[Rezension] Paul Kalanithi: Bevor ich jetzt gehe: Was am Ende wirklich zählt

Paul Kalanithi - Bevor ich jetzt gehe

Paul Kalanithi ist tot. An Krebs erkrankt, hat der junge Assistenzarzt gegen eine Krankheit gekämpft, die zuletzt stärker als er war. Über diesen Kampf gegen den Krebs, letztendlich über sein Sterben, schrieb der aufstrebende Neurochirurg in „Bevor ich jetzt gehe“, das posthum von seiner Ehefrau Lucy veröffentlicht wurde. In zweite Hälften teilt sich das Buch, zum einen erzählt Kalanithi über sein Leben als Assistenzarzt der Neurochirurgie und zum anderen über das Leben nach der Diagnose, als Patient, dessen Überlebenschancen gering eingestuft werden und die Wiederentdeckung einer alten Leidenschaft, nämlich die Liebe zur Literatur und dem Glück von Dingen, die er so nicht mehr kannte.

Das Leben als Arzt – das Leben mit Krankheiten

Die Ausbildung in der Neurochirurgie ist die härteste Arztausbildung, schreibt Kalanithi, und so war er schon vor seiner Erkrankung körperlich angegriffen von den vielen Stunden als Assistenzarzt, den zusätzlichen Schichten und der Verantwortung zwischen Leben und Tod. Aber schon in jungen Jahren hatte er sich das Ziel gesteckt den Kern des Seins zu entschlüsseln, den er u. a. auch in der Literatur und der Philosophie suchte, letztendlich aber durch die Chirurgie im Gehirn des Menschen zumindest zu Teilen fand, als Ort menschlicher Identität.

Die Arbeit im Anatomiesaal lehrte ihn die Sinnhaftigkeit von Leben und Tod und zeigte ihm, dass man als Arzt den Menschen verdinglichen muss, um entscheiden zu können, was der richtige Weg ist. Ziel eines Arztes ist es, das Leiden zu lindern und gleichzeitig die Erkenntnis zu erlangen, dass das Überleben nicht immer Ziel des Menschen ist. Vielmehr zählt die Identität des Menschen und was für jeden Einzelnen noch ein lebenswertes Überleben ist. Der Arzt bringt den Menschen den Tod näher, macht ihn bewusster und auch greifbarer. Als Neurochirurg kann er verantwortlich dafür sein, dass ein Mensch vollkommen anders aus einer Operation hervorgeht; verändert ist, eine andere Identität besitzt.

Wann ist das Leben nicht mehr lebenswert? Wann ist der Tod eine Alternative zu einem nicht mehr lebenswertem Leben? Paul Kalanithi wusste, dass diese Fragen immer wieder neu verhandelt werden mussten, auch bei sich selbst, als er mit einer Krankheit konfrontiert wurde, die er lange Zeit im eigenen Körper ignoriert hatte.

Das Leben als Patient – das Leben mit dem Krebs

Mit der Diagnose Krebs wurde Paul Kalanithi die Realität der eigenen Sterblichkeit nur allzu bewusst, die man als junger Mensch noch weit von sich wegschiebt. Als Arzt war ihm von vornherein klar, was die Diagnose bedeutet, welcher Kampf ihm bevorstehen würde. Doch gleichzeitig wusste er nicht, was er Tag für Tag als Arzt von seinen Patienten verlangte, welche physische und psychische Stärke er forderte. Dies lernte er als Patient, als sein eigener Lebenswille auf die Probe und sein Leben auf den Kopf gestellt wurden.

