Rezension | John Corey Whaley: Hochgradig unlogisches Verhalten

Hochgradig unlogisches Verhalten

Solomon Reed ist anders. Er leidet unter starken Panikattacken und hat zum letzten Mal mit 12 1/2 Jahren sein Elternhaus verlassen. Seit nun mehr als drei Jahren (um genau zu sein, an seinem 16. Geburtstag sind es 3 Jahre, 2 Monate und 1 Tag) lebt er zurückgezogen und hat hauptsächlich Kontakt zu seinen Eltern. Freunde hat Solomon keine, denn seinen einzigen Schulfreund verlor er, als dieser feststellte, dass Solomon nicht der schweigsame Typ in den vier Wänden seines Hauses ist als den er ihn in der Schule kennengelernt hat.

Hochgradig unlogisches Verhalten
– Solomon Reed & Agoraphobie

Solomon erhält Online-Unterricht, seine Eltern versorgen ihn mit Essen und die immer mal wieder aufwellenden Panikattacken versucht er vor ihnen zu verbergen, um sie nicht auf die Idee zu bringen, dass mit ihm Zuhause doch nicht alles in Ordnung ist. Er leidet an Agoraphobie. Zuletzt war seine Krankheit so schlimm, dass er bis zu drei Mal am Tag eine Panikattacke erlitt, die seinen ganzen Körper in einen Extrem-Zustand versetzt und er die Kontrolle über ihn verliert.

Als Agoraphobie (Platzfurcht, von altgriechisch ἀγοράagorá ‚Marktplatz‘, und φόβοςphóbos ‚Furcht‘), in der Fachsprache auch Platzangst genannt, bezeichnet man eine Angststörung, die durch bestimmte Orte und Situationen wie weite Plätze oder Menschengedränge ausgelöst wird. Betroffene vermeiden die auslösenden Situationen und können im Extremfall nicht mehr die eigene Wohnung verlassen. Eine Agoraphobie liegt auch dann vor, wenn Menschen angstbedingt weite Plätze oder Reisen allein oder generell meiden.

Allen diesen Situationen ist eine Angst vor einem Kontrollverlust gemeinsam. Die Betroffenen befürchten so etwa, dass sie im Falle einer Panik oder potentiell bedrohlicher Körperzustände nicht schnell genug flüchten könnten, Hilfe nicht schnell genug verfügbar wäre oder sie in peinliche Situationen geraten könnten. Die Agoraphobie tritt häufig zusammen mit einer Panikstörung auf. Quelle: Wikipedia

Hochgradig unlogisches Verhalten
– das Unerwartete schlägt zu: Lisa Praytor

Solomon hat sich mit seinem Schicksal abgefunden. Er ist zufrieden in der Welt, die er sich aufgebaut hat. Das Draußen vermisst er kaum und als Freunde hat er immerhin seine Eltern. Doch dann taucht plötzlich Lisa Praytor auf, ein junges Mädchen, das auf seine ehemalige High School geht. Lisa ist ehrgeizig und im Gegensatz zu Solomon, der sich keinen anderen Ort zum Leben als sein Elternhaus vorstellen kann, will Lisa ihre Heimatstadt Upton so schnell wie möglich verlassen.

Ihr Ziel ist ein Psychologiestudium an der Woodlawn University. Dafür muss sie einen Aufsatz zum Thema „Meine persönlichen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen“ schreiben. Als sie erkennt, dass ihre Zahnärztin die Mutter des Jungen ist, der vor einige Jahren zitternd und um sich schlagend im Schulbrunnen saß und danach verschwunden ist, fasst sie einen Plan: Sie will Solomon Reed retten.

Hochgradig unlogisches Verhalten
– drei unzertrennliche Freunde

Solomon Reed isst kein Gemüse. Er hat Angst vor Kokosnüssen und das sind nur einige der Dinge, die bei Solomon zu unkontrollierbaren Panikattacken führen können. Und dann taucht plötzlich Lisa Praytor in seinem Leben auf. Lisa schreibt ihm einen Brief, in welchem sie ihm mitteilt, dass sie gerne mit ihm befreundet sein möchte. Solomon ist verwirrt, als Lisa sich tatsächlich für ihn und sein Leben zu interessieren beginnt, doch er gibt ihr eine Chance.

Und auch Lisa amüsiert sich mit dem schrulligen Solomon, der Star Trek Next Generation liebt und ansonsten keine Freunde hat. Aber gleichzeitig verfolgt Lisa weiterhin ihre Ziele für die Uni. Bisher hat sie als Klassenbeste immer alles erreicht, was sie wollte und auch die Heilung von Solomon sieht sie in ihrem Bereich der Möglichkeiten. Zielstrebig, ja sogar rücksichtslos will sie den Aufsatz über Solomon für die Universität schreiben. In Solomon Reed sieht sie das perfekte Testobjekt, mit dem es zusätzlich noch Spaß macht, Zeit zu verbringen. Doch das löst bei Clark, Lisas festem Freund, schnell Eifersucht aus.

