, obwohl sie in ihrem Leben noch eine wichtige Sache wieder gut machen wollte. „Die Ungehörigkeit des Glücks“ vereint bedeutende Themen, nämlich ein Familiendrama, Homosexualität und Erwachsenwerden, Altern und Demenz, geistige Einschränkungen und die schier niederdrückenden Erwartungen der anderen.

Downhams Roman beschäftigt sich mit der Wahrheit und ihren Perspektiven, mit den kleinen Teilwahrheiten, die je nach Sichtweise in anderen Schattierungen existieren. Er erzählt vom Mutig sein und gleichzeitig vom Feige sein. Das Buch spielt mit den essentiellen Dingen, die im Leben Bedeutung haben: die erste Liebe, Familie und Zusammenhalt, aber auch Krankheit, Leid und Schicksal. Und zu einem gewissen Punkt hatte ich als Leserin das Gefühl, es wäre zu viel für dieses eine kleine Buch. Zu viele Themen, zu viel Inhalt, zu viel für jede Figur. Doch andererseits ist das Leben auch mal zu viel und zu bedeutend für den Menschen, nämlich in Krisensituationen, wenn Erwartungen, gesellschaftlicher sowie familiärer Druck und Realität aufeinander prallen. Und genau das schildert Jenny Downham mit ihren drei Frauenfiguren, die sich nicht nur durch ihr Alter und ihren Gesundheitsstatus unterscheiden, sondern auch durch ihren Charakter und ihr vergangenes, gegenwärtiges Leben.

Der Fokus des Buches liegt eindeutig auf seinen Figuren, die allesamt extreme Entwicklungen durchmachen. Und dieses extreme Gefühl der Veränderung, der inneren und äußeren Zerrissenheit weiß die Autorin an ihre Leser weiterzugeben. Die Unerschütterlichkeit der Vergangenheit ist der dunkle, alles beherrschende und unbenannte Fleck, der über allen Entscheidungen zu stehen droht. Die Autorin schildert bewegend und emotional, wie sich der Kreislauf aus Missverständnissen, unausgesprochenen Worten und vergangenen Enttäuschungen fast automatisch immer weiter vorantreibt und greift dabei ganz gewichtige Themen auf: Demenz/Alzheimer, Homosexualität und das Weggeben des eigenen Kindes.

„Die Ungehörigkeit des Glücks“ umfasst so viel, dass ich gar nicht im Detail auf Einzelnes eingehen kann und werde. Blicke ich zurück, so hat die Autorin diese vielen ernsten Themen unterhaltsam vermittelt, vielleicht wäre aber an der einen oder anderen Stelle ein tieferer Blick notwendig gewesen. Besonders an den Stellen, an denen die Handlung ins Plätschern geraten ist. In seiner Ganzheit hat mir der neue Roman von Jenny Downham aber gefallen, denn besonders die Aspekte von Nicht-Kommunikation und gesellschaftlichem Druck, von den Dingen, die man auf sich nimmt, weil man hineingedrängt wird, haben mich immer weiterlesen lassen, um zu erfahren, wie die Figuren reagieren.

Details zum Buch: Autorin: Jenny Downham| übersetzt von: Astrid Arz | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: C. Bertelsmann ( 2016 )

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