Paul Kalanithi berichtet, wie schwierig nicht nur der Kampf gegen eine tödliche Krankheit ist, sondern auch wie schwierig es ist, vom Arzt zum Patienten zu werden. Denn sein medizinisches Fachwissen half ihm in dieser neuen Situation nicht weiter. Jeder Fall ist einzigartig, jeder Fall bedarf anderer Wege und die Kraft, die ihn durch seine Erkrankung immer mehr verließ, nahm ihm eben auch diese Kompetenz des Arztes. Er wollte nicht krank sein, er wollte nicht kämpfen müssen und doch tat er dies, für seine Frau Lucy, mit der er nach seiner Diagnose noch die gemeinsame Tochter Cady bekam. Zwischen Glück und Hoffnung, Angst, Schmerz und Krankheit schwankte seine Zeit als Patient. Chemotheraphien, andere Medikationen und der Kampf an sich, nagten an Paul, der trotz allem sein Ziel Neurochirurg zu werden nicht aufgab, am Ende aber diesen Traum nicht weiterverfolgen konnte.

Er widmete sich der Literatur, der er schon immer zugetan war, die aber auf seinem Weg zum Arzt in den Hintergrund rückte und nun wieder von essentieller Bedeutung wurde. Er fing an zu schreiben, beschäftigte sich auf diese Weise mit dem Sinn des Lebens und macht dies auf eine wenig emotionale Art und Weise. Doch obwohl er sich emotional eher vor dem Leser verschließt, hatte ich beim Lesen das Gefühl, den Menschen Paul Kalanithi kennenzulernen.

Der Sinn des Lebens

Mit einem Kloß im Hals verfasste ich diese Rezension, denn nicht nur das Thema von Paul Kalanithis Buch ist ein schweres, berührendes und ernstes Thema: Krebs. Nein, auch der Arzt und Autor hat den Krebs nicht überlebt und ist 2015 verstorben. Eine Krankheit, die vor niemandem Halt macht, die jeden treffen kann und deren Kampf jeder verlieren oder auch gewinnen kann. Im Fall von Paul Kalanithi hat die Krankheit einen beeindruckenden sowie intelligenten Mann das Leben genommen, denn jener war nicht nur Arzt, um Leben zu retten, sondern um den Kern menschlichen Seins zu entschlüsseln, den er für sich im Gehirn festmachen konnte, dort wo die Identität jedes Einzelnen bestimmt wird.

Man kann nicht sagen, dass Paul Kalanithi beispielhaft mit seiner Krankheit umgegangen ist, dass er sich geschont hätte. Nein, vielmehr hat er von sich alles abverlangt, ist nicht kürzer getreten, hat die Anzeichen einer Krankheit ignoriert, bis sie nicht mehr zu ignorieren waren; und auch dann hat er von seinem Körper alles gefordert. Auch wenn sein Buch „Bevor ich jetzt gehe“ keine beispielhafte Handhabung für eine Krebserkrankung ist (aber was ist schon beispielhaft, was ist erfolgversprechend?), so zeichnet es doch einen belesenen Mann aus, der seinen Platz im Leben gefunden hatte, und der auch den Umgang mit seiner Erkrankung bestmöglich für ihn uns eine Familie gestaltet hat. Er hat in den schlimmsten Momenten noch das Glück für sich entdecken können.

Paul Kalanithi war ein guter Mensch, ein Mann, der sein Ziel und seine Interessen im Leben früh fand, dem das Leben etwas bedeutet hat, der die Sinnhaftigkeit entschlüsseln wollte. Mit seinem posthum veröffentlichen Buch gibt er genau das weiter: die Frage nach einem lebenswerten Leben und wie jeder es bestmöglich nutzen sollte, selbst im Angesicht des Todes. „Bevor ich jetzt gehe“ ist kein Buch, das einem beibringt, wie man mit einer Krebserkrankung umgeht, egal ob selbst betroffen oder als Angehöriger. Es ist aber ein Buch, das dem Leser eine Lebensgeschichte wenig emotional aber ehrlich näher bringt.

Details zum Buch: Autor: Paul Kalanithi | Originaltitel: When Breath Becomes Air | übersetzt von: Gaby Wurster | Genre: Autobiographie, Erfahrung | Reihe: – | Gattung: Biographien & Erinnerungen | Verlag: Knaus Verlag ( 2016 )

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