Drei Freunde – ist einer zu viel?

Aber dazu besteht kein Grund. Lisa vermutet, dass Solomon schwul ist. Und so entspannt sich zwischen den dreien eine enge Freundschaft in Solomon Reeds Zuhause. Eine Freundschaft, die noch auf eine harte Probe gestellt werden soll, denn Lisa neigt zum Perfektionismus und sie überschätzt sich selbst und unterschätzt Solomons Krankheit. Sie geht taktisch in ihrem Vorhaben vor, Upton für immer zu verlassen.

Dabei vergisst sie, was Lügen anrichten können, und vernachlässigt sogar ihre beste Freundin, der sie erst spät von Solomon und ihrem Plan erzählt. Aber es kommt für sie noch schlimmer: denn Lisa bemerkt, dass Clark und Solomon auch ohne sie viel Spaß haben und vermutet dabei einen ganz bestimmten Grund. Denn wieso sollte Clark sich bisher sonst davor gescheut haben mit ihr den letzten Schritt als verliebtes Pärchen im Bett zu vollziehen?

Hochgradig unlogisches Verhalten
– eine tiefgründige Geschichte über Freundschaft & Liebe

John Corey Whaleys Jugendroman handelt von Solomon Reed und seiner Krankheit, die unkontrollierbar und wie aus dem Nichts auftauchen kann. Es handelt aber auch von Freundschaft, der Liebe und dem Lebensweg, den man beschreiten möchte. Solomon hat seine kleine Welt sortiert und Mechanismen, die seine Panikattacken, wenn nicht komplett verhindern, so doch eindämmen. Aber dennoch ist er ein Gefangener in seinem Leben, was er erfolgreich zu verdrängen versucht. Erst mit dem Auftauchen von Lisa und Clark bemerkt er, wie viel es bedeutet echte Freunde zu haben.

Die Sprache

Und diese Freundschaft steht im Zentrum von John Corey Whaleys Buch „Hochgradig unlogisches Verhalten„. In einer äußerst klaren Sprache formuliert der Autor, wie leicht es in der Jugend ist Freunde zu finden und wie ebenso leicht es ist, das Vertrauen dieser zu missbrauchen. Ja, es ist auch ein Selbstfindungs-Buch, aber zugleich von zwei sehr extremen Charakteren: Solomon und Lisa. Der eine verunsichert durch seine Krankheit, die andere zielstrebig und völlig blind, für die Gefühle, die sie dabei verletzten könnte. Beiden Charakteren verleiht Whaley eine eigene Stimme. Immer wenn die Perspektive der beiden wechselt erkennt man sofort die Figur auch am sprachlichen Stil und der Wortwahl.

Die Perspektive

Aus den Perspektiven dieser beiden wird der Roman „Hochgradig unlogisches Verhalten“ erzählt. Dem Autor gelingt es dabei auf wunderbare Art und Weise die beiden Figuren und ihre Stimmen lebendig werden zu lassen. Lisa hat ihre Fehler und gleichzeitig sprüht sie vor Energie und Lebensfreude, sie hat nämlich ein gutes Herz. Etwas seltsam fand ich dennoch, dass Solomon mit Lisa sofort eine Freundschaft beginnt, die sehr eng wird. Aber vielleicht sieht man als Leser genau daran, wie sehr ihm unterbewusst der Kontakt zu Gleichaltrigen gefehlt hat – trotz seiner Erkrankung.

Mein Fazit

Hochgradig unlogisches Verhalten“ ist bevölkert von bunten Charakteren, die man einfach gern haben muss. Mit viel Witz lässt der Autor diese sprechen und vollführt dabei eine exzellente Gratwanderung zwischen der Ernsthaftigkeit von Agoraphobie und der humorvollen Unterhaltung seines Buches. Manchmal hatte ich zwar das Gefühl, dass Whaley doch das eine oder andere Thema zu viel in seinen Roman gepackt hat, aber auch diese Verwicklungen passen irgendwie. Denn John Corey Whaley zeigt auf, wie komplex Freundschaften sein können und was es bedeutet für seine Freunde über den eigenen Schatten (& mehr) zu springen.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: John Corey Whaley | Originaltitel: Highly Illogical Behaviour | übersetzt von: Andreas Jandl | Genre: Jugendbuch | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Carl Hanser Verlag ( 2017 ) | Seiten: 240

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